Testosteron : „Ein heftiger Wert“

Testosteron-Doping und seine Auswirkungen. Die Suchtwirkung könnte ein Grund für das anhaltende Dopiong sein.

Benedikt Voigt

BerlinEs war kein Zufall, dass Patrik Sinkewitz am 8. Juni im Trainingslager in den Pyrenäen Besuch von Dopingkontrolleuren erhalten hat. Der gestern suspendierte Radprofi vom Team T-Mobile bekam an diesem Tag die neue Arbeitsweise der Nationalen Antidopingagentur (Nada) zu spüren. „Wir führen jetzt ein System der intelligenten Kontrollen durch“, sagt Nada-Sprecherin Ulrike Spitz. Soll heißen: Die Agentur verfolgt nun genauer den Saisonverlauf der einzelnen Sportler und kontrolliert dann, wenn Doping am sinnvollsten wäre. Also kurz vor den Saisonhöhepunkten. „Im Radsport ist das natürlich die Tour de France“, sagt Spitz.

Jener Besuch könnte Patrik Sinkewitz nun zum Verhängnis werden. Wie gestern bekannt wurde, weist seine A-Probe vom 8. Juni ein Verhältnis von Testosteron zu Epitestosteron von 24:1 aus, sie liegt damit sechsmal über dem zulässigen Grenzwert von 4:1. Die Auswertung der B-Probe steht noch aus. „Das ist schon ein sehr heftiger Wert“, sagt der Pharmakologe Fritz Sörgel. Bei Floyd Landis, dem mit Testosteron gedopten Toursieger des vergangenen Jahres, betrug das Verhältnis 11:1. Auf einen natürlich erhöhten Wert wird sich Sinkewitz kaum berufen können, falls sich seine Werte bestätigen sollten. „Keine Chance“, sagt Fritz Sörgel.

Testosteron wird zumeist per Pflaster dem Körper zugeführt. „Man klebt es sich beispielsweise an den Oberarm“, sagt Sörgel, „das ist sehr wirkungsvoll.“ Man könne es bis zu ein, zwei Tage am Körper belassen. Das Sexualhormon Testosteron beschleunigt den Muskelaufbau, hat aber auch eine regenerative Wirkung. „Und es ist ein Psychopharmakon, es macht die Leute aggressiv“, sagt Fritz Sörgel. Er glaubt, dass diese Wirkung der Grund für das zurzeit fast irrationale Verhalten von Dopingsündern im Radsport sein könnte. Ein erwischter Doper muss inzwischen in Deutschland erhebliche sportliche, finanzielle und moralische Konsequenzen fürchten. „Jemand, der in der jetzigen Phase noch dopt, ist abhängig von dem Stoff“, glaubt Sörgel. „Nicht von ungefähr gibt es unter Dopingsündern einige Drogenabhängige.“ Der an einem Medikamenten- und Drogencocktail gestorbene italienische Radprofi Marco Pantani ist nur ein Beispiel dafür.

Fritz Sörgel, der auch Mitglied der Anti-Doping-Kommission des Bundes Deutscher Radfahrer ist, kritisiert zudem, dass er nicht vom Verband auf den Dopingverdacht gegen Sinkewitz informiert worden ist. „Ich habe das erst aus den Medien erfahren“, sagte er. Es dürfte daran liegen, dass der BDR gestern ungewöhnlich schnell an die Öffentlichkeit gegangen ist.

„Wir haben am Montag von diesem Fall erfahren“, sagt Nada-Sprecherin Ulrike Spitz, „und wir haben das Einschreiben an den BDR noch am gleichen Tag rausgeschickt.“ Dass das Labor, das die Probe untersucht hat und das sie aus rechtlichen Gründen nicht nennen darf, länger als einen Monat zur Analyse gebraucht hat, liege im üblichen Bereich. „Bei einer positiven Probe möchte man das ja möglichst gerichtsfest machen“, sagt die Nada-Sprecherin. „Uns wäre es auch lieber gewesen, wenn wir es schon vor der Tour gewusst hätten.“

Die neue Nada-Linie könnte bei Patrik Sinkewitz einen ersten Erfolg gebracht haben. Der Verband konzentriert sich neuerdings auf einen nationalen Testpool, in dem sich rund 2000 Spitzensportler aus A-Kadern und Nationalmannschaften befinden. Als Erfolg will man bei der Nada die aktuelle positive Dopingprobe nicht bewerten. „Wir wollen verhindern, dass Athleten zu Dopingmitteln greifen“, sagt Spitz. Genugtuung habe sie daher nicht empfunden, als sie von der positiven Dopingprobe erfahren habe. „Im Gegenteil“, sagt Ulrike Spitz, „ich war erschüttert.“

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