Tour de France : Die Moral fährt hinterher

Für Christian Prudhomme ist seine Stelle als Direktor der Tour de France mehr als nur ein Job. Es ist eine Leidenschaft. Doch der vermeintliche Kämpfer für die höheren Werte im Sport spielt ein seltsames Spiel.

Sebastian Moll
Christian Prudhomme
Seltsames Spiel. Tour-Chef Christian Prudhomme pflegt seine Fehde mit dem UCI. -Foto: AFP

Pau - Für Christian Prudhomme ist seine Stelle als Direktor der Tour de France mehr als nur ein Job. Die Position ist, wie er gerne betont, eine Leidenschaft. Der 46 Jahre alte Pariser sieht sich nicht als Manager eines profitablen Radrennens, sondern als Hüter eines nationalen Kulturgutes. Deshalb schwärmt er auch gerne von der Romantik des Rennens und seiner Schönheit, und er sagt bei jeder Gelegenheit, dass er alles tun würde, um diese Qualitäten der Tour zu retten. Über die wirtschaftlichen Aspekte des Unternehmens Tour redet er hingegen weniger gerne. „Die Tour ist ein Traum, sie ist keine Ware“, bellte er jüngst einen Journalisten an, der über Geld statt über Romantik reden wollte.

Die Tour ist sicher eine nationale Herzensangelegenheit in Frankreich. Aber sie ist genau deshalb auch ausgesprochen profitabel. Auf 130 Millionen Euro im Jahr wird ihr Umsatz geschätzt. Keine andere Radsportveranstaltung der Welt ist auch nur annähernd so potent. Und so kann man nicht umhin, Prudhomme zumindest ein gewisses Maß an pekuniärer Motivation zu unterstellen, wenn er dem Doping den Krieg erklärt. Doping ist schlecht für das Geschäft. Und Prudhomme ist nicht nur Idealist. Das lässt sich schon alleine daran ablesen, dass er den stark dopingverdächtigen Michael Rasmussen eine Woche lang im Gelben Trikot durch Frankreich radeln ließ. Es war am Ende der Sponsor von Rasmussens Team, das den Dänen aus dem Verkehr zog, die Tour blieb tatenlos. Rasmussen fügte der Tour de France zwar großen Imageschaden zu, Prudhomme fürchtete diesen jedoch weniger als mögliche Kosten einer Schadensersatzklage, die Rasmussen bei einem Ausschluss gegen die Tour angestrengt hätte.

Überhaupt scheint es so, als sei dem vermeintlichen Kämpfer für die höheren Werte im Sport, Prudhomme, das Fressen wichtiger als die Moral. Prudhomme pflegt inbrünstig seine Fehde mit dem Weltradsportverband UCI. Größter Streitpunkt der beiden Parteien sind die Vermarktungsrechte der Tour und anderer Rennen, die der Tour-Organisation gehören. Prudhomme und Patrice Clerc, Chef der Tour-Holding Firma ASO, haben beschlossen, ihre Macht als wichtigstes Rennen der Welt auszuspielen und sich der Hoheit der UCI zu entziehen. Aus diesem Grund, glaubt Prudhomme, habe die UCI jetzt gezielt die Tour torpediert, indem sie den Fall Rasmussen zuerst verschwiegen und dann verschleppt habe.

Es ist deutlich, dass Prudhomme und sein Gegenüber bei der UCI, Patrick McQuaid, eine Art von Spiel spielen. Außenstehende fürchten, dass sie durch ihre Sturheit den Kampf gegen das Doping lahmlegen. „Der Krieg zwischen ASO und UCI ist das größte Problem, das der Radsport hat“, sagt T-Mobile-Manager Bob Stapleton. Das will was heißen, denn der Radsport hat gewiss keine Knappheit an Problemen. Sebastian Moll

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