Eisschnelllauf : Claudia Pechstein: Viele Worte für das richtige Bild

Die Athletin hat eine Medien-Offensive gestartet. Ist das nach der Sperre die richtige Strategie? Experten sagen: Sie hätte lieber früher reagieren sollen.

Hannes Heine
Pechstein Foto: dpa
Claudia Pechstein.Foto: dpa

Berlin - Es gibt nur Indizien. Beweise gibt es bislang nicht. Und es gibt eine Sperre, die nicht nur die deutsche Sportwelt bewegt. Sie wird jetzt vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas verhandelt. Das Urteil wird wegweisend sein für den Kampf gegen Doping. Denn Claudia Pechstein, die erfolgreichste deutsche Eisschnellläuferin, ist wegen des Verdachts auf Blutdoping gesperrt – auf der Basis von Indizien.

Vor einer Woche wurde bekannt, dass die fünffache Olympiasiegerin für zwei Jahre von der Internationalen Eislauf-Union (ISU) gesperrt worden ist. Rund um wichtige Wettkämpfe, etwa die Mehrkampf-WM im Februar in Hamar, wurden bei Pechstein zu hohe Retikulozytenwerte festgestellt. Retikulozyten sind die jungen roten Blutkörperchen; sie helfen der Ausdauer. Pechstein sagt, sie habe nicht gedopt. Die ISU sagt, natürlich könnten die Werte nicht sein. Und die Welt-Anti-Doping-Agentur erlaubt es inzwischen, Sportler nur wegen solcher Indizien zu sperren.

Pechstein reagierte geschockt auf das Urteil, sie weinte. Doch schon 24 Stunden später trat sie im Aktuellen Sportstudio des ZDF vor die Kamera. Und schon zwei Tage danach sah man sie bei den Wintersportfreunden des Bayerischen Rundfunks in München. Innerhalb einer Woche zog Pechstein durch unzählige Medien, kommentierte Statements von Dopingexperten und erklärte in verschiedenen Interviews – darunter im Tagesspiegel –, dass sie unschuldig sei und ihr Blut nun auf eine mögliche Anormalität untersuchen lasssen wolle. Pechstein agierte nach dem Schock sehr offensiv, ging keineswegs in Deckung. Sie klagt vor dem höchsten Sportgericht, entschuldigt sich für Notlügen, zu denen sie der Weltverband genötigt hätte. Insgesamt gibt sich Pechstein angriffslustig. Ist das die richtige Strategie?

Immer dann, wenn das Bild von Prominenten durch Vorwürfe in der Öffentlichkeit schwer erschüttert wird, sollen Krisenberater helfen. Bis zu 8000 Euro kosten die Dienste dieser PR-Elite am Tag. Von solchen Profis hat sich Pechstein bei ihrer Offensive nicht beraten lassen, sagt ihr Manager Ralf Grengel. Seit einer Woche muss der Ex-Radiojournalist permanent Fragen zu seiner derzeit bekanntesten Klientin beantworten.

Die Profis von den großen Beratungsagenturen hätten Claudia Pechstein allerdings eine andere Strategie nahegelegt: früher aktiv zu werden, und nicht erst mit Bekanntwerden der Sperre. Doch solange in dem Fall nichts bewiesen sei, das Verfahren also laufe, mache Pechstein auch vieles richtig, loben Imageberater. „In diesem Fall ist Angriff die beste Verteidigung“, sagt Dirk Popp, Krisenexperte bei „Pleon“. Die Agentur ist mit 680 Mitarbeitern in Europa ein Schwergewicht in der Beraterbranche. Andere Strategen loben ebenfalls die Vorwärtsstrategie. Ein anderer Berater, der nicht namentlich genannt werden möchte, sagt: „Wenn Pechstein jetzt ihr Haupt senkt, ist ihre Karriere schnell vorbei“ – und zwar bevor der Sportgerichtshof entschieden habe. Sponsoren könnten schließlich schnell abspringen.

Es gibt auch eine kritischere Lesart. Demnach hat Pechstein trotz ihrer entschlossenen Reaktionen den drohenden Rummel bei einem Dopingverdacht unterschätzt. Erst im Juni hat sich die Athletin untersuchen lassen, um nachzuweisen, dass die anormalen Werte auf eine Krankheit zurückzuführen sein könnten – ehe das Ergebnis da ist, können nach ihrer Aussage noch Monate vergehen. Und das, obwohl sie seit Februar von dem Verdacht und seit Mai von kritischen Blutwerten weiß. Pechstein hätte sich früher auf die Auseinandersetzung vorbereiten müssen, bemängelt Dirk Popp. Er sagt, dass auch langjährige Spitzenmanager zuweilen einen Skandal kommen sähen, sich jedoch zu Unrecht verfolgt fühlten und deshalb glaubten, es sei das Beste, den Sturm vorüberziehen zu lassen.„Wenn man als erfahrener Sportstar die Vorwürfe kennt und lange nicht handelt, ist man beruflich gesehen entweder lebensmüde oder größenwahnsinnig“, sagt es ein anderer PR-Berater drastisch. Pechstein hätte sofort – ob unschuldig oder schuldig – beginnen müssen, Leumundszeugen zu suchen. Auch Stratege Popp sagt: „Es wird wohl ausreichend Experten auf diesem Gebiet geben, nur mit denen spricht man am besten rechtzeitig und in Ruhe.“

Und nun? Claudia Pechstein nimmt sich inzwischen wieder öffentlich zurück, hält aber an ihrem Ziel fest, bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver zu starten. „Ich trainiere und will in Vancouver meine zehnte Olympiamedaille“, sagt sie und arbeitet sogar wieder mit ihrem alten Trainer Joachim Franke zusammen. Im Kampf um ihr öffentliches Bild weiß Claudia Pechstein: Wenn sie jetzt einknickt, ist nicht nur ihre Karriere, sondern auch ihr Ruf ruiniert. Und ihre bisher gewonnenen neun Olympiamedaillen verlieren ihren Glanz.

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