Radsport & Doping : Einmal und nie wieder

Tourfavorit Christoph Moreau gestand 1998 Doping. Er hält nicht Doping für das Problem im Radsport, sondern das Gerede darüber.

Sebastian Moll[Tignes]
Moreau
Christoph Moreau - der französische Meister möchte die Vergangenheit lieber ruhen lassen. -Foto: AFP

Man gibt sich patriotisch in der Alpenherberge Club MVV in Tignes les Brevieres, einem kleinen Bergdorf unterhalb des Stausees von Tignes. Der rustikale Raum ist mit blau-weiß-roten Blumenbouquets ausgeschmückt. Passend zum Auftritt von Christoph Moreau in seinem blau- weiß-rot-gestreiften Trikot. Das zeichnet ihn im Tour-de-France-Feld nicht nur als Primus seines Landes aus, sondern auch als die große französische Hoffnung auf das Gelbe Trikot bei dieser Tour. Der 37-Jährige hat überraschend im Frühjahr die Tour-Vorbereitungsrundfahrt Dauphiné Libéré gewonnen und bestätigte bei den ersten Bergetappen der Tour, dass er hier unter den Allerbesten mitfährt. Auch auf der neunten Etappe zählte er zu den Stärkeren, er wurde Elfter. Es gewann Juan Mauricio Soler aus Kolumbien.

Im Club MVV steht der 1,86 Meter große, blonde Nordfranzose den französischen Journalisten Rede und Antwort. Gierig wollen sie alles über Moreaus Verfassung wissen: Wie er sich fühlt, wie viel Kraft er noch hat, was seine Strategie ist und wie er seine Konkurrenten einschätzt. Moreau genießt das. Es ist eine Genugtuung für ihn nach all seinen Jahren im Schatten von Ullrich und Armstrong. Nur über Doping redet er nicht gern. Dabei hätte er dazu viel zu sagen. Moreau ist der letzte noch aktive Fahrer jener Mannschaft Festina, der 1998 von der französischen Polizei systematisches Doping bewiesen wurde und die seither zum Symbol für die Ära des durchgängigen Missbrauchs des Dopingmittels Epo im Radsport gilt. Moreau war damals der erste Festina-Fahrer, der gestand. Er wurde vier Monate gesperrt und saß schon bei der nächsten Tour wieder im Sattel.

Nun könnte man meinen, Moreau wäre zornig auf die Fahrer, die erst jetzt gestanden haben. Das ist er auch – bis zu einem gewissen Grad: „Zehn Jahre lang wurde es so hingestellt, als wären wir die Einzigen gewesen. Jetzt weiß man, dass das nicht so war.“ Andererseits ist er nicht begeistert vom späten Outing seiner damaligen Gegner Aldag, Zabel, Henn und Riis. „Sie haben damit dem Image des Radsports geschadet.“ Als notwendigen Schritt hin zu einem neuen Radsport sieht Moreau die Geständnisse nicht. Der französische Meister möchte die Vergangenheit lieber ruhen lassen. Unter Druck der Polizei und der Öffentlichkeit hat er vor neun Jahren gesagt, was zu sagen war. Damit ist für ihn das Thema erledigt. Das Problem ist für ihn nicht, dass immer noch gedopt wird. Das Problem ist, dass zu viel darüber geredet wird. In der Zelle des Untersuchungsrichters zu gestehen, wie er damals, das ist eine Sache. Dass jemand freiwillig vor Kameras tritt, versteht jemand seiner Fahrergeneration nicht.

Dabei hat sein Verhalten dazu geführt, dass in Frankreich nach der Festina-Affäre ein striktes Antidopingprogramm eingerichtet wurde. Die französischen Fahrer stehen seitdem unter enger Überwachung, enger als alle anderen, bis im vergangenen Jahr T-Mobile und CSC ihre eigenen Programme einführten. Viele machten dieses französische Programm dafür verantwortlich, dass die Franzosen seither bei der Tour hinterherfahren. Die Tatsache, dass Moreau jetzt, nachdem Armstrong und Ullrich weg sind, wieder Chancen hat, würde für diese These sprechen. Aber auch darüber möchte er nicht nachdenken. „Ich habe ein viel größeres Selbstvertrauen als in den vergangenen Jahren“, begründet er seinen späten Aufwind. Moreau glaubt, dass seine Zeit gekommen ist. Die Franzosen freut’s und sie fragen lieber nicht so genau nach, wie Moreau heute zum Doping steht. Sie würden auch keine klare Antwort bekommen. Moreau hat einmal über Doping gesprochen, 1998. Das muss reichen.

Die 10. Etappe führt von Tallard nach Marseille (229,5 km).

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