Interview : „Wir sind nicht Radsport“

Der Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Eike Emrich, über Doping bei der WM.

Eike Emrich
Eike Emrich, Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. -Foto: dpa

Herr Emrich, worum geht es für die deutschen Leichtathleten bei der WM?

Wir hoffen, dass unser Weg bestätigt wird: weg von der planwirtschaftlichen Leichtathletik, hin zum Individuellen. Außerdem hoffen wir, dass möglichst viele Athleten in den Bereich ihrer persönlichen Bestleistungen kommen. Vor allem aber sollen die Athleten Spaß haben.

Wie können Sie prüfen, dass Erfolge tatsächlich auf Ihr Konzept zurückzuführen sind und nicht andere Ursachen haben?

Wir können die Ergebnisse an der Leistungsentwicklung der Athleten festmachen. Aber wir haben auch schon einen anderen Hinweis: Die Zahl der verletzten Athleten ist verglichen mit der Zeit davor gesunken. Wir legen ja Wert auf Verbesserungen im Gesundheitsmanagement. Das scheint zu greifen. Der Athlet muss im Mittelpunkt stehen, er ist nicht nur Mittel zum Zweck.

In der deutschen Leichtathletik gibt es viele ältere Trainer, denen individuelle Betreuung suspekt ist, weil sie alte Trainingsregeln missachte. Spüren Sie Widerstand?

Widerstand bekommt man immer, wenn man etwas Neues einführt. Es gibt manche, die leisten passiv Widerstand, andere ziehen sich in eine Nische zurück und machen weiter wie bisher. Ich habe aber den Eindruck, dass unser Vorgehen akzeptiert wird. Zum individuellen Training in offenen Gesellschaften gibt es auch keine Alternative. In der DDR konnte man anders trainieren, denn die DDR war eine geschlossene Gesellschaft. Aber in offenen Gesellschaften ist der Athlet mündig und für sich selbst verantwortlich. Es gibt keine umfassende Absicherung mehr für ihn durch den Staat. Trotzdem muss er am Ende sagen können: Es hat sich für mich gelohnt.

Im internationalen Vergleich beklagen die deutschen Athleten oft, dass sie häufiger kontrolliert werden als ihre Konkurrenten aus anderen Ländern. Mit wie viel Misstrauen beobachten Sie die Konkurrenz?

Ich bin gespannt auf das Leistungsniveau der Sieger. Die weltweit angestiegene Zahl an Dopingkontrollen sollte sich auch in Osaka bemerkbar machen. Da bin ich im Moment sehr zuversichtlich. Man sollte ohnehin das Drama eines Wettbewerbs mehr in den Mittelpunkt stellen als die Jagd nach neuen Rekorden. Wer sein Interesse nur an Rekorden, an abstrakten Zielgrößen ausrichtet, kann nur enttäuscht werden.

Glauben Sie, dass sich die Fortschritte in der Dopingbekämpfung wirklich auf alle Länder erstrecken?

In den entwickelten Industrienationen habe ich den Eindruck, dass die Aufmerksamkeitsschwelle gegenüber Doping stark gestiegen ist, also überall, wo freie Medien eine große Rolle spielen. Da findet auch eine moralische Debatte statt. In Ländern, in denen Athleten mit ihren Einnahmen ganze Familien und Clans ernähren, bin ich dagegen skeptisch. Es gibt jedenfalls keine Alternative zu einem weltweit operierenden System intelligenter Dopingkontrollen.

Erst Tour de France, dann Leichtathletik-WM. Löst eine Dopingveranstaltung die nächste ab?

Den Eindruck habe ich nicht, zumal es Unterschiede zum Radsport gibt. Aus allen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema wissen wir, dass die Leichtathletik eher das Betätigungsfeld der mittleren und höheren Schichten ist, der Radsport ist dagegen ursprünglich ein Arbeitersport. Es gibt also unterschiedliche Mentalitäten. Der Radprofi ist per Vertrag Berufsathlet, er bekommt ein definiertes Gehalt. In der Leichtathletik haben wir dagegen viele Athleten, die eine Ausbildung machen oder studieren. Das ist genau das, was wir wollen, denn es macht weniger anfällig für die Versuchungen des Dopings.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.


Eike Emrich, 50, ist der für Leistungssport zuständige Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und Professor für Sportwissenschaft an der Universität Saarbrücken.

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