Radsport : Vom Mediziner trainiert

Zeitfahrspezialist Fabian Cancellara hat sich im Sprint gegen die Spezialisten durchgesetzt - das ist erstaunlich. Der Tour-Führende kämpft mit Zweifeln an seinem Ruf.

Sebastian Moll[Joigny]
Cancelara
Fabian Cancellara setzt sich im Sprint gegen die Spezialisten durch. -Foto: AFP

Eigentlich war es ein begeisterndes Stück Radsport, das Fabian Cancellara am Dienstag in Compiegne ablieferte. Als Zeitfahr-Spezialist einen Sprint von vorne weg so lange hinzuziehen, dass die Sprinter nicht nachkommen und im Gelben Trikot innerhalb von vier Tagen die zweite Etappe zu gewinnen – das war jene Kombination von erstaunlicher Leistungsexplosion und taktischer Raffinesse, bei der Radsportfans gewöhnlich mit der Zunge schnalzen. So richtig genießen können jedoch auch die feurigsten Liebhaber des Sports spätestens nach der erstaunlichen Rückeroberung des Gelben Trikots durch Floyd Landis vor einem Jahr derartige Taten nicht mehr. „Ich kann nur noch schreiben, dass ich das überraschend fand“, sagte in Compiegne etwa der altgediente amerikanische Radsportreporter Samuel Abt. „Worte wie ‚fantastisch’ kommen mir nicht mehr über die Lippen.“ Eine solche Zurückhaltung ist auch bei dem intelligenten Berner Cancellara von der Mannschaft CSC angebracht. Seit dem ersten Tag führt der 26-Jährige die Tour de France an, das bleibt auch nach der vierten Etappe so, die gestern der Norweger Thor Hushovd gewann.

Cancellara fuhr in seinen ersten beiden Profijahren beim italienischen Team Mapei. Es wurde damals von Patrick Lefevere geleitet, dem jetzigen Teamchef von Quick Step, der wiederholt mit aktenkundigen Dopingfällen in Verbindung gebracht wird. Zuletzt stießen Reporter der ARD auf Dokumente, die Doping bei Mapei genau in den Jahren belegen, in denen Cancellara dort unter Vertrag stand.

Weitere Indizien belasten Cancellara. Nachdem er 2003 von Mapei zur italienischen Squadra Fassa Bortolo gewechselt war, arbeitete er mit dem umstrittenen italienischen Sportmediziner Luigi Cecchini zusammen. Cecchini, gegen den die Staatsanwaltschaft bereits 1998 ermittelte, betreute unter anderem Bjarne Riis und Jan Ullrich. Cancellara setzte die Zusammenarbeit zunächst auch nach seinem Wechsel zu Riis’ Team CSC im Jahr 2006 fort. Erst als durch die Operacion Puerto der Druck auf Riis und auf Cancellara wuchs, trennten sich CSC sowie der Schweizer von Cecchini.

Zur Kooperation mit Cecchini steht Cancellara bis heute. „Er war mein Trainer, ich wäre gerne geblieben“, sagt er dem Schweizer Internetanbieter „Sportal“. „Heute einen Coach zu finden, der 30 Jahre Erfahrung hat und keinen Dreck am Stecken – das ist fast unmöglich.“ Wie Alexander Winokurow, der sich von Michele Ferrari vorbereiten lässt, besteht Cancellara auf die Unterscheidung zwischen Arzt und Trainer, auch wenn sein Trainer ein Mediziner ist. Einer, an dessen Redlichkeit berechtigte Zweifel bestehen.

Gleichzeitig spricht sich Cancellara allerdings deutlich gegen Doping aus. „Wenn ich dafür dopen muss, möchte ich lieber die Tour nicht gewinnen“, sagt er. Schon gar nicht in diesem Jahr, fügt Cancellara an – einem Jahr, in dem der Sieger garantiert unter Verdacht stehen wird. Dummerweise fährt Cancellara jedoch jetzt schon so stark, dass er sich skeptische Fragen gefallen lassen muss.

Die fünfte Etappe führt heute von Chablis nach Autun (182,5 km).

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