Tour de France : Auf der Straße der Sucht

Warum dopen Profisportler trotz verschärfter Kontrollen? Experten meinen: Sie kommen von den Drogen nicht mehr los.

Frank Bachner
Tour de France
Feld der Verdächtigen. Gibt es Radprofis, die heute das Ziel in Paris ungedopt erreichen? Das vermag niemand zu wissen.Foto: AFP

Berlin - Rolf Järmann hat die Tour de France nur am Fernseher verfolgt. Es ist neun Jahre her, seit er seine Karriere beendet hat, seit er jahrelanges Epo-Doping zugegeben hat. Rolf Järmann, jahrelang Weltklasse-Radprofi und Dopingsünder, hat sie alle aus der Ferne beobachtet: Patrik Sinkewitz, Cristian Moreni, Alexander Winokurow – die Profis, die während der Tour als Sünder auffielen. Sinkewitz und Moreni flogen wegen Testosteron auf, also Anabolika. Trotz Ethikcodes, trotz harter Strafen, trotz der angekündigten, strengen Kontrollen. Ausgerechnet Sinkewitz vom deutschen T-Mobile-Team. „Der ist Deutscher, der weiß doch, was zu Hause los ist, der weiß doch, wie sein eigenes Team Anti-Doping propagiert“, sagt Järmann. „Entweder ist er strohdumm oder süchtig.“ Er wartet ein paar Sekunden, bis er sich antwortet: „Für mich ist er ein Suchtfall.“

Ein absonderlicher Satz? Carsten Boos weiß nicht, ob Sinkewitz ein Problemfall ist, aber er sagt: „Ich vertrete die These, dass Anabolika süchtig machen können.“ Boos ist Sportmediziner an der Universität Lübeck, er hat eine umfangreiche Anabolika-Studie angefertigt. 40 Prozent aller Anabolika-Konsumenten, die er befragt hat, nahmen zugleich andere Drogen: Cannabis, Marihuana, Ecstasy. Und alle Doper litten ohne regelmäßiges Anabolika unter Schlaflosigkeit, Depressionen, Versagensängsten und Schmerzen. Aber mit Stoff, so ergab es die Studie, fühlten sie sich stark und aggressiv, sie hatten einen Tunnelblick, sahen nur sich selbst, ihren Körper, ihre Ziele. Probleme wurden ausgeblendet. Strafen schreckten sie nicht, weil sie kaum noch als Bedrohung wahrgenommen werden. „Testosteron- Präparate sind Psychopharmaka, sie machen die Leute aggressiv“, sagt Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für pharmazeutische Forschung in Nürnberg. „Jemand, der in der jetzigen Phase der Tour noch dopt, ist abhängig von dem Stoff.“ Anabolika, erklärt Boos, schütten aber auch Glückshormone aus, das erzeugt diesen Kick. Schnell werden Konsumenten abhängig von diesem Kick.

Rolf Järmann hat solche Leute im eigenen Team erlebt. Er hat beobachtet, wie einer sich bei der Hälfte eines Rennens eine Spritze ins Hinterteil jagte. „Es war kein besonders schweres Rennen, man konnte es problemlos ohne Doping fahren. Aber er wollte extremen Erfolg.“ Solche Fahrer, sagt Järmann, „glauben, dass sie nur fahren können, wenn sie dauernd etwas nehmen“. Er war lange in der Szene, hat viel mitbekommen. „Ich denke, es ist ein kleiner Teil, der wirklich süchtig ist, weniger als zehn Prozent.“ Aber solche Leute, „die nehmen querbeet alles aus dem Medikamentenbereich, egal, ob es etwas hilft oder nicht.“

Järmann sagt, er habe nur vier Wochen im Jahr Epo genommen, zu den Höhepunkten, dann noch fünf, sechs Wochen kleinere Dinge, Cortison etwa. Die Fahrer, die er als süchtig bezeichnet, „werfen sich aber das ganze Jahr über etwas ein“.

„Für sie gibt es keine medikamentenfreie Zeit“, sagt Sörgel und zitiert den spanischen Radfahrer Jesus Manzano, der in der radsportfreien Zeit das Kult-Antidepressivum Prozac und Kokain zu sich nahm. Das Thema Sucht ist nicht nur ein Problem im Radsport. Vor allem Bodybuilder nehmen Anabolika. Jörg Börjesson hatte jahrelang mit dem Stoff seinen Körper aufgepumpt, bis seine Muskeln dick wie junge Bäume waren. „Es gibt eine schleichende Abhängigkeit“, sagt Börjesson. „Anders als beim Heroin erhältst du bei Anabolika ja nur Komplimente. Du hörst keine Kommentare über verfaulte Zähne, sondern man lobt nur deine Muskeln.“ Mit jedem Muskelzuwachs stieg sein Selbstwertgefühl. „Die Muskeln fühlten sich an wie Granit. Ich dachte, da kommen selbst Pistolenkugeln nicht mehr durch.“ Nach seinen ersten Anabolika- Spritzen „hatte ich innerhalb von 24 Stunden das Gefühl, mein Körper bläht sich auf. Das ist wie der erste Schuss eines Fixers“. Wie Glückshormone.

Abhängige bekommen schnell Angst, dass das gute Gefühl wieder verschwindet. „Man hatte ständig die Angst, dass man aufwacht, und da ist nichts mehr“, sagt Börjesson. Er konnte Kniebeugen mit 250 Kilogramm auf den Schultern machen und mit einer Hand eine 65 Kilogramm schwere Hantel stemmen. Unglaubliche Leistungen – für Außenstehende. Nicht für Abhängige wie Börjesson. „Ich fühlte mich ständig unzufrieden. Du hattest einen 48-Zentimeter-Bizeps, aber du fragst dich: Warum sind es keine 50 Zentimeter.“ Dann spritzte er noch mehr, noch höhere Dosen.

Er hörte von Nebenwirkungen, aber die verdrängte er. Und als er sie spürte, nach drei Jahren, da nahm er zum Anabolika einfach andere Medikamente hinzu, gegen seine Magenschleimhautentzündung, gegen sein Herzrasen, gegen seine Darmprobleme. Aber das Training ging weiter, die Suche nach dem Kick. Heute ist Börjesson, körperlich geschädigt, ein engagierter Anti-Doping-Kämpfer.

In der Hochleistungsgesellschaft, auch im Spitzensport, gibt es Extremfälle der Sucht. Manche blenden die Schmerzen mit dem härtesten Betäubungsmittel aus: Heroin. Eine Studie der US-Universität Harvard hat ergeben, dass ein Großteil der untersuchten US-Anabolika-Konsumenten später heroinsüchtig wurde. „Es gibt keine direkte Linie vom Anabolika- Konsum zur Heroin-Abhängigkeit“, sagt Christian Haasen, Suchtexperte an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Und Anabolika-Konsumenten suchen ja auch nicht, wie Junkies, mit Heroin den Kick. Aber dass sie mit Heroin Schmerzen betäuben, kann sich Haasen gut vorstellen. Und auch die Schlafstörungen, über die viele Anabolika-Konsumenten klagen, gehören in dieses Bild. Haasen sagt: „Die Schlaflosigkeit kommt oft von den Schmerzen.“

Vielleicht wird durch die neuen Dopingfälle bei der Tour de France auch bei den Sportlern jetzt anders über Doping geredet: sensibler, verantwortungsbewusster. Bisher wurde vor allem geschwiegen. Als Järmann sah, wie sich sein Teamkollege auf dem Rad mit Dopingmitteln spritzte, da wollte er genauso wenig dazu sagen wie die anderen im Team. Järmann dachte damals bloß: „Na, das war ja ein bisschen extrem.“

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