Urteil heute : Fall Pechstein: Ein Gericht und viele Scherben

Heute soll das Urteil im Fall Claudia Pechstein fallen. Nach Argumenten und Gegenargumenten, Gutachten und Gegengutachten können sich auch versierte Wissenschaftler immer noch nicht festlegen, ob sie die Eisschnellläuferin für eine Doperin halten sollen oder nicht.

Friedhard Teuffel
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Verhandeln statt laufen. Claudia Pechstein bei ihrer Anhörung vor dem Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne Ende Oktober.Foto: dpa

Dass eine nachgewiesene genetische Besonderheit Pechsteins auffällige Blutwerte erklären könnte, hält etwa der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel für unwahrscheinlich. Perikles Simon, Leiter der Sportmedizin an der Universität Mainz, sagte dagegen am Dienstag: „Es gibt eine Kopplung von genetischen Grundlagen und harter physischer Belastung.“ Pechstein muss also nicht gedopt haben. Drei Juristen des Internationalen Sportgerichtshofs Cas haben sich inzwischen festgelegt. Sie werden an diesem Mittwoch ihr Urteil bekannt geben.

Es wird eines der wichtigsten Urteile überhaupt zum Doping, ganz gleich, ob Pechstein nun freigesprochen wird oder nicht. Wohl auch deshalb hat sich der Cas so lange Zeit gelassen und den Zeitpunkt der Urteilsverkündung gleich mehrfach verschoben. Er hat damit jedoch Raum für Spekulationen geöffnet: Spricht der Cas Pechstein zwar frei, aber erst mit Verzögerung, damit ihre Chancen auf eine Qualifikation für die Olympischen Winterspiele in Vancouver im Februar 2010 sinken? Oder stand ein Schuldspruch schon früh fest, musste aber erst bis ins Letzte ausgearbeitet werden? Es scheint ohnehin nicht allein um Pechstein zu gehen, sondern darum, ob Doping auch ohne positive Probe mittels Blutparameter nachgewiesen werden kann. Nicht umsonst hatte Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), von einem „Lackmustest“ gesprochen. Und das Schiedsgericht ist zwar mit unabhängigen Juristen besetzt, jedoch wird der Cas vom IOC mitfinanziert.

Den Glauben an die Sporgerichtsbarkeit habe sie verloren, sagte Pechstein und dass die Internationale Eislauf-Union, die sie gesperrt hatte, ihr Leben zerstört habe. Eine sechsstellige Summe hat sie bislang investiert, um ihre Unschuld zu belegen.

Dass das Urteil so lange auf sich warten lässt, hält Dirk-Reiner Martens allerdings für unverdächtig. „Das ist eben ein wichtiges Urteil. Da sollte man nichts anderes hineinlesen.“ Martens ist Rechtsanwalt und ebenfalls Richter des Cas. Am Dienstag hat er in Berlin zum vierten Mal ein Anti-Doping-Forum veranstaltet, das mittlerweile ein etablierter Austauschort für Mediziner, Juristen, Verbandsfunktionäre und Journalisten geworden ist.

Einer seiner prominenten Gäste wollte dem Fall Pechstein jedoch nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken: „Es ist ein wichtiger Fall in Deutschland und ein wichtiger Fall für Claudia Pechstein, aber wir beobachten diesen Fall so wie andere Fälle auch, die vor dem Cas verhandelt werden“, sagte David Howman, der Generaldirektor der Wada, der Welt-Anti-Doping Agentur. Er wundere sich aber ebenfalls darüber, warum das Urteil so spät komme. „Haben wir die schnellen Verfahren, die wir brauchen? Das müssen wir diskutieren“, sagte Howman.

Der interessanteste Beitrag kam jedoch vom Sportmediziner Perikles Simon, der in seinem Vortrag eine neue, provokante These aufstellte: „Ich halte es nicht für möglich, dass ein Bundestrainer nicht weiß, ob sein Athlet gedopt ist.“

In seiner sportmedizinischen Sprechstunde fielen ihm jedenfalls regelmäßig Athleten auf, deren Leistungsentwicklung eigentlich nur auf Doping zurückzuführen ist. Wenn die Leistungsfähigkeit vom Frühjahr bis zum August auf einmal um 20 Prozent sinke, könne das nicht an weniger Training oder einer Grippe liegen. Die einzigen Möglichkeiten, die ihm einfielen, sind abgesetzte Dopingsubstanzen oder eine Krebserkrankung. „Wenn ein Bundestrainer diese Daten nicht einschätzen kann, ist er nicht kompetent genug, seinen Job zu machen“, sagte Simon.

In einem bemerkenswerten Rundumschlag gegen Dopingbekämpfung und Sportförderung zeigte er Interessenskonflikte von Wissenschaftlern auf, die einerseits unabhängige Empfehlungen zum Doping abgeben sollen, andererseits jedoch mit Sportverbänden und Anti-Doping-Agenturen zusammenarbeiten. Sich selbst nahm Simon dabei nicht aus. „Auch ich habe für meine Forschung Geld von der Wada bekommen.“ Weil jedoch die Prävention nicht viel bewirke, sei die Wissenschaft immer noch die größte Hilfe bei der Dopingbekämpfung. „Wir können analytisch alles schaffen, wir werden auch Genmanipulation nachweisen können.“

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