Doping : Unsauberes Ende

Der Kokain-Dopingfall Hingis nährt Spekulationen

Petra Philippsen[Paris]

Die Ankündigung sorgte zunächst für keine große Aufregung. Martina Hingis hatte zu einer Pressekonferenz nach Glattbrugg geladen, die Rücktrittserklärung der 27-jährigen Schweizerin wurde allgemein erwartet. In den letzten Monaten hatten sich Gerüchte darüber gehalten, denn Hingis plagten seit ihrem Comeback 2006 Probleme an Rücken und jüngst auch der Hüfte. Nun schien es also offiziell zu werden. Doch als sie in elegantem Outfit und mit zittriger Stimme ihre Erklärung verlas, zerstörten die Worte das saubere Bild, das die breite Öffentlichkeit zuvor von Martina Hingis hatte. „Ich stehe unter Verdacht, in Wimbledon mit Kokain gedopt zu haben“, sagte die fünffache Grand-Slam-Siegerin und kämpfte dabei mit den Tränen. „Abartig und ungeheuerlich“ fände sie die Vorwürfe und betonte, sie habe panische Angst, Rauschmittel zu nehmen und auch nie welche genommen. Jedoch sei sie nicht gewillt, auf juristischem Wege ihre Unschuld zu beweisen und trete daher zurück.

„Der Fall der kleinen Miss Perfekt“ titeln die englischen Boulevard-Blätter nun hämisch. Hingis droht zur tragischen Figur zu werden. Ihre Behauptung, etwas sei bei der Kontrolle in Wimbledon nicht mit rechten Dingen zugegangen, zeigte wenig Wirkung. Die Beweise sprechen gegen die frühere Weltranglistenerste und 43-malige Turniersiegerin: Sowohl die A- als auch die B-Probe, die von ihr in Wimbledon nach der Drittrundenniederlage gegen die Amerikanerin Laura Granville genommen wurde, waren positiv.

Die Schweizerin wurde vom Ergebnis der ersten Probe Mitte September unterrichtet und gab daraufhin selbst eine Haaranalyse in Amerika in Auftrag. Dass diese negativ ausfiel, hilft ihr vor Sportverbänden und dem Internationalen Olympischen Komitee nicht weiter und ist für Experten ebenso kein Unschuldsbeweis (siehe Interview unten). Hingis wäre nicht der letzte prominente Fall von Kokain-Missbrauch, zuletzt wurde 1995 Mats Wilander aus Schweden überführt und daraufhin gesperrt. Tatsächlich kann der Konsum dieser Droge nach Auffassung von Experten für Tennisspieler leistungsfördernd sein: Probleme durch den Wechsel der Zeitzonen werden gemildert und das Selbstbewusstsein gefördert.

Doch falls Hingis tatsächlich Kokain konsumiert hat, muss es nicht zwingend zur Leistungsförderung geschehen sein. Obwohl die Fassade oft brav und bieder wirkte, sah Hingis Leben abseits des Courts doch anders aus. Ihre wechselnden Beziehungen zu Sportler-Kollegen und ihre Vorliebe für ausgiebige Feiern beschäftigte die Schweizer Boulevardpresse stetig, ebenso wie das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter und Trainerin Melanie Molitor, von der sie sich immer wieder zu lösen versuchte, es aber nie ganz schaffte. Zuletzt sorgte die überraschende Trennung von ihrem Verlobten Radek Stepanek, einem tschechischen Tennis-Profi, und die darauffolgende Liaison mit dem ukrainischen Öl- und Gas-Milliardär Alexander Onischenko für Schlagzeilen.

Es kann nur spekuliert werden, ob ihr Bedürfnis, sich auszuleben und abzunabeln, eine Reaktion auf den harten Drill und die Zwänge ist, die Martina Hingis seit frühester Kindheit erlebt hat. Bereits mit 14 Jahren sorgte sie 1994 auf der Frauen-Tour für Furore und stand nur zwei Jahre später bereits in der Top Ten. 1997 erklomm sie Platz eins der Rangliste, nur ihre Verletzungsanfälligkeit verhinderte wohl, dass sie alle vier Grand-Slam-Turniere in einem Jahr gewinnen konnte. Die körperlichen Probleme der zierlichen Schweizerin brachten sie 2002 dazu erstmals zurückzutreten. 2006 feierte sie ein beeindruckendes Comeback auf der Tour. In diesem Jahr folgte der sportliche, wie nun auch der persönliche Abstieg. Ob Anklage gegen Hingis erhoben wird, muss von der Kommission des Internationalen Tennisverbandes noch entschieden werden.

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