Gendoping : Willkommen in der Muskelhölle

Mit Unterstützung der Genforschung rollt auf den Sport eine Welle kaum nachweisbarer Dopingmittel zu. Werden so die Olympiasieger von morgen gemacht?

Friedhard Teuffel[Köln]
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Kurz vor der Expolsion. Mit Gendoping könnten noch viel mehr Männer so aussehen. -Foto: AFP

Jetzt sind es noch Mäuse, aber bald könnten es Menschen sein. In einem Laborversuch wuchsen einer Maus so gigantische Muskeln, dass sie es mit einer Ratte hätte aufnehmen können. Eine andere Maus rannte dreimal länger auf dem Laufband als andere Tiere, bis sie umkippte. Forscher hatten diesen Mäusen neue Substanzen gespritzt, die sie schon bald zum Heilen von Krankheiten am Menschen einsetzen wollen. Doch einmal im Umlauf, werden diese Mittel sicher auch im Sport ankommen. Es wären neue Dopingwaffen, und Patrick Diel soll dem Sport helfen, damit er dagegen nicht völlig wehrlos ist.

Der 44 Jahre alte Biochemiker leitet an der Deutschen Sporthochschule Köln eine Arbeitsgruppe, deren Ergebnisse mit darüber entscheiden könnten, ob der faire Sport überhaupt eine Zukunft hat: Es geht um Gendoping. Mit Hilfe der Genforschung entwickelt die Pharmaindustrie gerade Mittel, die bestens zum Dopen geeignet und gleichzeitig kaum nachweisbar sind.

Um seinen Arbeitsplatz möchte man ihn erst bedauern. Diels Büro befindet sich in einem grauen Klotz. Es ist zu vermuten, dass der Architekt sich nach Fertigstellung vor Scham ins Ausland abgesetzt hat. Einige Minuten vergehen, bis einer der beiden Fahrstühle da ist. Doch die Aussicht im neunten Stock entschädigt für vieles: Vor Diel baut sich das Panorama Kölns auf mit dem Fußballstadion im Vordergrund und dem Dom am Horizont.

Der Ausblick kann seine Sätze jedoch nicht entschärfen. Etwa: „Epo und Wachstumshormon – das ist alles Pipifax im Vergleich zu dem, was kommt.“ Oder: „Wir haben Lance Armstrong und Marion Jones schon nicht erwischt, obwohl sie konventionell gedopt haben, wie sollen wir dann die anderen erwischen?“

Auf diese Frage erwartet in dieser Woche auch der Deutsche Bundestag eine Antwort. Der Sportausschuss und der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung wollen am Mittwoch wissen, wie viel Gefahr durch Gendoping droht. Erklären soll ihnen das auch Diel, er ist einer der Autoren eines Gutachtens. „Ich bin gespannt, wie viel Prozent davon überhaupt verstanden wird“, sagt er. Als der Deutsche Olympische Sportbund Ende 2007 mit Experten über die Gefahren des Gendopings sprach, sollte Diel einem hohen Funktionär erst einmal erklären, was DNS ist. „Diese Leute diskutieren ernsthaft über Gendoping, wissen aber nicht mal, was eine Zelle ist.“

Allerdings hat sich selbst die Wissenschaft nicht darauf einigen können, was Gendoping eigentlich ist. Eine Definition orientiert sich an der Gentherapie. Um Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson zu heilen, sollen gesunde Gene in den Körper eingeschleust werden. Das funktioniert aber noch nicht. Also funktioniert auch Gendoping nicht. Die Definition der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada sagt dagegen, dass jegliche Veränderung der Wirkungsweise menschlicher Gene schon Gendoping ist. Demnach könnte Gendoping schon bald beginnen. Der Startschuss für einen völlig neuen Wettlauf zwischen Dopern und Dopingbekämpfern ist jedenfalls gefallen.

Die Pharmabranche investiert derzeit Milliarden, um mit den neuesten Erkenntnissen der Genforschung Alterskrankheiten wie Diabetes und Muskelschwund zu heilen. „Die chronisch Kranken sind die beste Einnahmequelle, die es gibt“, sagt Diel, der selber in den Neunzigerjahren bei Schering in der Pharmaforschung gearbeitet hat. Die Medikamente, die derzeit entwickelt werden, wirken auch auf die drei entscheidenden Komponenten der sportlichen Leistung: Kraft, Ausdauer und die Versorgung mit Nährstoffen.

Das Neue an diesen Substanzen ist, dass sie ganz gezielt molekulare Prozesse im Körper beeinflussen. Diel spricht daher auch eher vom drohenden Molekulardoping. Für die Wada ist es der Angriff des Gendopings.

Bislang ist nur einmal eine Substanz aus dem Bereich Gendoping im Sport aufgetaucht: Repoxygen. Der wegen Dopings einer Minderjährigen verurteilte Leichtathletiktrainer Thomas Springstein erwähnte es in einer E-Mail. Das Prinzip ist einfach: Das Dopingmittel Erythropoietin, kurz Epo, wird nicht wie bisher gespritzt, sondern Repoxygen bringt den Körper selbst dazu, mehr Epo zu produzieren. Repoxygen ist jedoch bisher nicht über den Tierversuch hinausgekommen. Dass es dennoch erwähnt wurde, zeigt die geringe Hemmschwelle, solche Substanzen einzusetzen.

Gerade forscht Diel an einem weiteren brisanten Projekt: Myostatin. Diese Substanz bildet der Körper, um ungebremstes Muskelwachstum zu verhindern. Ein Pharmaunternehmen entwickelt jedoch gerade ein Medikament, um Myostatin zu blockieren, damit Patienten mit Muskelschwund geholfen werden kann. Wie, das verrät das Unternehmen nicht. Deshalb betreibt Diel nun im Auftrag der Wada Grundlagenforschung. Die Wada erhofft sich von ihm ein Nachweisverfahren.

Doch Diel dämpft die Erwartungen: „Das Dopingkontrollsystem kann so nicht mehr funktionieren.“ Zusätzlich zu den individuellen Blutprofilen, die Verbände derzeit anlegen, um etwa Blutdoping nachweisen zu können, müsste es laut Diel auch Proteinprofile geben. Mit ihnen könnte vielleicht die Beeinflussung von Myostatin nachgewiesen werden. Vielleicht.

Für den Hochleistungssport will Diel nichts mehr an Möglichkeiten zur Manipulation ausschließen. „Alles, was ich an Dopingpraktiken befürchtet habe, ist eingetreten.“ Sein Ziel ist ohnehin ein anderes: „Es geht darum, abzuschrecken“, sagt Diel, der auch dem Zentrum für präventive Dopingforschung der Sporthochschule angehört. „Ich will verhindern, dass alle möglichen Breitensportler anfangen, das Zeug zu schlucken. Denn es gibt kein Doping ohne Nebenwirkungen.“

Die Verlockungen der neuen Präparate sind jedoch groß. Als ein Forscher aus Kalifornien Bilder seiner Muskelmaus veröffentlichte, bekam er E-Mails von Bodybuildern. Einer schrieb ihm: Ich möchte auch mal Ihr Mäuschen sein.

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