Team T-Mobile : Chronik eines angekündigten Todes

Kein Jan Ullrich mehr, kein Team T-Mobile mehr, dafür eine Tour und eine WM im Chaos. Wie sich der Radsport 2007 selbst entlarvte.

Mathias Klappenbach
T-Mobile
Beendet: Das Team T-Mobile gehört der Vergangenheit an. -Foto: ddp

Jan Ullrich hat alles richtig gemacht. Er ist gegangen, bevor andere ihn zur unerwünschten Person erklärten. Diese Erfahrung haben 2007 viele Menschen im Radsport gemacht, die sich nicht rechtzeitig verabschiedeten oder immer noch dabei sein wollen. So fühlen sich Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz ausgesperrt. Beide haben umfangreich über Dopingpraktiken ausgesagt und hoffen weiterhin, nach Straferlass im nächsten Jahr wieder mitfahren zu dürfen. Auf der Liste der begehrten Profis sind sie aber nicht zu finden. Die beiden können nur hoffen, dass sich irgendeine Mannschaft wider Erwarten einen Imagegewinn davon verspricht, einen von denen, die das Kartell des Schweigens gebrochen haben, zu engagieren. Ein anderes Beispiel ist der Präsident des Radsport-Weltverbandes UCI, Pat McQuaid. Ausgeschlossen verharrte einer der mächtigsten Männer in diesem Sport am letzten Tag der Tour de France vor dem wandernden Tour-Dorf, während der Direktor der Veranstaltung, Christian Prudhomme, drinnen eine „Revolution“ verkündete, die nur ohne McQuaid und dessen unselige Machenschaften zur Verhinderung von Aufklärung zu bewerkstelligen sei.

Es war das Ende einer Tour, wie sie schlimmer für den Radsport nicht hätte sein können. Obwohl es sicher noch schlechtere Szenarien gab. Der Träger des Gelben Trikots, Michael Rasmussen, war kurz vor dem Ziel von seiner Mannschaft aus dem Rennen genommen worden, weil er nicht mehr tragbar war. Nach den Regeln hätte er gar nicht starten dürfen, weil er sich systematisch Dopingkontrollen entzogen hatte. Der Weltverband hatte dies der Tourleitung aber nicht mitgeteilt, und mit dieser Begründung war McQuaid nun ausgesperrt worden. Doch Rasmussen war nur einer von mehreren Skandalfällen beim Tour-Fiasko. Mit dem gedopten Alexander Winokurow wurde ein weiterer Favorit ausgeschlossen, der Sieger hieß schließlich Alberto Contador und ist auch in der „Operacion Puerto“ belastet, die ein Jahr zuvor eigentlich als nicht mehr zu unterschreitender Tiefpunkt angesehen wurde. Ein gedopter Tour-Favorit, ein verdächtiger Beinahe-Tour-Sieger, ein sehr verdächtiger Tour-Sieger: Nach einem solchen Jahr beginnt der Kampf um die Deutungshoheit darüber, ob das jetzt gut oder schlecht für den Radsport ist.

Ist es nur ein weiterer Blick in den Sumpf, der schwerer trockenzulegen ist als das Amazonasbecken oder die beste Tour aller Zeiten, weil nun alle verstehen müssen, dass es so im Radsport nicht mehr weitergehen kann? Nicht so, wie all die Jahrzehnte zuvor, als der Sport genauso verseucht war, sich aber niemand dafür interessierte. Nicht die jubelnden Zuschauer, nicht das Fernsehen, das sich seine schönen Sendungen nicht kaputt machen wollte und nicht die vielen Sportjournalisten, die plötzlich merkten, dass sie eher Fans und Teil des Betrugssystems statt kritische Beobachter waren. Der Radsport ist in dem Sinne, wie es nun offenbar wird, schon sehr lange tot. Nur wird das jetzt auch in der breiten Öffentlichkeit so wahrgenommen; und viele Zuschauer wenden sich ab.

Am Tag, als Pat McQuaid draußen von einem Fuß auf den anderen tritt und Christian Prudhomme drinnen die Revolution ausruft, sind ARD und ZDF längst aus der Live-Berichterstattung ausgestiegen. Während der Tour ist eine einige Wochen alte positive Dopingprobe von Patrik Sinkewitz bekannt geworden, die das mit jungen unbelasteten Profis angetretene T-Mobile-Team als neuen Vorreiter in Sachen Anti-Doping schwer trifft. Weil die Vergangenheit doch nicht so leicht abzuschütteln ist wie erhofft.

Nach Jan Ullrichs Rücktritt im Februar war Anfang April bekannt geworden, dass die bei dem Dopingarzt Eufemiano Fuentes unter dem läppischen Codenamen „JAN“ eingelagerten Blutbeutel Ullrich gehören. Ein paar Wochen später stellt der ehemalige Teampfleger Jef d’Hont auch andere frühere Erfolge des Teams infrage, indem er über systematisches Doping berichtet. Er löst eine Welle von Geständnissen ehemaliger Fahrer aus, am spektakulärsten gestehen Erik Zabel unter Tränen und der jetzige Sportliche Leiter Rolf Aldag inzwischen verjährte Taten. Zum System gehören auch die Teamärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid, deren Wirken die gesamte sportmedizinische Abteilung der Universitätsklinik Freiburg infrage stellt. Auch Bjarne Riis, der Toursieger von 1996, gesteht Doping. Sein Gelbes Trikot könne man bei ihm abholen, es liege in einem Karton in der Garage, ließ er wissen. Jan Ullrich hatte sein Siegertrikot, als er seinen Rücktritt erklärte, hinter sich an die Wand gehängt. Da hatten alle noch ein Geständnis von ihm erwartet, Ullrich will aber erst alles erzählen, „wenn Deutschland dafür bereit ist“. So weit ist es längst. Eine Beichte von ihm wäre nicht mehr in der Sache spektakulär, sondern nur noch als persönliche Geschichte eines weiteren Mannes, der wie alle dazugehört hat, interessant.

Das System offen gelegt haben andere. Kurz vor dem Tourstart packt Jörg Jaksche als erster aktiver Fahrer umfangreich aus. Direkte Auswirkungen hat das erst mal nicht, bei einem Treffen der Teams kurz vor dem Tourstart sagt ein spanischer Manager, dass die Fahrer nicht dopen, sondern nur Medizin nehmen würden. Unter Protest gehen die deutschen und die französischen Teams, die italienischen und die spanischen bleiben. Es zeigt sich eine Konfliktlinie, an der entlang der Radsport auseinander treiben könnte. Es ist nicht die einzige, denn die Tour und der Weltverband verschärfen über das Vehikel Dopingproblematik auch ihren alten Machtkampf wieder. Dem Radsport droht nicht weniger als die Spaltung. Sein größtes Problem ist das aber gar nicht.

Im September zeigt die Weltmeisterschaft in Stuttgart, in wie viele Teile alles schon zersplittert ist. Die dort versammelten, aber unerwünschten Personen hätten gleich die erste Selbsthilfegruppe für diese Spezies gründen können. Der einzige frühere deutsche Weltmeister Rudi Altig wird seines Amtes als WM-Botschafter als ehemaliger Doper wieder enthoben, Italien lässt wegen eines laufenden Verfahrens den Sieger des Giro d’Italia, Danilo Di Luca, das Rennen vor dem Fernseher verfolgen, der Spanier Alejandro Valverde darf trotz schweren Verdachts starten. Das Organisationskomitee unter der Politikerin Susanne Eisenmann möchte auch Erik Zabel nicht dabei haben, kann aber selbst gegen den Start von Titelverteidiger Paolo Bettini nichts machen – obwohl der sich weigert, eine Ehrenerklärung zu unterschreiben. Die war vom Weltverband schon bei der Tour mit Brimborium eingefordert worden, doch nun muss Pat McQuaid eingestehen, dass sie wertlos ist. McQuaid darf dieses Mal trotzdem bleiben, hingegegn wird der Vizepräsident des Bundes Deutscher Radfahrer, Udo Sprenger, zur persona non grata erklärt, weil ein anonymer Zeuge den früheren Teamchef belastet. Verbandspräsident Rudolf Scharping hat ohnehin mit der Aufarbeitung der Vergangenheit im eigenen Haus zu tun. Jeder will bei der WM jeden verklagen. Der Feldversuch für Chaostheoretiker gelingt, und natürlich wird Bettini Weltmeister und zielt im Ziel mit einem symbolischen Gewehr auf die Funktionärstribüne.

Als Neuanfang war diese WM angekündigt worden, doch nun warten alle im Radsport auf die nächste Revolution. Außer die Telekom, die ihr jahrelanges Sponsoring schließlich entnervt einstellte. Der Konzern hatte gehofft, als der Gute zwischen den Bösen das Image retten zu können. Doch genau jene Marketingexperten, die zunächst darin eine Chance gesehen hatten, rieten angesichts des drohenden kommerziellen Kollapses im Radsport zum Ausstieg, so wie es viele andere Sponsoren schon getan haben. Der Auslöser dafür lag - in der Vergangenheit. Als Patrik Sinkewitz aussagte, dass auch nach der Suspendierung von Ullrich vor dem Tourstart 2006 weiter gedopt wurde, ist Schluss. Der Anlass ist überraschend, weil er selbst keine Überraschung mehr sein konnte. Doch es sind kleine Dinge, die im Durcheinander des Radsports 2007 große Wirkung hatten. So war Michael Rasmussen nur deshalb aufgeflogen, weil ein Reporter ihn in Italien gesehen hatte, als Rasmussen eigentlich in Mexiko sein sollte und der Reporter dies nebenbei im Fernsehen erwähnt hatte.

Es scheinen Zufälle zu sein, die die Steuerung übernommen haben. Nicht wenige im Radsport hoffen darauf, dass ein Finanzinvestor den ganzen Laden übernimmt und den Zirkus nach dem Vorbild der Formel 1 und mit eigenen Ärzten herumreisen lässt. Andere wiederum planen die Einführung des so genannten Negativbeweises, mit dem ein Fahrer sich ständig von neutraler Stelle selbst kontrollieren lässt. Zwei verzweifelte Ideen. Die letzten drei Nachrichten des Jahres lauten: Der spanische Verband eröffnet kein Verfahren gegen Iban Mayo, obwohl auch er bei der Tour gedopt war. Alexander Winokurow tritt zurück, will aber „um seine Ehre“ kämpfen, weil er sich nie etwas habe zuschulden kommen lassen. Und noch einer sagt so wie Sinkewitz und Jaksche, wie es wirklich ist: Dopingarzt Fuentes kann sich vorstellen, für seine Künste den Nobelpreis zu bekommen. Das ist dann aber doch zu ehrlich.

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