Tour de France : Eine Sportart dreht am Rad

Zum Doping-Skandal im Radsport gesellt sich nun auch eine Diskussion über die Berichterstattung von der Tour de France. Gestern stiegen ARD und ZDF aus, heute sprang Sat 1 ein und präsentierte die "sauberste Tour seit Jahren".

Esteban Engel,Andreas Zellmer[dpa]
070719radweg
Ist der deutsche Radsport am Ende? -Foto: ddp

MontpellierDer Boykott von ARD und ZDF gegen die Tour de France ist unter Radprofis, Teamchefs und Sponsoren auf weitgehende Ablehnung und Unverständnis gestoßen. Doch auch die Stimmen für einen glaubwürdigen Neuanfang im Profi-Radsport werden immer lauter. Während Jens Voigt als Sprecher der Profi-Radfahrer den Abbruch der Live-Übertragung der Öffentlich-Rechtlichen "völlig überzogen" nannte, begrüßte die ehemalige Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), Sylvia Schenk, den Ausstieg und übte heftige Kritik am T-Mobile-Team, dessen Fahrer Patrik Sinkewitz positiv getestet worden war. Der Privatsender Sat 1 übernahm unterdessen heute die Live-Übertragung der Frankreich-Rundfahrt und präsentierte sie als "sauberste Tour seit Jahren".

Voigt: "Wie in der DDR"

"Das ist ja wie früher in der DDR: Zwei Leute entscheiden gegen den Willen des Volkes, schließlich haben sich zwei Drittel der Fernseh-Zuschauer gegen den Ausstieg ausgesprochen", sagte Voigt zum Entschluss von ARD und ZDF. "Wir Gebührenzahler" seien "ja schließlich die Arbeitgeber des Fernsehens. Es sollte jedem selbst überlassen bleiben, ob er die Tour sehen will oder nicht. Warum ist das Fernsehen nicht rausgegangen, als Ben Johnson bei den Olympischen Spielen positiv war?", fragte der 35-jährige Profi des dänischen CSC-Teams.

ARD und ZDF begannen heute mit dem Rückzug von Personal und Technik von der Tour. Bis auf eine Kernmannschaft, die die Regelberichterstattung sichern soll, werden die meisten der etwa 150 Mitarbeiter beider Anstalten in den nächsten Tagen wieder nach Deutschland zurückreisen.

Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) bezeichnete die Entscheidung der Sender einen "schweren Rückschlag". Der Boykott gehe auf das Fehlverhalten eines einzelnen Fahrers zurück und habe mit der Frankreich-Rundfahrt nichts zu tun, sagte BDR-Vizepräsident Harald Pfab in Vertretung für den in China weilenden Präsidenten Rudolf Scharping.

Tour-Organisation: Die Falschen werden bestraft

"Der Bildschirm in Deutschland bleibt schwarz", titelte die Sportzeitung "L'Équipe", die ausschließlich kritische Kommentare von Verantwortlichen und Fahrern zum Fernseh-Ausstieg der deutschen Sender zitierte. Auch der Präsident der Tour-Organisation ASO, Patrice Clerc, hatte die ARD und ZDF angegriffen: "Damit wird die Tour bestraft, aber wir sind die Falschen."

Der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Peter Danckert (SPD), fand den Rückzug richtig und konsequent. Damit werde eine Bewegung in Gang gebracht, die sich auch international auswirken werde, sagte Danckert im Deutschlandfunk. Viele Sportfunktionäre hätten noch nicht begriffen, dass sich das Bewusstsein der Öffentlichkeit verändert habe. Auch die öffentlichen Mittel für den Leistungssport seien in Frage gestellt.

Schenk: Ungutes Gefühl bei Klöden und Gerdemann

Die ehemalige BDR-Präsidentin Sylvia Schenk ging mit dem T-Mobile-Team, das sich mit einem offensiven Antidoping-Programm profiliert hatte, scharf ins Gericht. "Das sind lauter schöne Worte, die sie machen, aber mit all ihren Ankündigungen haben sie es nicht geschafft, ihren Laden sauber zu halten. T-Mobile macht sich ja damit nur noch lächerlich", sagte Schenk der Münchner "Abendzeitung". Zweifel äußerte sie in der "tz" an Andreas Klöden. "Bei Klöden habe ich auf Grund seiner abwiegelnden Haltung - und weil er Ullrich so lang die Stange gehalten hat - ein sehr ungutes Gefühl". Auch bei Jung-Profi Linus Gerdemann habe sie "kein tolles" Gefühl, sagte Schenk.

Unterdessen ist T-Mobile-Teamchef Rolf Aldag in die Kritik geraten, trotz Doping-Verdächtigungen an Sinkewitz festgehalten zu haben. Im Mai habe er von Schenk erfahren, dass es angeblich schon lange zurückliegende Verdachtsmomente gegen Sinkewitz gebe. Er habe daraufhin bei BDR-Sportdirektor Burkhardt Bremer nachgefragt. "Bremer sagte mir deutlich, dass gegen Sinkewitz bei der WM 2000 in Plouay nichts Auffälliges vorgelegen hat", berichtete Aldag. Sinkewitz war vor sieben Jahren als U23-Fahrer nach dem Zeitfahren in Plouay vom BDR zurückgezogen worden. "Aber nur, weil er krank war", meinte Bremer.

Studie: Doping macht abhängig

Das angebliche Testosteron-Doping von Sinkewitz im vergangenen Juni veranlasste Professor Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Nürnberg, zu der Aussage: "Doping macht abhängig." Eine Harvard-Studie an College-Studenten habe belegt, dass zehn Prozent der Anabolika-Konsumenten später von harten Drogen wie Heroin abhängig werden. Abhängigkeit und Realitätsverlust erklärten das oft unverständliche Handeln ertappter Sportler. Bei der Trainingskontrolle am 8. Juni war bei Sinkewitz ein Wert von 24 zu 1 festgestellt worden. Der Grenzwert liegt bei 4 zu 1.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben