Tour de France : Eine Lüge zu viel

Der Führende Rasmussen wird aus dem Rennen genommen – er war den Kontrollen mit System entgangen.

Sebastian Moll[Pau]
Rasmussen
Ausziehen! Der Däne Michael Rasmussen musste das Gelbe Trikot abgeben. -Foto: dpa

Es ist halb ein Uhr früh, und Michael Boogerd schreitet rastlos in der Lobby des Hotels Mercure an der A 64 zwischen Pau und Tarbes auf und ab. Es ist nicht die Art und Weise, wie ein Radprofi gewöhnlich die Nacht vor einer langen Etappe bei der Tour de France verbringt, aber Boogerd muss seine Gedanken sortieren. Er weiß noch nicht, ob er am nächsten Tag wieder aufs Rad steigen soll, denn seine Mannschaft, Rabobank, hat ihren Kapitän Michael Rasmussen, den Träger des Gelben Trikots, am späten Abend gefeuert. Der Däne verschwand um kurz nach elf Uhr verschämt durch die Hintertür aus dem Teamhotel.

Boogerd ist verwirrt, ebenso wie seine Mannschaftskollegen und der Rest des Fahrerfeldes, nachdem die Nachricht die Runde gemacht hat. Ist das jetzt der Tod der Tour de France? Wird der Profiradsport auseinanderfallen? In der Nacht zuvor hat man nicht mehr das Gefühl, dass die Tour eine Zukunft hat. Polizisten haben das Hotel „Mercure“ umstellt, Zimmer der Rabobank-Mannschaft werden durchsucht. Ein Los, vor dem kein Tour-Team mehr gefeit ist, alle Radsportler sind im Land mit Europas härtesten Anti-Doping-Gesetz potenzielle Kriminelle. Als die Gendarmen um halb eins abziehen, tritt der Sprecher des Teams, Jacob Bergsma, in die Lobby und erklärt die Lage. Team-Direktor Theo De Rooy hatte nach der Mittwochsetappe Rasmussen wegen neuer Informationen zur Rede gestellt, die den vorherigen Erklärungen des Dänen widersprachen. Rasmussen war mehrfach zu unangemeldeten Dopingkontrollen nicht auffindbar gewesen, er hatte immer verworrenere Geschichten aufgetischt – verlogene Geschichten.

Rasmussen hatte angegeben, im Juni eine unangemeldete Kontrolle verpasst zu haben, weil er kurzfristig nach Mexiko zum Training gereist war. Dummerweise wurde er zu dieser Zeit von dem italienischen Fernsehreporter Davide Cassani in den Dolomiten beim Training gesehen. Cassani hatte das schon in seiner Livereportage von der Tour de France vom 15. Juli berichtet, noch bevor Rasmussen das Gelbe Trikot übernahm. Spätestens diese Episode machte deutlich, dass Rasmussen ein System entwickelt hatte, den immer häufigeren Trainingskontrollen zu entgehen. So hatte er es durch seine wechselnden Lizenzen, zuerst beim mexikanischen, dann beim monegassischen Verband, geschafft, drei Jahre lang jegliche unangemeldete Kontrolle zu vermeiden. In diesem Juni, als er in den Dolomiten radelte, bekam der Radsportverband UCI einen Brief mit einer Ortswechselmeldung von Rasmussen, der in Mexiko abgestempelt worden war. Rasmussen muss von Italien aus diesen Brief nach Mexiko geschickt haben, wo eine Kontaktperson den Brief nach Lausanne weiterleitete. All das, so wird spekuliert, inszenierte Rasmussen, um sich im Juni ungestört mit seinem italienischen Wunderdoktor auf die Tour de France vorzubereiten.

Dass Rasmussen sich bis zur 16. Etappe der Tour durchmogeln konnte, lässt indes niemanden im Radsport gut aussehen. Es gibt bis heute keine Antwort darauf, warum der Radsportverband UCI zuließ, dass Rasmussen bei der Tour starten durfte. Er hatte Rasmussen mehrfach verwarnt, es aber für sich behalten, dass der Däne auffällig geworden ist.

Die Tour de France muss sich die Kritik gefallen lassen, dass sie trotz ihrer martialischen Antidoping-Rhetorik die Kosten einer Schadenersatzklage durch Rasmussen gescheut hat und ihn lieber die Fans eine Woche lang an der Nase herumführen ließ. Zu guter Letzt muss sich die Mannschaft Rasmussens fragen lassen, warum sie so lange zu ihm hielt. Erst auf Druck der holländischen Bank, die seinen Rennstall finanziert, stellte Theo de Rooy seinem Fahrer Rasmussen unangenehme Fragen.

Am Tag nach dem Ausschluss von Rasmussen fuhr ausnahmsweise kein Profi im Gelben Trikot. Der Italiener Daniele Bennati (Lampre-Fondital) gewann die Etappe knapp vor Markus Fothen (Gerolsteiner) und dem Berliner Jens Voigt (CSC). Sie kamen vor dem Feld ins Ziel.

Der Druck der Sponsoren steigt: Seite 2. Die 18. Etappe führt heute über 211 Kilometer von Cahors nach Angouleme.

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