Doping : Wiener Blutsbrüder

Radprofi Kohl hat jetzt ein umfassendes Geständnis abgelegt. Der Bergkönig der letztjährigen Tour de France belastete nun auch andere Sportler und eine Plasmabank.

Markus Huber[Wien]
Kohl
Bernhard Kohl bei seinem Geständnis. -Foto: dpa

Schon klar, es war Zufall, aber schöner hätte dieser nicht sein können: Als am Dienstagabend der wegen Doping gesperrte Radprofi Bernhard Kohl kurzfristig eine Pressekonferenz gab, tat er dies im Wiener Ringstraßen-Café Landtmann. Kaum hatte der frühere Gerolsteiner-Fahrer seine Konferenz beendet, begann im benachbarten Burgtheater die Aufführung von Pedro Calderons Barockdrama „Das Leben ein Traum“. Bei Calderon geht es um die großen Fragen, um Liebe und Verrat, um Aufstieg, Fall und jede Menge Moral. Karin Beier hat den Klassiker in Wien ziemlich modern angelegt, je länger die Inszenierung dauert, desto mehr gleitet sie ins Absurde ab, der Schluss ist ziemlich trashig. Irgendwie war es genauso bei Bernhard Kohls Pressekonferenz. Mit einem Unterschied: Niemand im Raum glaubt ernsthaft, dass mit Kohls Äußerung das große Stück Doping in der österreichischen Sportgeschichte beendet ist. In jedem Fall hat Kohl, bei der Tour de France 2008 sensationell Dritter und Gewinner der Bergwertung, gestern eine radikale Kehrtwende gemacht.

Anders als nach dem Bekanntwerden, dass er sich den Tour-Triumph mit Einsatz des Epo-Nachfolgepräparats Cera geholt hatte, nannte er erstmals Namen, seine Praktiken – und vor allem Hintermänner. Er belastete seinen ehemaligen Manager Stefan Matschiner, der Dienstagmorgen im Rahmen der Ermittlungen der österreichischen Sonderkommission Doping festgenommen worden war.

Kohl gab nun an, dass er von Matschiner seit 2005 mit Dopingpräparaten versorgt worden war. Matschiner, selbst einst Mittelstreckenläufer, hatte offenbar alles im Programm: Epo, Wachstumshormon, Insulin und Testosteron. Auch Blutdoping habe der 34-Jährige bei Kohl durchgeführt. Das hat Matschiner bereits zugegeben, die anderen Vorwürfe jedoch zurückgewiesen.

Im September hatte auch Kohl noch abgestritten, dass er von Matschiner mit illegalen Präparaten versorgt worden war. Doch nun, nach dessen Verhaftung, brechen in Wien offenbar die Dämme – ein weiterer Radprofi, ein Apotheker und der ehemalige ÖSV-Langlauftrainer Walter Mayer wurden bereits festgenommen.

Matschiner dürfte dabei einer der Strippenzieher des Dopingnetzwerks gewesen sein. Neben dem niederländischen Leichtathleten Simon Vroemen hatte er auch den dänischen Radprofi Michael Rasmussen betreut – beide standen bereits mehrmals im Zentrum von Doping-Ermittlungen.

Am Mittwochmorgen kursierten zwei weitere Namen: Angeblich hätte Kohl bei seiner polizeilichen Einvernahme auch den Langlauf-Olympiasieger von 2002 Christian Hoffmann und den ehemaligen Gerolsteiner-Radprofi Georg Totschnig belastet. Die beiden wiesen dies aber zurück. Totschnig erklärte, dass er Matschiner „nicht persönlich kenne“ – Hoffmann sagte, dass er Matschiner nur einmal gefragt habe, ob er ihm einen Stirnband-Sponsor besorgen könnte.

Kohls Pressekonferenz rückte noch einen anderen Ermittlungskreis ins Zentrum: Der Radsportler gab an, dreimal Kunde eines Instituts namens Humanplasma in Wien gewesen zu sein. Diese Plasmabank war Anfang 2008 ins Gerede gekommen, weil dort mehreren höchst prominenten Sportlern, vor allem aus der deutschen Langlauf- und Biathlon-Szene, Blut entnommen und wiederaufbereitet verabreicht worden sein soll. Auch damals dementierten alle betroffenen Sportler – das Verfahren gegen zwei Ärzte wurde eingestellt. Gut möglich, dass es nun neuerliche Ermittlungen gibt.

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