Interview : „Eine Modeerscheinung“

Regisseur und Tour-Fan Pepe Danquart über die Dopingdiskussion und die Rolle der Medien.

Herr Danquart, die diesjährige Tour de France polarisiert wie niemals zuvor. Auf welcher Seite stehen Sie?

Auf der Seite des Radsports, weil mich die diesjährige Berichterstattung rund um das Thema Doping ankotzt.

Hat der Radsport etwa gar kein Dopingproblem?

Wer weiß das schon mit Sicherheit? Der Unterschied ist jedoch, dass für mich die Unschuldsvermutung zählt und nicht ein Generalverdacht. Daher werde ich mich auch an keiner Hexenjagd beteiligen.

Glauben Sie nicht, dass jeder Fahrer auch ein potenzieller Dopingsünder ist?

Dazu ein Beispiel: Wenn Andreas Klöden die Tour gewinnen sollte, dann wird sich niemand freuen, es wird nämlich heißen: „Der war doch gedopt.“ Und: „Der hat bestimmt was zu verbergen.“ Dass er aber, nachdem die immergleichen Fragen bereits zum tausendsten Mal gestellt worden sind, keine Lust mehr hat, diese zum tausendsten Mal zu verneinen – auf diese Idee kommt keiner. Auch nicht darauf, dass er sich in Ruhe auf den Sport konzentrieren will.

Aber diese Fragen sind doch nicht unberechtigt. Die Radsportfans haben ein Recht zu erfahren, ob ein Fahrer, dem sie womöglich die Daumen drücken, gedopt ist oder nicht.

Noch ein Beispiel: Wenn Erik Zabel am Ende einer Sprintetappe Vierter wird, dann fragen die Reporter: „Herr Zabel, was ist passiert? Warum sind Sie nicht Erster geworden?“ Das Prinzip dieser Denke ist: „Du musst siegen oder dopen, sonst können wir nicht berichten.“ Sehen Sie die Doppelmoral?

Ja, aber sind die Methoden des Radsports nicht fragwürdiger?

Gegenfrage: Ist das System Tour de France nicht erst entstanden, um die Auflage der französischen Sportzeitung „L’Equipe“ zu steigern? Daran hat sich in den letzten 100 Jahren nichts geändert.

Also sind die Medien schuld.

Nicht alle, nur diejenigen, die sich voreilig positionieren. Denn das ist so typisch deutsch: Zuerst werden die Helden im Radsport gefeiert und dann ans Kreuz geschlagen.

Allerdings gibt es gerade in diesem Jahr auch Stimmen, die sehr wohl differenzieren können.

Das ist lediglich eine Modeerscheinung und obendrein auch opportunistisch. Wer dieses Jahr nur über Doping schreibt und den Sport boykottiert, wechselt nächstes Jahr wieder die Fronten.

Sind die Deutschen also zu hysterisch?

Erinnern Sie sich an den BSE-Skandal? Die Panik war riesengroß, aber nur ein Jahr später wurde wieder gegrillt. Komisch ist es hingegen, dass sich 1998 niemand hierzulande darüber aufgeregt hat, als der erste Dopingskandal publik wurde. Aber damals gab es ja noch einen Jan Ullrich …

… von dem sich viele heute wünschen, er würde sein Schweigen brechen.

Dafür ist es wohl zu spät. Er fürchtet das Gefängnis und den Verlust seiner sozialen Stellung.

Andere, die die Öffentlichkeit jahrelang getäuscht haben, waren geständig: Erik Zabel, Udo Bölts und Jörg Jaksche.

Vor dieser Entscheidung ziehe ich meinen Hut. Für Erik Zabel war das Geständnis schwerer als die Tour de France – und zwar zehnmal hintereinander. Und was passiert? Er kriegt von der Öffentlichkeit wieder nur eins drauf.

Was also ist der Ausweg aus dem Dopingdilemma?

Die Fahrer haben eine Ehrenerklärung unterschrieben – daran werden sie nun gemessen. Denn wie pervers soll es morgen zugehen, wenn normale Radfahrer schon heute wahllos des Dopings bezichtigt werden: auf offener Straße, von kleinen Kindern sogar.

Das Gespräch führte Paul Linke.

Pepe Danquart, 52, drehte mit „Höllentour“ einen Film über die Leiden und den Mythos der Tour. Für „Schwarzfahrer“ bekam der Regisseur 1994 den Oscar für den besten Kurzfilm.

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