Doping in der DDR : Die Vergangenheit kehrt zurück

Der aktuelle Biathlon-Bundestrainer Frank Ullrich soll in der DDR Dopingmittel verabreicht haben.

Frank Bachner,Benedikt Voigt
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Selber im Visier. Frank Ullrich muss sich gegen Anschuldigungen des ehemaligen Biathleten Jürgen Wirth wehren.Foto: dpa

Eigentlich hätte sich Frank Ullrich freuen können, in der kommenden Woche nach Deutschland zurückzukehren. Der 51 Jahre alte Biathlon-Bundestrainer ist auch in dieser Weltcupsaison unaufhörlich gereist, in dieser Woche musste er von Trondheim nach Sibirien fliegen, wo am kommenden Wochenende in Chanty-Mansijsk das Weltcupfinale der Biathleten ansteht. Inzwischen aber dürfte Frank Ullrich das Nachhausekommen etwas schwerer fallen. In seiner Heimat werden heftige Vorwürfe gegen ihn erhoben.

Der ehemalige Biathlet Jürgen Wirth beschuldigt den Bundestrainer, ihm während seiner Zeit als DDR-Nationaltrainer Dopingmittel verabreicht zu haben. „Frank Ullrich hat uns damals angewiesen, dieses Mittel Oral-Turinabol einzunehmen, damit wir schneller wieder regenerieren“, sagte Wirth gegenüber der ARD. Auch den damaligen Biathlon-Cheftrainer und heute in Altenberg tätigen Wilfrid Bock klagte der ehemalige Staffel-Weltmeister an. „Die Trainer Wilfried Bock und Frank Ullrich haben die Einnahme auch kontrolliert, ob jeder wirklich diese Tablette nimmt“, sagte Wirth. Beide Beschuldigten weisen die Vorwürfe zurück. „Ich habe in meiner gesamten Trainerlaufbahn niemals einen Athleten dazu angewiesen, Dopingmittel zu nehmen“, sagte Ullrich. Als junger Kotrainer, der erst 1987 seine Trainerlaufbahn begann, sei er weder zu Anordnungen noch zu Kontrollmaßnahmen befugt gewesen. Inzwischen will er rechtliche Schritte einleiten.

Falls es tatsächlich Doping im DDR-Biathlon-Team gegeben hat, wäre es allerdings ungewöhnlich, wenn der Kotrainer nicht davon gewusst hätte. „Es würde dem System nicht entsprechen, wenn ein Spitzentrainer keine Kenntnis von einer Dopingpraxis hätte“, sagt der Sporthistoriker Giselher Spitzer, ein Experte für das DDR-Dopingsystem. Auch das frühere Dopingopfer Birgit Boese, die eine Dokumentation über die Erfahrungen dopinggeschädigter DDR-Sportler erstellt hat, sagte: „Es gibt mehrere Ex-Athleten, die ausgesagt haben, dass sie auch von Assistenztrainern Dopingmittel erhalten haben. Mitunter ging das über mehrere Wochen, wenn zum Beispiel ein Trainer zur Olympiavorbereitung abkommandiert oder eine Trainerin im Babyjahr war.“ Auch bei Nationalkadern sei dies üblich gewesen. Es habe Nationalmannschaften gegeben, bei denen die Assistenten der Nationaltrainer die Dopingpillen verabreicht haben. „Es gibt dafür Beispiele im Turnen und im Volleyball“, sagte sie.

Beide Trainer bestreiten, je etwas mit Doping zu tun gehabt zu haben. Auch der ehemalige DDR-Biathlet Frank Peter Roetsch unterstützt sie. Der Doppelolympiasieger von Calgary 1988 und Teamkollege Wirths dementiert gegenüber dem „Sportinformationsdienst“, jemals gedopt worden zu sein. „Ich habe weder von Herrn Bock noch von Herrn Ullrich Dopingmittel erhalten“, sagte Roetsch, „mit mir war Doping nicht zu machen.“

Der Sporthistoriker Giselher Spitzer dokumentiert hingegen in seinem Buch „Sicherungsvorgang Sport“ einen IM-Bericht aus dem Jahr 1984 eines DDR-Verbandsarztes im Wintersport, der als Inoffizieller Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes tätig war. Darin gibt dieser seine Doping-Planungen wieder: „Die Tagesdosierung lag zwischen fünf und 15 mg Anabolika und wurde durch Injektionen ergänzt, im Biathlon wurden in vier Monaten rund 600 mg Anabolika pro Sportler vergeben.“ Bei den Biathlon-Frauen seien Anabolika ohne Wissen der Sportlerinnen mit einem Ermüdungstrunk gegeben worden, weil diese Vorbehalte gegen ein bestimmtes Dopingmittel gehabt hätten. 1984 nahm Frank Ullrich als aktiver Biathlet an den Winterspielen in Sarajewo teil.

Der Deutsche Skiverband (DSV) untersucht nun die Vorwürfe. „Unsere Trainer sind nach der Wende von der Reiter-Kommission überprüft worden und jeweils vor den Olympischen Spielen“, sagt DSV-Sprecher Stefan Schwarzbach, „da ist nichts gefunden worden.“ Am Dienstag wird sich das DSV-Präsidium mit dem Fall beschäftigen, zudem wird die Aktenlage geprüft. Und schließlich soll auch Frank Ullrich angehört werden. Wenn er aus Sibirien zurückgekehrt ist.

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