Radsport : Kein Interesse an Viagra

Der Giro d’Italia findet wenig Anklang – aber wohl nicht wegen des Doping.

Vincenzo Delle Donne[Mailand]
Contador
Rosa statt Gelb. Der führende Alberto Contador darf bei der Tour nicht starten. -Foto: AFP

Wäre nicht Alberto Contador, wäre der Giro d’Italia zu einer Heimveranstaltung verkommen, bei der sich allein die italienischen Radsporthelden in den Vordergrund drängen. Der 25-jährige Spanier aber sah schon beim Prolog in Palermo am Samstag vor zwei Wochen wie der sichere Sieger aus. Wer wollte auch den letztjährigen Tour de France-Sieger gefährden? Den Apennin hinaufradelnd untermauerte er auf jedem Terrain unmissverständlich seinen Siegesanspruch.

Die, die in Italien über den Giro diskutieren, reden über Contador und darüber, wie er sich zunächst dezent zurückhielt und das Treiben der italienischen Giro-Favoriten aus der Entfernung beobachtete. Wer sich in Italien für Radsport interessiert, redet derzeit über die Leistungen der Fahrer auf der Straße. Und nicht darüber, dass der Gerolsteiner-Rennstall seinen Profi Andrea Moletta freigestellt hat, weil im Wagen seines Vaters eine verdächtige Spritze mit Insulin und weitere Medikamente gefunden wurden, mit denen man dopen kann. Nicht einmal Witze darüber, dass Viagra dabei gewesen sein soll, machen die Runde.

Lediglich der Umstand, dass Contador und sein Team Astana im Juli wegen Dopingverwicklungen nicht bei der Tour de France starten dürfen, wurde in Italien thematisiert. Vor dem Giro. Die Tifosi haben kein Interesse an der Dopingproblematik, sie wollen lieber Spektakel sehen. Zumindest die, die sich dafür interessieren. Insgesamt ist das Interesse in Italien an der großen Sportveranstaltung eher gering. Es ist sogar so, als finde der Giro gar nicht statt. Vor allem bei Flachetappen stehen kaum Zuschauer an der Strecke, lediglich bei den Bergetappen füllt es sich.

Beim ersten Berganstieg holte sich Alberto Contador auch das Rosa Trikot des Führenden. Die italienische Konkurrenz sah derweil machtlos zu, ein weiterer Grund für das geringe Interesse liegt neben den teilweise miserablen Wetterverhältnissen auch darin, dass es anders als in den Vorjahren keinen großen italienischen Star gibt. Außer vielleicht Riccardo Riccò. Er belegte nach der 17. Etappe – die gestern der Deutsche André Greipel vom T-Mobile-Nachfolgeteam High Road im Sprint gewann – mit 41 Sekunden Rückstand den zweiten Platz und gilt als das größte italienische Fahrertalent. „Ich kann den Rückstand wieder wettmachen”, sagt Riccò. „Ich würde meine Seele hergeben, wenn ich am Sonntag in Mailand das Rosa Trikot trüge.” Am Sonntag geht der Giro zu Ende, und eigentlich hatten die Italiener einen anderen Landsmann vorne erwartet. Doch der ist auf einer Bergetappe entscheidend zurückgefallen. „Nach allem, was ich in den letzten Monaten durchgemacht habe, kann ich zufrieden sein”, sagte Vorjahressieger Danilo Di Luca aber. Er spielte auf das Hin und Her seiner Dopingsperre an: Während die nationalen Sport-Instanzen ihn freisprachen, wurde er vom Internationalen Sportgerichtshof Cas wegen seiner auffälligen Werte beim letzten Giro zu einer Sperre verurteilt, die er bereits abgesessen hat. Für die Dopingkontrollen beim Giro ist übrigens der Weltverband UCI zuständig, und sie sollen gewissermaßen mit Ansage erfolgen.

Die Giro-Leitung hat es ja auch mit der Dopingbelastung des Astana-Teams nicht so eng gesehen. Es erschien ihr nicht nötig, ein ramponiertes Image wieder aufzupolieren – da das Image des Radsports in Italien überhaupt nicht so ramponiert zu sein schien wie etwa in Deutschland. Was nun der wichtigste Grund ist, aus dem sich in diesem Jahr nicht so viele Menschen für den Giro d’Italia interessieren, ist nicht leicht zu sagen. Vielleicht liegt es ja wirklich am Wetter.

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