Doping : Opfer als Täter

Ein Opfer wird zum Täter, ganz plötzlich. Und schon ist alles wieder ganz kompliziert, wenn es um den Spitzensport in der DDR geht und seine Folgen für das Heute:

Robert Ide,Friedhard Teuffel
Goldmann
Der entlassene Kugelstoß-Bundestrainer Werner Goldmann klagt auf Wiedereinstellung -Foto: dpa

Berlin - Zunächst waren die Rollen noch klar verteilt. Kugelstoß-Bundestrainer Werner Goldmann war von seinem früheren Athleten Gerd Jacobs vorgeworfen worden, ihn einst mit Anabolika gedopt und über die gesundheitlichen Folgen nicht aufgeklärt zu haben. Eine vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) einberufene Anti-Doping-Kommission empfahl die Entlassung des Trainers. Die wurde auch durchgesetzt – gegen den Protest prominenter Athleten wie Diskuswerfer Robert Harting oder Speerwerferin Christina Obergföll, die sich für den Trainer einsetzten. Goldmann bestreitet die Vorwürfe, klagt nun auf Wiedereinstellung und hat dabei arbeitsrechtlich gute Chancen. Moralisch aber haben sich viele von ihm distanziert. Bis jetzt.

Denn nun kommt heraus, dass der Kronzeuge selbst Helfer des DDR-Staatsapparates war. Gerd Jacobs, das anerkannte Dopingopfer, hat eingeräumt, dass er früher als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit tätig war. „Ich bin hochgradig beteiligt gewesen“, sagte Jacobs der „Sport Bild“. „Ich wurde vereidigt und war auch Täter.“ Gerd Jacobs hat demnach zwischen 1986 und 1988 dem Spitzelapparat gedient. Seine Sportlerkarriere hatte er allerdings zu diesem Zeitpunkt schon beendet – nachdem ihn seine damalige Schwiegermutter, die in einem Krankenhaus tätig war, auf die Gefahren seiner leistungssteigernden Mittel aufmerksam gemacht hatte.

Dennoch stellt sich nun die Frage: Erschüttert das Geständnis die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen? Tut es nicht, sagt Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und als Amtsgerichtspräsident selbst vertraut mit juristischen Verfahren. „Am Ende muss das Gericht entscheiden, aber Zweifel an der Glaubwürdigkeit kommen vor allem dann auf, wenn jemand wissentlich die Unwahrheit sagt“, erklärt Prokop. Bei Jacobs sei das Gegenteil der Fall. „Er hat sich doch in bemerkenswert selbstkritischer Offenheit zu den Schatten seiner Vergangenheit geäußert.“ Dass er dies allerdings erst so spät getan hat, stößt auch auf Unverständnis. Zwar will DOSB-Generaldirektor Michael Vesper dem Dopingopfer Jacobs die Glaubwürdigkeit ebenfalls nicht absprechen. „Aber ich finde es persönlich schon bemerkenswert, wenn man andere anklagt und selbst nicht sofort reinen Wein einschenkt“, sagt Vesper. Von der Haltung, Goldmann solle sich vor einer Rehabilitation erst einmal entschuldigen, will der DOSB dennoch nicht abrücken.

So plötzlich können sich Schemata im Streit um die DDR-Vergangenheit verändern – auch im Sport, auch noch 20 Jahre nach dem Umbruch. Michael Vesper stellt sich eine Frage, die nicht nur Sportfunktionäre bewegt: „Wie lange werden wir uns damit noch beschäftigen?“

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