Tour de France : Sport im Schatten

Die Tour de France war ein Ereignis - allerdings keines für Freunde von Radrennen. Ein Rückblick.

Sebastian Moll
Tour
Ausgelacht: Immerhin jene Fans, die Betrüger verhöhnten, hatten ihren Spaß. -Foto: AFP

London war trüb und regnerisch in den Tagen vor dem Start der diesjährigen Tour de France. So, wie London nun einmal ist. Aber es wäre wohl auch nicht passend gewesen, wenn die Sonne über dem Beginn eines Ereignisses geschienen hätte, das schon von Anfang an kein Sportereignis sein konnte. Drei Wochen ungehemmte Radsportfreude erwartete niemand im Tour-Tross. Die Aufdeckung des systematischen Dopings im Radsport im Zuge der „Operacion Puerto“ im Vorjahr hatte alles, was diese Sportart über Jahrzehnte zusammen gehalten hatte, gesprengt. Alte Gräben hatten sich vertieft, neue hatten sich aufgetan, niemand schien mehr miteinander reden zu können – die Fahrer nicht, die Teams nicht, die Verbände nicht. Und noch immer drohten die Tour und der Sport an der klaffenden Wunde des Dopingproblems zu verbluten.

Trotzdem hofften die Organisatoren in London noch, dass alles irgendwie gut gehen möge. Tour-Direktor Christian Prudhomme beschwor die Kraft und die Schönheit der Tour. Manche Fahrer und Teammanager hofften, dass das Thema Doping einfach verschwinden würde. „Nur Fragen zum Sport“ war einer der am häufigsten geäußerten Sätze in diesen Tagen, als würde sich das Problem Doping irgendwann in Luft auflösen, wenn man es verschweigt.

Zunächst schien diese Verdrängungstaktik sogar zu funktionieren. Der Prologsonntag in der Londoner Innenstadt war ein untypisch strahlender Tag. Eine Million Menschen kamen an die Prachtstraßen der Stadt zwischen Trafalgar Square und Hyde Park und veranstalteten ein Radsportfest, wie es die Tour nur selten erlebt hatte. Plötzlich schienen sich die Fans daran zu erinnern, wie das einmal war, als man sich noch traute, von diesem Sport begeistert zu sein. Sogar nach den umfassenden Geständnissen führender deutscher Radprofis und ihrer Betreuer kurz vor Beginn der Tour. Am 14. Juli, nach einer knappen Tour-Woche, erhält solcher Optimismus sogar noch Nahrung. Der 24 Jahre junge Linus Gerdemann gewinnt in mitreißender Manier die erste große Alpenetappe. Er ist smart, gut aussehend und redet überzeugend von Sauberkeit. Eine Hoffnung, eine kleine.

Vier Tage danach steht T-Mobile-Chef Bob Stapleton vor dem Mannschaftsbus am Messegelände von Marseille; ihm steht der Schweiß auf der Stirn. Am Vormittag war bekannt geworden, dass die Doping-Probe seines Fahrers Patrik Sinkewitz Hinweise auf die Einnahme von künstlichem Testosteron enthielt. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender stellen umgehend ihre Live-Übertragungen ein. Die T-Mobile-Konzernspitze signalisiert, dass die weitere Förderung des Radsports vielleicht nicht länger vertretbar sei. Unter den deutschen Mitreisenden bei der Tour macht sich der Eindruck breit, dass die Tour de France endgültig tot sei.

Die kollektive Depression breitet sich rasch im Tross aus. Am darauf folgenden Morgen in Montpellier wird der Träger des Gelben Trikots, Michael Rasmussen, am Start so von Journalisten bedrängt, dass ein Cordon von Gendarmen ihn zur Startlinie eskortieren muss. Zuvor war bekannt geworden, dass er sich offenkundig seit langem systematisch den Dopingkontrollen entzieht. Der Radsportweltverband hat ihn mehrmals verwarnt, besteht jedoch darauf, keine Grundlage für eine Sperre zu haben.

Am Start der letzten Pyrenäenetappe in Orthez haben dann selbst die hartnäckigsten Radsportanhänger die Nase voll. Als Rasmussen sich rituell in die Einschreibekladde einträgt, sind selbst durch die laute Blaskapelle hindurch deutlich Pfiffe vernehmbar. Ebenso, als kurz darauf das Startsignal gegeben wird und die Hälfte der Fahrer den Streik der anderen Hälfte durchbricht. Acht deutsche und französische Mannschaften demonstrieren gegen Doping im Feld, nachdem am Tag zuvor die Mannschaft Astana nach der positiven Dopingprobe ihres Kapitäns Alexander Winokurow von der Tour-Leitung nach Hause geschickt worden war. Mit dem Team muss auch Andreas Klöden, der Freund des weiterhin zu allen Vorwürfen schweigenden Jan Ullrich, abreisen. Hinterher spricht er von Intrigen und seinem Rücktritt.

Am Abend muss dann auch Michael Rasmussen die Tour verlassen – der Führende war viel zu lange unter Dopingverdacht im Gelben Trikot gefahren. Durch die Hintertür seines Hotels entschlüpft er nun verschämt um kurz vor Mitternacht, nachdem ihn sein Mannschaftsleiter Theo de Rooy fristlos entlassen hat – auf Druck des Sponsors. Gendarme untersuchen die Zimmer des Teams. Als sie um halb eins endlich abgezogen sind, tritt der Sprecher der Mannschaft, Jakob Bergsma in die Lobby und erklärt mit versteinerter Miene die Lage. De Rooy, der emotional stark angegriffen ist, wie Bergsma berichtet, hatte nach der Mittwochsetappe Rasmussen wegen neuer Informationen zur Rede gestellt, die die vorherigen Erklärungen des Dänen zu seinen Verwarnungen durch den Radsport-Weltverband widersprachen. Rasmussens Lügengebäude fiel in sich zusammen. Schlimmer hätte es für die Tour nicht kommen können.

Und trotzdem rollte sie weiter bis nach Paris. Auch am letzten Tour-Sonntag standen schon Stunden vor der Ankunft des Feldes wieder Hunderttausende an den Champs Élysées und erwarteten die tollkühnen Radler in ihren bunten Trikots – im Gelben Leibchen des designierten Siegers raste der Spanier Alberto Contador vorbei – des Dopings verdächtig auch er (siehe Artikel rechts). Kurz vor der Ziellinie wollten deutsche und französische Fahrer noch anhalten und gegen Doping protestieren – viele Zuschauer an der Strecke interessierte das offenbar wenig. Aber vielleicht ist es vielen Fans in Frankreich auch egal, ob die Fahrer betrügen oder nicht. Sie sind Teil eines Ereignisses – selbst wenn es kein Sportereignis ist.

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