Radsport : Dubioses Doping-Labor bietet Tests an

Ein spanisches Labor soll Radsport-Profiteams ein Angebot für interne Doping-Kontrollen unterbreitet haben. Damit sei ein gezieltes Herandopen an Grenzwerte möglich, berichtet die ARD. Unterdessen gaben bei der Tour de France zwei Fahrer die Einnahme von Epo zu.

Benjamin Haller,Andreas Zellmer[dpa]
Tour de France
Tunnelblick. Wie viele Doping-Fälle kann die Tour de France noch verkraften? -Foto: dpa

Prato Nevoso/ItalienDie ersten Profis gestehen Epo, die ersten Sponsoren nehmen Reißaus, doch der befürchtete Doping-Flächenbrand ist vor Beginn der letzten Tour-Woche noch nicht ausgebrochen. Ein ARD-Bericht über das Angebot eines dubiosen Doping-Labors rückt den Profi-Radsport allerdings wieder ins Zwielicht. Eine südspanische Universität soll mehr als zehn Teams offeriert haben, "durch Urin-Analysen ein komplettes Steroid-Profil der Radfahrer" durchzuführen, mit dem man sich etwa an Grenzwerte herandopen könnte. "Ich habe eine solche Mail am 19. Februar 2008 erhalten und sie an unseren Mannschaftsarzt weitergeleitet, der sich dann mit Professor Schänzer in Köln in Verbindung setzte", sagte Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer am Wochenende.

Unterdessen beichteten der Spanier Moises Dueñas Nevado, zweiter Fall der Tour, und Leonardo Piepoli (Saunier Duval) Epo-Doping. Laut der spanischen "El Pais" soll der von seinem Team entlassene Piepoli, Mannschaftskamerad des bereits überführten Dopers Riccardo Ricco, seinem Sportdirektor Joxean Fernandez Matxin Epo-Konsum bestätigt haben: "Ich habe das Gleiche gemacht wie Riccardo." Dueñas Nevado outete sich ebenfalls und beschuldigte seinen Arzt Jesus Losa, ihm das Präparat beschafft zu haben. Dieser stritt den Vorwurf ab: "Ich habe ihm nie verbotene Produkte gegeben." Piepoli ist bei dieser Tour noch nicht als Doper entlarvt worden.

Sponsor Barloworld steigt aus

Schon vor den Beichten zog der gleichnamige Sponsor der Barloworld-Equipe als erster Geldgeber die Konsequenzen aus der Skandal-Tour und dem eigenen Dopingfall Dueñas Nevado und beendet nach der 95. Frankreich-Rundfahrt sein Engagement. "Wir haben unsere Position bezüglich Dopingvergehen klargemacht und handeln jetzt dementsprechend", sagte Barloworld-Marketingchef Chris Fischer. Eine Kettenreaktion weiterer Sponsoren droht. Nach dem Doping-Fall Ricco und dem Verdacht gegen Piepoli sei es "sehr wahrscheinlich", dass Saunier-Duval das Sponsoring einstellt, Generaldirektor Thierry Leroy. Saunier-Duval gehört zum Remscheider Heizgerätehersteller Vaillant. Gerolsteiner-Teamchef Holczer muss den umgekehrten Weg gehen und binnen weniger Tage einen neuen Finanzier finden. "Es ist Bewegung reingekommen", sagte er trotz der prekären Nachrichtenlage.

Zugleich konkretisierte der Schwabe die ominöse Offerte der Universidad de Extremadura. "Das Angebot der Universität Cáceres lautete unter anderem 50 Euro pro Kontrolle und Fahrer", sagte Holczer. Er habe die E-Mail - wie ähnliche Schreiben zuvor - an die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada weitergeleitet. "Die von Ihnen beschriebenen mutmaßlichen Praktiken sind besorgniserregend", wurde Wada-Generalsekretär David Howmann in der "Sportschau" zitiert. Nun sollen sich die spanischen Behörden des Falles annehmen. "Wenn das so stimmt, dann ist das dramatisch", sagte der Chef der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD, Pierre Bordry.

"Das haben wir schon länger vermutet, dass es irgendwo in Europa noch Laboratorien gibt, die Proben vorchecken. Laboratorien, die außerhalb des Kontrollsystems sind, und die dann Urin-Anteile von Athleten untersuchen, so dass die genau wissen, wann sie ihre Doping-Substanzen absetzen müssen, um nicht bei Kontrollen aufzufallen", kommentierte Hans Geyer vom Zentrum für präventive Doping-Forschung in Köln den "Wahnsinn". Laut ARD, die wie das ZDF wohl bis 2011 die Frankreich-Rundfahrt übertragen wird, ging das Schreiben des als Absender genannten Prof. Dr. Marcos Maynar Marino auch an die Teams Milram, CSC und Columbia (früher High Road).

Ricco beteuert Unschuld

Während vor dem Start der ersten Alpenetappe am Sonntagmorgen keine neuen Dopingsünder bekannt wurden, ließ der als Epo-Konsument entlarvte Ricco mal wieder von sich hören. Der Giro-Zweite beteuerte seine Unschuld, verlangte eine Gegenprobe und richtete - obwohl ihm eine zweijährige Haftstrafe droht - schon wieder markige Worte an die Konkurrenz. "Ich werde zurückkommen, und ich werde stärker sein als zuvor", tönte Ricco. Die Zuneigung seiner Landsleute hat er aber verloren. "Ricco ist wie Pantani: 50 Kilo Fleisch, Knochen und Doping", umschrieb "La Stampa" Italiens einstige Radsport-Hoffnung wenig charmant.

Trotz der dritten Skandal-Tour hintereinander halten die französischen TV-Zuschauer die Treue. Auch in Deutschland sind die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender mit den Einschaltquoten zufrieden und werden im September entscheiden, ob sie künftig weiter von der Tour berichten werden. "Die Europäische Rundfunk-Union EBU hat die TV-Rechte für die kommenden drei Jahre und wir werden entscheiden, ob wir sie nutzen. Im Moment ist die Tendenz, dass wir es wohl tun werden", sagte Roman Bonnaire, Tour-Teamchef von ARD und ZDF.

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