Kommentar : Doping-Vergangenheit: Das Gestern prägt das Heute

20 Jahre nach dem Mauerfall hat der gesamtdeutsche Sport hat noch nicht zu sich selbst gefunden. Zu lange wurde rund um das Thema Doping gedruckst und geschwiegen.

Robert Ide

Zum Beispiel der Fall Claudia Pechstein: Die Berliner Eisschnellläuferin, erfolgreichste Wintersportlerin des vereinten Deutschlands, steht unter dem Verdacht des Blutdopings; der Weltverband hat sie deshalb gesperrt. Pechstein geht dagegen vor und versucht, ihre (vor allem rund um wichtige Wettkämpfe) auffälligen Blutwerte mit einer Krankheit zu erklären, die allerdings noch nicht gefunden ist. Und was tragen die deutschen Sportverbände zur Klärung bei? Sie eilen ihrer Medaillensammlerin zur Hilfe. Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft klagt gemeinsam mit Pechstein vor dem Welt-Sportgericht gegen die Sperre, der Deutsche Olympische Sportbund beschwört öffentlich die Unschuldsvermutung. Eine deutliche Aufforderung auch an die Athletin, zügig für Aufklärung zu sorgen, bleibt aus dem Sport jedoch aus. Warum?

Ein Grund dafür verbirgt sich in der jüngeren Geschichte des gesamtdeutschen Sports. In seinem zwiespältigen Umgang mit dem teilweise systematischen Medikamentenbetrug im DDR- Spitzensport, der Jugendliche sogar ohne deren Wissen schädigte. Auch in seinem Ausblenden des privat organisierten Dopings in jenem Land, das schon früher Bundesrepublik hieß. Und im jahrelang unwürdigen Umgang mit den Opfern der körperlichen Mast, die bis heute an Gesundheitsschäden leiden. Geblendet von der Jagd nach Medaillen setzte der organisierte Sport nach dem Umbruch vielfach weiter auf belastete Trainer und Funktionäre. Er ließ keine Selbstzweifel zu, sondern sonnte sich lieber im Ruhm der Jungstars des vereinten Deutschlands. Zum Beispiel Jan Ullrich. Zum Beispiel Claudia Pechstein. Erst jetzt wird die Frage gestellt, was ihr langjähriger Erfolgstrainer Joachim Franke zu DDR-Zeiten getan oder gewusst haben könnte. Erst 20 Jahre danach.

Der gesamtdeutsche Sport hat noch nicht zu sich selbst gefunden. Die Deutsche Sporthilfe rüstet gerade ihre so genannte „Hall of Fame“ in Berlin nach, weil sie zunächst vergessen hatte, auch ostdeutsche Sportler-Biografien zu berücksichtigen. Der Deutsche Leichtathletik-Verband will dopingbelastete Trainer mit Steuermitteln weiterbeschäftigen, nachdem diese eine vorformulierte Erklärung unterzeichnet haben, in der sie sich für Doping in der DDR entschuldigen. All das geschieht 20 Jahre nach dem Mauerfall – und wirkt seltsam verschämt. Wundern darf das niemanden. Weil zu lange gedruckst und geschwiegen wurde, fehlt die Basis für einen selbstbewussten und selbstverständlichen Umgang mit der eigenen Geschichte.

Natürlich benötigt eine Gesellschaft zum Weiterleben auch Vergebung. Aber vergesslich darf sie deshalb nicht werden. Eine ehrliche Debatte über die Erbschaften des deutsch-deutschen Sports aus dem Kalten Krieg, sie steht immer noch aus. Denn das Gestern prägt das Heute. Auch im Sport. Und gerade im Umgang mit Doping.

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