Doping in der DDR : Ist zur Vergangenheit schon alles gesagt?

Nach dem Doping-Geständnis von fünf Leichtathletiktrainern hoffen heute aktive Athleten auf ein Ende der Debatte – einige Opfer dagegen nicht. Sie wollen die Entschuldigung nicht hinnehmen.

Frank Bachner,Friedhard Teuffel

Berlin - Das Fragezeichen am Ende ist deutlich herauszuhören. „Ein Schlussstrich?“, sagt Klaus Schneider, „ein Schlussstrich unter die Vergangenheit der DDR?“ Schneider ist einer der fünf Trainer, die jetzt in einer Erklärung zugegeben haben, in der DDR Athleten wissentlich gedopt zu haben und die Opfer um Entschuldigung bitten. Dass damit ein Kapitel abgeschlossen ist, daran zweifelt Schneider. Für ihn ist die Erklärung eher dies: „Ein Ergebnis, mit dem beide Seiten gut leben können.“

Diese beiden Seiten, das sind für den Magdeburger Bundestrainer für Kugelstoßen die belasteten Trainer einerseits und die Sportverbände andererseits, die auf ihre Erklärung gewartet haben, um etwas Normalität in die Diskussion um das Doping von gestern zu bringen. Die Opfer meint Schneider nicht. „Die Opfer, das ist ein Kapitel für sich“, erklärt er, „dazu möchte ich nichts sagen, weil es sonst in eine bestimmte Richtung gehen würde.“

Immerhin ist das Problem für Schneider nun keineswegs ein für alle Mal beendet. Sonst würde er nicht öffentlich darüber reden – im Gegensatz zu seinem Kollegen Gerhard Böttcher aus Halle an der Saale, der seiner schriftlichen Erklärung am Dienstag auf Anfrage nichts hinzufügen wollte. Schneider sagt dafür: „Was nun kommt, hängt von allen Beteiligten ab.“ Das Thema Doping sei in Deutschland jedenfalls bisher sehr gründlich aufgearbeitet worden, gründlicher als in anderen Ländern. „Aber Doping ist kein deutsches Problem, sondern ein internationales.“ Und zur Kritik der Opfer, dass die Trainer mit ihrer Erklärung sich nicht individuell entschuldigt haben, sagt Schneider, der unter anderem die Olympiazweite Nadine Kleinert trainiert: „Es geht um ein allgemeines Problem, da sollte man nicht Einzelne herauspicken.“

Nadine Müller reagierte gelassen auf die Erklärung. Die Diskuswerferin trainiert seit Jahren bei Böttcher. „Das Vertrauensverhältnis ist nicht gestört“, sagt die 23-Jährige. „Ich bleibe weiter bei meinem Trainer.“

Kritisch steht sie anderen Betroffenen gegenüber. Zum Beispiel dem früherem Kugelstoßer Gerd Jacobs, der mit seinem Vorwurf, der Wurf-Bundestrainer Werner Goldmann habe ihn zu DDR-Zeiten gedopt, die Trainerdiskussion neu entfacht hatte. „Ich habe wenig Verständnis für die Athleten, die das Ganze in Gang gebracht haben. Ich weiß nicht, ob Gerd Jacobs weiß, was er angerichtet hat.“ Jacobs ist ein anerkanntes Dopingopfer, Goldmanns Vertrag lief aus und wurde nicht verlängert. Er klagt gerade vor dem Arbeitsgericht auf Weiterbeschäftigung.

Die Erklärung hat er nicht unterzeichnet, sie hätte ihm auch anders als seinen fünf Kollegen keine Weiterbeschäftigung mit Steuermitteln gesichert. „Ich will erst wissen, ob Gerd Jacobs die Wahrheit gesagt hat“, sagt Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Goldmanns Anwalt wollte sich am Dienstag zum weiteren Vorgehen seines Mandanten nicht äußern.

Die Siebenkämpferin Jennifer Oeser steht der Diskussion „eher neutral gegenüber“. Ihr Bundestrainer ist Klaus Baarck, auch er einer der Unterzeichner. „Ich wünsche mir und hoffe es für die Trainer und die deutsche Leichtathletik, dass mit dieser Erklärung ein Schlussstrich unter die Diskussion gezogen wird. Jeder hat doch gewusst, dass viele DDR-Trainer diese Vergangenheit haben. Aber ich gehe davon aus, dass sie sich seit der Wende nichts haben zu Schulden kommen lassen.“ Deshalb habe sie sich nicht an Baarcks Vergangenheit gestört. Die anderen Unterzeichner sind Speerwurftrainerin Maria Ritschel, ebenfalls aus Halle, und Rainer Pottel aus Berlin, der auch den Zehnkämpfer André Niklaus trainiert.

Eine Gruppe von Dopingopfern kritisierte am Dienstag noch einmal die Erklärung. „Das ist eine politische Perversion und ein Fall fürs Parlament. So werden wir das auch nicht hinnehmen“, sagt die ehemalige Sprinterin Ines Geipel der Deutschen Presse-Agentur. Die Gruppe prüfe gerade juristische Schritte.

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