Radsport : Faule Eier und ein bisschen Epo

Das Blutpass-Programm des Radsportweltverbands UCI kam schwer in Gang. Nun hat es den Tourstarter Thomas Dekker überführt

Tom Mustroph
Dekker
Der Niederländer Thomas Dekker hatte Epo im Blut. -Foto: dpa

Berlin - Eineinhalb Jahre lang sammelten Bioinformatiker in Lausanne die Daten von knapp 1000 Profis. Sie maßen den Eisengehalt des Blutes und die Masse des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin. Sie stellten komplizierte Berechnungen zum Blutvolumen und der Anzahl der Retikulozyten (junge rote Blutkörperchen) an. Für viele Profis war das kein Grund, mit dem Doping aufzuhören, wie die Cera-Fälle Rebellin und Kohl, Schumacher und Ricco belegen. Am 17. Juni warf die UCI fünf Radprofis ungewöhnliche Blutprofile vor und eröffnete Disziplinarverfahren. Eine Woche vor Beginn der 96. Tour de France zeitigte die Datenjagd der Wissenschaftler nun erste konkrete Ergebnisse: Thomas Dekker wurde des Dopings überführt, und nach Informationen der „L''Équipe“ könnten noch vier bis sieben Fahrer folgen. Dabei soll es sich um positive Kontrollen aus den diesjährigen Schweizer Rundfahrten Tour de Romandie und Tour de Suisse handeln.

„Das hämatologische Profil Dekkers veranlasste die UCI zu einer detaillierten Nachuntersuchung früherer Urinproben“, erklärte die UCI. Die Nachanalyse des Kölner Antidopinglabors erbrachte den Nachweis für Doping mit der Epo-Variante Dynepo im Dezember 2007. Im selben Jahr war auch Dekkers damaliger Teamgefährte bei Rabobank, Michael Rasmussen, mit Dynepo erwischt worden. Das Nachweisverfahren aber war aus juristischen Gründen nicht nutzbar.

Dekker hatte schon vorher für Aufregung gesorgt. Nach der Ankündigung der UCI, vor und während der Tour de France 50 verdächtige Fahrer gezielt zu beobachten und die Teams bei erhärteten Verdachtsmomenten in Kenntnis zu setzen, hatte man nur darauf warten müssen, wann einzelne Risikoträger wegen plötzlicher Erkrankungen, Formschwäche oder persönlichen Gründen aus dem Tourkader gestrichen würden. Seit Einführung von Doping-Grenzwerten ist die Ausredenkultur bei plötzlichem Startverzicht so fest etabliert wie das Wasserflaschenreichen am Verpflegungspunkt.

Von Dekker war in der Vorwoche eine „schwere Gastritis“ vermeldet worden. Nach Mitteilung seines Teams Silence Lotto hatte er schlechte Eier zu sich genommen. Nachdem das verdorbene Hühnerprodukt durch die Medikamentenmanipulation in den Hintergrund gedrängt worden war, ist die Aufregung im Team des letztjährigen Tour-Zweiten Cadel Evans groß. Silence-Sportdirektor Marc Sergeant betonte, Dekker sei zum Zeitpunkt des Verstoßes noch bei Rabobank gewesen. Ohne verdächtige Werte in dieser Saison hätten die Fahnder der UCI ihn aber wohl kaum im Visier gehabt.

Erstmals in der Geschichte der UCI erweisen sich die forschen Ankündigungen eines „umfassenden Antidopingkampfes“ als realistisch. Es besteht sogar die Aussicht auf eine umfassende Reinigung. Über 500 Dopingproben sollen bei der Tour genommen werden. Das sind etwa ein Drittel mehr als im Vorjahr. Die neuen Datensätze könnten eine Zeitenwende einleiten. Allerdings zeigt die Menge verdächtiger Blutprofile auch, wie verwurzelt die Manipulationskultur ist. Fraglich ist zudem, inwieweit die Blutpass-Analyse juristisch haltbar ist. Der Russe Wladimir Gussew wurde vom Team Astana im Vorjahr wegen unregelmäßiger Blutwerte entlassen. Vor dem internationalen Sportgerichtshof Cas holte er sich die entgangenen Gehaltszahlungen zurück.

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