Fall Pechstein : Verband sieht sich zur Komödie gezwungen

Der Eisschnelllauf-Verband macht Regeln dafür verantwortlich, dass er im Fall Pechstein mitgelogen hat.

Frank Bachner

Berlin - Helge Jasch hat sie einfach mal integriert, unterm Strich ist das für ihn noch das Einfachste. „Aber optimal ist die Situation natürlich nicht“, sagt Jasch, der Teamleiter der Deutschen Eisschnellauf-Gemeinschaft (DESG). Die Situation ist gerade so: Claudia Pechstein ist wegen Blutdopings zwei Jahre gesperrt, aber sie trainiert seit Montag in Berlin bei einem Lehrgang der DESG. Sie ist also offiziell Teil einer Verbandsmaßnahme.

Das passt ins Bild. Die DESG zieht auch mit Pechstein vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas; sie will dort nachweisen, dass ihre auffälligen Retikulozyten-Werte, die zur Sperre geführt haben, auf eine Krankheit zurückzuführen sind. Die DESG hatte auch bei der Komödie in Hamar mitgespielt, als Pechstein der Öffentlichkeit bei der Mehrkampf-WM mitgeteilt hatte, sie sei krank und müsse deshalb sofort nach Hause. In Wirklichkeit hatte ihr die ISU mitgeteilt, sie habe auffällige Werte.

Die Frage ist nun, ob die DESG bei so einer Komödie hatte mitspielen dürfen. Immerhin gab es ja den Verdacht auf einen Dopingfall. Aber DESG-Präsident Gerd Heinze fragt fast empört: „Was für ein Täuschungsmanöver denn? Wir durften doch gar nichts sagen.“

Zum Punkt „Vertraulichkeit und Berichterstattung“ heißt es im Regelwerk der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada: „Die Identität von Athleten, deren Probe(n) ein positives Analyseergebnis ergeben hat/haben (...) wird von der Nada erst an die Öffentlichkeit weitergegeben, wenn eine Entscheidung über die Sanktion getroffen worden ist.“ Die zuständige Internationale Eislauf-Union (ISU) darf den Namen früher publik machen, allerdings „nicht früher als vor Abschluss der B-Probe oder dem Verzicht hierauf.“ Eine positive Probe gab es bei Pechstein nicht, nur einen indirekten Beweis. Aber aus Sicht der DESG darf sie auch in diesem Fall die Identität nicht lüften.

Die Wahrnehmung der DESG hat allerdings zuletzt unter der Komödie gelitten, zumal der deutsche Verband auch einer holländischen Fernsehjournalistin mit einer Klage gedroht hatte. Die hatte von Gerüchten erzählt, im deutschen Lager gebe es einen Dopingfall. Heinzes Empörung darüber war gespielt. Aber der DESG-Chef sieht die Täuschung der Öffentlichkeit sowieso als Nebenaspekt an. „Ob da Fehler gemacht wurden, ist doch bei der Urteilsfindung zweitrangig“, sagt er. „Es läuft doch alles auf einen Streit der Wissenschaftler hinaus.“

Der ist jetzt schon im Gange. Der Pharmakologe und Dopingexperte Fritz Sörgel, der am Samstag noch gesagt hatte, Pechstein werde kaum beweisen können, dass ihre erhöhten Werte genetisch bedingt seien, ist inzwischen zurückhaltend bei der Einschätzung, ob ein Dopingfall vorliege. „Es kann sich aufgrund der Werte sowieso nur um Epo-Doping handeln“, sagte Sörgel am Mittwoch dem Tagesspiegel. Auffällig sei aber, dass bei Proben, bei denen Pechsteins Retikulozyten-Wert erheblich über dem Durchschnitt lag, gleichzeitig der Hämoglobinwert teilweise unterdurchschnittlich niedrig war. „Den Epo-Effekt erhält man aber durch einen hohen Hämoglobinwert.“ Den Hämoglobinwert kann man aber auch künstlich reduzieren. Deshalb sagte Sörgel auch: „Sollte sie manipuliert haben, dann mit einem perfekten System“.

Die Argumentation, eine Krankheit sei an den hohen Retikulozyten-Werten schuld, könne er aber nicht ausschließen, „auch wenn es eine Krankheit ist, die man erst noch benennen muss“. Nur eines ist klar: Den Retikulozyten-Wert selber, den kann man nicht manipulieren.

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