Patrik Sinkewitz und seine positive A-Probe : Der Falschfahrer

Der größtmögliche Unfall ist passiert: Patrik Sinkewitz stand für den neuen Kurs von T-Mobile und wurde jetzt positiv auf Testosteron getestet. Er kommt er aus einem verdächtigen Umfeld.

Sebastian Moll[Marseille]
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Wieso ich? Patrik Sinkewitz ist bei einer unangemeldeten Trainingskontrolle positiv getestet worden. -Foto: ddp

Ein Jahr ist es jetzt her: Olaf Ludwig arbeitete noch als Sportlicher Leiter bei T-Mobile, Jan Ullrich und Oscar Sevilla waren gerade suspendiert worden, die Stimmung im Team war angespannt. Und Patrik Sinkewitz war genervt. Eine Zeitung hatte gerade aufgedeckt, dass der Radprofi aus Fulda mit dem italienischen Sportmediziner Michele Ferrari zusammen gearbeitet hatte, der Hauptfigur in einem Ermittlungsverfahren wegen Dopings. Sinkewitz hatte gemäß Stallorder die Zusammenarbeit mit Ferrari beendet, doch darüber reden wollte er lieber nicht. Eine erste Nachfrage beantwortete er noch genervt mit der branchenüblichen Standardreaktion, dass Ferrari nur sein Trainer sei und nicht sein Arzt. Bei der Bitte um genauere Auskunft über die Details der Verbindung nach Italien drehte sich Sinkewitz wortlos um und verschwand im Mannschaftsbus.

Beim Tour-Start in diesem Jahr in London hatte Sinkewitz wohl seine PR-Lektion von der neuen Mannschaftsführung gelernt: Er ließ auch Fragen zum Thema Doping geduldig über sich ergehen. Im Nachhinein muss man nun jedoch vermuten, dass er lediglich an seinem Auftritt gearbeitet hatte. Seine Einstellung zur Fairness im Sport, die ihn einst zu Ferrari trieb, hat sich hingegen wohl nicht geändert. Sollte sich der positive Test auf Testosteron auch in der B-Probe bestätigen, wird Sinkewitz automatisch für zwei Jahre gesperrt, zwei weitere Jahre darf er nicht von einem Pro-Tour-Team unter Vertrag genommen werden. Zudem muss er eine Geldstrafe in Höhe seines Jahresgehaltes zahlen. Bei Sinkewitz dürften dies bis zu 500.000 Euro sein.

Es sieht so aus, als hätte Patrik Sinkewitz auch nach dem Neustart im Team T-Mobile gedopt und damit den Fortbestand der gesamten Mannschaft gefährdet. Und nicht nur das – das Modell T-Mobile sollte als Zukunftsmodell für den gesamten Radsport dienen. Wenn es nun wegen Sinkewitz nach nur einem Jahr scheitert, stirbt mit der Mannschaft eine der großen Hoffnungen für diesen Sport. T-Mobile hat nach der Tour de France des vergangenen Jahres einiges in Bewegung gesetzt, um Fälle wie den von Sinkewitz zu vermeiden. „Wir tun viel. Was wir aber nicht tun können, ist die Gewohnheiten und das persönliche Umfeld einzelner Fahrer ändern“, sagte Christian Frommert, der Kommunikationsdirektor des Unternehmens T-Mobile, nach Bekanntwerden der positiven Probe von Sinkewitz frustriert. Offenbar umgab der 26-Jährige sich mit Leuten, die Doping ermutigten und ermöglichten und hantierte seit langem mit unvorschriftsmäßigen Substanzen.

Es gibt neben der Verbindung zu Ferrari einige Indizien dafür, dass der jetzige Testosteron-Missbrauch von Sinkewitz kein Erstvergehen war. So erzählte in diesem Frühjahr die ehemalige Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer Sylvia Schenk der „Süddeutschen Zeitung“, dass Sinkewitz im Jahr 2000 als 20-Jähriger von der Junioren-Weltmeisterschaft nach Hause geschickt wurde. Die offizielle Begründung des Mannschaftsarztes Dr. Georg Huber aus der inzwischen berüchtigten Sportmedizin-Abteilung der Freiburger Universitätsklinik war damals, dass sich Sinkewitz eine Grippe eingefangen habe. Im Nachhinein will Schenk jedoch von einem BDR-Funktionär erfahren haben, dass Huber bei Sinkewitz auffällige Blutwerte festgestellt hatte. Huber riet Sinkewitz zur Heimreise, um dem BDR einen positiven Dopingfall zu ersparen.

Kurz nach dieser verpassten WM-Teilnahme heuerte Patrik Sinkewitz in der Nachwuchsmannschaft des damals größten Rennstalls im Profi-Peloton an: bei Mapei Quick Step. Leiter der Mannschaft war der Belgier Patrick Lefévère, über den die belgische Tageszeitung „Het Laatse Nieuws“ in diesem Frühjahr eine Reihe von belastenden Artikeln unter dem Titel „30 Jahre Doping“ veröffentlichte. In diesen Artikeln wurde unter anderem jahrelanges systematisches Doping bei Mapei mit Zeugenaussagen belegt. Bei Mapei lernte Sinkewitz auch Michele Ferrari kennen, der laut den Berichten von „Het Laatse Nieuws“ seit 1998 als eine Art inoffizieller Mannschaftsarzt von Mapei fungierte.

Alle diese Dinge wussten auch die Verantwortlichen bei T-Mobile, als sie Patrik Sinkewitz einen Vertrag für ihr Team mit dem vermeintlich neuen Gesicht gaben. Warum sie trotzdem mit ihm zusammen in eine neue saubere Ära starten wollte, erklärte Teamchef Bob Stapleton, nachdem er in der ersten Tour-Woche mit neuen Nachweisen der Dopingpraxis bei Mapei konfrontiert worden war – Nachweisen aus jenen Jahren, in denen Sinkewitz dort unter Vertrag stand: „Patrik tut heute alles, was wir von ihm verlangen. Das ist alles, was zählt.“ Bob Stapleton glaubt daran, dass Menschen sich ändern können, das war auch im Umgang mit seinem Teammanager, dem geständigen Rolf Aldag, seine Devise. Es ist traurig, dass dieser Glaube von Patrick Sinkewitz nun offensichtlich so folgenschwer enttäuscht wurde.

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