Kommentar : Fall Pechstein: Die Lücken werden sichtbar

Prozess des Zweifelns: Tagesspiegel-Sportchef Robert Ide über den Fortschritt im Dopingfall Claudia Pechstein.

Robert Ide

Am Ende könnte es sein, dass eine Unschuldige zu Unrecht verurteilt wird. Es könnte aber auch passieren, dass eine Schuldige zu Unrecht freigesprochen wird. Der Dopingfall Claudia Pechstein befindet sich derzeit im Prozess des Zweifelns: Die Indizien für oder gegen die wegen auffälliger Blutwerte gesperrte Eisschnellläuferin sind noch nicht stark genug für einen schlüssig zu begründenden Urteilsspruch. Genau diesen aber benötigt der Sport, denn die im Herbst zu erwartende Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs wird den künftigen Kampf gegen immer raffinierter dopende Athleten und dahinter stehende, zum Teil kriminell agierende Netzwerke prägen. Ist die Causa Pechstein, bei der sich sämtliche Experten schon über die Aussagekraft der vorliegenden Blutwerte streiten, also der falsche Fall in wichtiger Sache? Nein, dieser Präzendenzfall ist – auch wegen der Zweifel – genau der richtige.

Prinzipiell ist die Umkehr der Beweislast auf die Sportler richtig: Zu oft blieb trotz eines später bekannt gewordenen Betruges ein Urintest negativ, zu oft packten Kronzeugen erst nach Karriereende aus, zu oft waren Ermittler auf Zufallsfunde von Blutbeuteln in Athletenhotels angewiesen. Gegen das feingetunte Doping der Moderne müssen eben auch schwankende Blutbilder als Indizien herhalten dürfen. Der Fall Pechstein zeigt aber nun, dass diese Suche nach Indizien noch verfeinert werden muss. Diese Erkenntnis ist ein Fortschritt. Schon jetzt wird deutlich: Noch gibt es zu wenige Vergleichsmodelle, zu wenig Informationsaustausch zwischen den Anti-Doping-Behörden, noch gibt es keine von keiner Seite angezweifelte Untersuchung von Pechsteins Blut. Wissenschaftler fordern nun, genau diese Lücken zu schließen – etwa mit einem Quarantäne-Check Pechsteins und einem besseren Datenabgleich der Dopingjäger. Schon mit der Diskussion dieser Möglichkeiten wird der Kampf gegen Doping vorangebracht. Und auch der strittige Präzedenzfall. Denn nun schließt sich die Frage an: Was kann und will Pechstein zu einem Urteilsspruch beitragen, der nicht allein auf Zweifeln beruht?

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