Doping : Um acht Uhr morgens bei McDonald’s

Das Doping-Geständnis des Radprofis Bernhard Kohl offenbart, wie wirkungslos die Kontrollen sind.

Mathias Klappenbach
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Von Eigenblut über Insulin bis Testosteron. Bernhard Kohl hat alles genommen.Foto: dpa

Berlin - Der Auftritt des Radprofis Bernhard Kohl in der ARD-Sendung „Beckmann“ hat in einer ganz anderen Hinsicht wichtige Erkenntnisse gebracht, als es geplant war. Der 27 Jahre alte Österreicher erzählte eine Menge interessanter Details darüber, warum (weil es alle tun), wo (gegenüber von McDonald’s) und wie (mit allem) er gedopt hat, zudem erhob er indirekt Anschuldigungen gegen Marc Schmidt, den Arzt seines ehemaligen Teams Gerolsteiner. Größere Bedeutung hatte aber das, was nicht gesagt wurde – und zwar von einem weiteren Gast der Sendung, dem Dopinganalytiker Professor Mario Thevis.

Üblicherweise haben die Fachleute in solchen Talkrunden die Aufgabe, neben der Wirkungsweise der Dopingmittel auch zu erklären, wie nahe die Fahnder den Dopern auf der Spur sind und welche Mittel nachgewiesen werden können. Über die Erläuterung der Wirkungsweise der Dopingmittel kam Thevis am Montagabend aber nicht hinaus.

Die Ausführungen Kohls boten dafür keine Chance. Die Tour de France 2008, bei der Kohl den dritten Platz belegte, die Bergwertung gewann und positiv getestet wurde, war aus Sicht der Doper wohl nur eine Art Betriebsunfall. Kohl und eine Reihe anderer Radprofis waren bei der Tour 2008 positiv auf das Blutdopingmittel Cera getestet worden – aber nur, weil ihnen die Information fehlte, dass es einen Test dafür gab. Am Montagabend wurde sehr deutlich, dass die Kontrolleure nach wie vor auf verlorenem Posten stehen. Kohl, der Dopingmittel genommen hat, seit er 19 Jahre alt war, berichtete, dass er insgesamt 200 Mal kontrolliert und nur dieses eine Mal positiv getestet worden sei. „Ich habe um acht Uhr morgens Wachstumshormon gespritzt. Um neun Uhr kam ein Kontrolleur, nichts.“

Wachstumshormon, Cera, Eigenblutdoping, Kortison, Testosteron, Insulin: Kohl hat die ganze Palette genommen und ist jahrelang nicht aufgefallen. „Das ist eine Bankrotterklärung für die Kontrolleure“, sagte gestern ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt, der die Sendung vorbereitet hatte und auch im Studio war.

In Deutschland gibt es jährlich 10 000 Dopingproben, davon sind 50 positiv. Eine Quote, die zu der Kohls passt.

Kohl, der vor der Sendung zurückgetreten war, sagte, er habe gedopt, um Chancengleichheit herzustellen. Man müsse dopen, um diese Top-Leistungen zu erbringen. Er belastete aus Angst vor Klagen außer seinem ehemaligen Manager Stefan Matschiner niemanden namentlich. Matschiner soll für Kohl und zwei andere Sportler eine Blutzentrifuge gekauft haben, nachdem in der Wiener Blutbank Humanplasma kein Doping mehr möglich war. Kohl habe vorher in Wien sonntagmorgens um acht Uhr gemeinsam mit drei anderen Sportlern gegenüber von Humanplasma bei McDonald’s gewartet, bis er zum Eigenblutdoping abgeholt wurde. Im Stundentakt wäre dann die nächste Gruppe dran gewesen, die Sportler würden aus allen Ausdauersportarten kommen. Deutsche Athleten will Kohl „persönlich“ nicht gesehen haben.

Nach dem Dopingskandal bei den Olympischen Winterspielen 2006 fiel die Quelle Humanplasma aus. Kohl und Matschiner halfen sich selbst, die Eigenbluttransfusion habe im Hotelzimmer bei der Tour nur zwanzig Minuten gedauert. Beim Team Gerolsteiner habe der Teamchef Hans-Michael Holczer seine Anti-Doping-Politik vorgelebt und von nichts gewusst. Auf die Frage von Beckmann, ob der Teamarzt (also Marc Schmidt) in das Doping 2008 involviert war, antwortete Kohl: „Kein Kommentar.“ Ex-Teamchef Holczer forderte gestern Details und kündigte juristische Schritte gegen Kohl wegen der Äußerung an. Schmidts neuer Arbeitgeber, das Team Milram, zog den Arzt von der am Mittwoch startenden Bayern-Rundfahrt zurück.

Irgendwann im Gespräch sagte Professor Thevis, dass alles, was an Kontrolle möglich sei, gemacht werde. Auf Kohls Einwand, dass das nicht genug sei, antwortete er: „Da stimme ich Ihnen zu.“

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