Fall Pechstein : Neue Fakten, neues Glück

Nach den entlastenden Aussagen von Wissenschaftlern hofft Claudia Pechstein auf einen Erfolg vor Gericht.

von und
Claudia_Pechstein
Kann wieder lachen. Claudia Pechstein hat bedeutsame Unterstützer bekommen.Foto: dpa

BerlinViel haben sich Claudia Pechstein und der Internationale Eislauf-Verband (ISU) nicht mehr zu sagen. Pechstein wirft dem Verband vor, durch ein mangelhaftes Dopingverfahren ihre Karriere zerstört zu haben. Die ISU hält Pechstein für unglaubwürdig und hat ihr eine zweijährige Dopingsperre aufgebrummt. Nun nimmt Pechsteins Rechtsanwalt Simon Bergmann aber noch einmal Kontakt mit der Gegenseite auf. Er will die ISU auffordern, die Wiederaufnahme des Dopingverfahrens vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas zu beantragen. Es habe sich schließlich einiges getan.

Am Montag hatten Wissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie Claudia Pechstein „mit 99,9 prozentiger Wahrscheinlichkeit“ bescheinigt, nicht gedopt zu haben. Sie habe vielmehr eine Blutanämie. „Den Wissenschaftlern stehen jetzt andere Messmethoden zur Verfügung als noch während des laufenden Verfahrens vor dem Cas“, sagte Bergmann, „daher können sie jetzt mit dieser Wahrscheinlichkeit sagen, dass sie nicht gedopt hat.“ Neuer Stand, neues Verfahren – das ist für Bergmann die Konsequenz. So wie ein Mordprozess auch neu aufgerollt werde, wenn auf einmal die Tatwaffe auftaucht.

Eine solche Revision sieht das Sportrecht jedoch eigentlich nicht vor. Ein neues Verfahren vor dem Cas wäre nur unter zwei Umständen möglich: Wenn die ISU dem zustimmt. Oder wenn ein Zivilgericht den Cas dazu auffordert. Ersteres ist nicht besonders wahrscheinlich. Die ISU müsste schließlich erhebliche Schadenersatzforderungen von Pechsteins Seite befürchten. Außerdem hat die ISU schon vorher ihren Kurs durchgezogen. „Sie ist uns bisher nicht einen Millimeter entgegen gekommen“, sagt Bergmann, „wir hatten nicht den Eindruck, dass es der ISU um eine Aufklärung des Falles geht. Sondern eher, dass sie die Ersten sein wollten, die den indirekten Beweis durchziehen.“ Bei Claudia Pechstein war zum ersten Mal bis zur höchsten sportgerichtlichen Instanz eine Dopingsperre nur aufgrund von Blutwerten ausgesprochen worden, ohne dass eine Dopingsubstanz in ihrem Körper gefunden worden war.

Was die ISU von den neuen Bewertungen der Wissenschaftler hält? Auf Nachfrage erklärte eine ISU-Sprecherin, der Verband äußere sich nicht zu laufenden Verfahren. Denn – und das ist Pechsteins andere Chance – vor dem Schweizer Bundesgericht ist noch ein Revisionsantrag der Eisschnelllauf-Olympiasiegerin anhängig. Darin hat sie auch alle neuen Erkenntnisse der Wissenschaftler eingebracht. „Wir können jetzt viel konkretere Aussagen machen als noch im vergangenen Jahr“, sagt Bergmann.

Sollte das Schweizer Bundesgericht Pechstein Recht geben, würde es ihren Fall wahrscheinlich wieder an den Cas zur neuen Verhandlung zurück überweisen. Dann geht es noch einmal von vorne los. Den Glauben an die Sportgerichtsbarkeit hat Pechstein jedoch ebenso wie ihr Anwalt längst verloren. Bergmann sagt: „Ich bleibe bei meiner These, dass der Cas ein Exempel statuieren wollte.“

Der renommierte Heidelberger Sportrechtsanwalt Michael Lehner nennt die Entscheidung im Fall Pechstein „eines der härtesten Unrechtsurteile, die ich je vom Cas gelesen habe. Da stehen einem die Haare zu Berge.“ Der Gerichtshof habe „selektiv Punkte in dem Gutachten herausgegriffen“, jene Punkte, die dann zu einer Verurteilung gereicht hätten. Er forderte eine Neuauflage des Verfahrens. Die Richter hätten unbedingt einen Präzedenzfall für einen indirekten Beweis gewünscht und seien entsprechend vorgegangen. „Die haben aber die Regularien der Wada, die für einen indirekten Beweis vorgeschrieben sind, missachtet.“

Lehner appellierte „an beide Parteien“, sich auf einen neuen Prozess zu einigen. Das betrachtet er als vielversprechender als den Versuch, vor dem Schweizer Bundesgericht Recht zu bekommen. Damit spricht er vor allem das Lager von Claudia Pechstein an, das genau auf diese Richter setzt. Doch die bilden eine hohe juristische Hürde. „Das“, sagte der renommierte Jurist Lehner, „weiß ich aus eigener Erfahrung.“

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben