Tour de France : Epo statt Epos

Der Mythos ist endgültig entzaubert: Bei der Tour de France fahren keine Helden, sondern um die Existenz kämpfende Malocher.

Sebastian Moll[London]
Tour de France:
Tour de France: Der Verdacht fährt mit. -Foto: AFP

Christian Prudhomme wurde ungehalten, als er gefragt wurde, ob die Tour de France nicht in allererster Linie eine Ware ist. So profan möchte der sonst eher brav wirkende Direktor der Tour seine Arbeit nicht sehen. „Die Tour ist keine Ware“, ereiferte sich Prudhomme. „Sie ist ein Traum. Sie ist eine Romanze, ein Mythos, der uns verzaubert.“ Sein ganzes Streben, seine ganzen Anstrengungen im Anti-Doping-Kampf, so Pruhomme, gelten der Erhaltung dieser „Magie“ der Tour, er arbeite Tag und Nacht nur dafür, „dass Kinder wieder so von der Tour träumen können, wie ich, als ich klein war.“ Dererlei Schwärmerei klingt einen Tag vor einer Tour, die mit dem Prolog in London (16 Uhr/live ARD und Eurosport) ins Ungewisse fährt, beinahe anrührend naiv.

 Aber sie ist typisch für die Einstellung bürgerlicher Franzosen zu ihrem nationalen Monument. Der Pariser Intellektuelle Roland Barthes goss mit poetischer Finesse 1957 jene französische Verklärung der Tour stellvertretend für seine Landsleute in seinem Aufsatz „Die Tour de France als Epos“ in Worte. Von den Helden der Landstraße ist dort die Rede, von deren Ritterlichkeit und von der mythischen Essenz des Abenteuers Tour. Die Tour-Hoeroen zu dopen, schrieb Barthes, sei ein Sakrileg, es käme der Imitation der Götter gleich. Prudhomme sieht das auch so. Auch er will seinen „romantischen Traum“ von der „teuflischen Dopingkultur“ reinigen, die sich wie ein vom Himmel gefallener Heuschreckenschwarm in diesem edlen Sport eingenistet hat.

Nüchternere Betrachter halten eine solche Darstellung der Dinge freilich für eine geradezu fahrlässige Verklärung. Für den amerikanischen Soziologen John Hoberman etwa leugnet die Verklärung der Athleten und des Sports die Tatsache, dass es sich bei den Radsportlern schon immer vor allem um Lohnarbeiter gehandelt hat. „Radsport war von Anbeginn ein Sport für die Unterklasse, für Fabrikarbeiter und für Bauern, für die das Leiden auf der Landstraße noch immer besser war als die Alternative.“ Der „Mythos“ der Tour, das „Heroische“ war von Beginn der Tour an das Paket, mit dessen Hilfe die Journalisten von „L’Equipe“, die die Tour erfunden hatten, ihr Produkt der bürgerlichen Klientel andrehten, die sich in Pariser Cafés genüsslich an den Legenden der tollkühnen Männer in den Pyrenäen oder den Alpen ergötzten. Die Fahrer, die sich für ein paar Francs auf Frankreichs Landstraßen halb zu Tode schunden, waren hingegen nie mehr als Marionetten im Puppentheater der Pariser Romantiker.

 Und daran hat sich laut Hoberman bis heute nicht viel geändert. Für den Radprofi sind die Tour und der Radsport ganz und gar nicht romantisch. Erst vergangene Woche schilderte Jörg Jaksche, wie die Radsport-Realität aussieht: „Es tut immer weh und man wird meistens abgehängt.“ Es ist eine erbarmungslose Schinderei, bei der es nicht um höhere Werte sondern um die nackte Existenz geht. Wer am Berg nicht mitkommt, riskiert nicht Ruhm und Ehre, sondern seinen Vertrag und seine Zukunft. „Der durchschnittliche Radprofi hat die Schule abgebrochen, drei Kinder und ein Haus abzubezahlen“, bemerkte jüngst der dreimalige Tour-Sieger Greg LeMond.

Mit dieser Konstellation erklärt John Hoberman auch die Entstehung der Doping-Subkultur im Radsport. Die Radsportler seien einen Pakt eingegangen mit denjenigen, die die Tour poetisch als Spektakel des heroischen Leidens besingen. Sie liefern gegen Geld die geforderten Heldentaten, wollen aber bitte nicht gefragt werden, wie sie das zustande bringen. Für Hoberman und seinen Kollegen, den Sporthistoriker Christopher Thompson, ist das dazu nötige Doping ein Fall des „Arbeitsplatzdopings“, wie der Kaffee, die Zigarette und die Schlaftablette des Büroangestellten – der kleine Kick, der die Anforderungen eines Knochenjobs erträglicher macht. „In den Köpfen dieser Sport-Arbeiter geht es in erster Linie um ihr Recht auf Arbeit und nicht um die hehre olympische Ethik des Amateursports.“

Der Pakt zwischen denjenigen, die mit den Legenden Geld verdienten, und den radelnden Produzenten dieses Romantik-Mehrwertes war über lange Zeit unproblematisch. Bis weit in die Sechzigerjahre hinein störte sich niemand am Doping, weder Organisatoren noch Reporter, Politiker oder Publikum. Erst eine allgemeine Anti-Drogenkampagne in Frankreich führte zu ersten Dopingtests, doch auch diese zogen kein entschlossenes Durchgreifen nach sich. Es hatte einfach niemand ein ausreichendes Interesse daran, an dem System zu rütteln. Erst das massive Eingreifen des Staates 1998 brach erstmals die eingefahrenen Strukturen auf und ließ die verschworene Solidarität der geheimen Radsportgesellschaft wanken. Doch sie ist hartnäckig, wie die Enthüllungen und Geständnisse der vergangenen Wochen gezeigt haben.

Selbst der Romantiker Prudhomme ist realistisch genug zu wissen, dass er die „Kraftprobe“ gegen diese Strukturen, wie er sich ausdrückt, noch lange nicht gewonnen hat. Aber er ist unbeirrt, er weiß schließlich, wofür er kämpft. „Der Mythos Radsport besteht doch darin, das Leiden zu sehen“, sagt er. „Und nicht darin, dass einer nach einer Etape mit fünf Bergen nicht erschöpfter ist als andere nach zweien.“

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