Wolfgang Schäuble : „Ich habe keine Lust mehr auf die Tour“

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble über den Doping-Verdacht gegen den Radsport, die WM in Stuttgart und das neue Gesetz.

Innenminister Wolfgang Schäuble, 64,
Innenminister Wolfgang Schäuble, 64, ist als Innenminister auch zuständig für die deutsche Sportförderung. -Foto: dpa

Herr Schäuble, gucken Sie die Tour de France?

Nein. Ich habe mich immer für die Tour interessiert – mich hat das Abenteuer fasziniert. Inzwischen ist mir die Freude genommen, weil man nicht mehr glauben mag, dass es noch mit rechten Dingen zugeht. Ich habe keine Lust mehr auf die Tour de France.

Warum nicht?

Der Spitzensport ist in ein Zwielicht geraten. Alle Leistungen stehen unter Verdacht. Der Rudolf Scharping kann einem ja leidtun. Der ist ein begeisterter Radsportler, ein Fan. Ich habe Respekt vor ihm, weil er den Mont Ventoux hochgefahren ist. Aber nun ist er Radsport-Präsident und wird von dieser Doping-Geschichte überrollt.

Und plötzlich will keiner mehr etwas mit Radsport zu tun haben.

Das Schlimme ist: Es gibt ja auch ein paar Millionen Hobby-Radfahrer. Wenn ich mit meinem Rollstuhl-Handbike am Wochenende im Grunewald unterwegs bin, fahren die mich ja alle fast über den Haufen. Dann die vielen Mountainbiker im Schwarzwald – enorm! Und nun kommt die Botschaft von den Profis: Wenn du Ausdauersport machen willst, musst du manipulieren, anders geht’s nicht. Diese Vorbildwirkung ist gefährlich.

Erik Zabel, der Doping gestanden hat, wird trotzdem bei der Tour mitfahren.

Fährt er da wirklich mit? Ich will ja niemandem zu nahe treten, aber es stört mich schon, dass man einfach so über Doping hinweggeht. Diese Geständniskultur wird immer fragwürdiger, wenn Radprofis damit Geld verdienen, dass sie die Wahrheit sagen. Das öffentliche Interesse richtet sich auf Sensationen. Dabei muss man doch sagen: Die Tour de France ist nicht nur die Tour der Leiden, sondern auch die Tour der Todesopfer.

Aber nun ist Erik Zabel ein Held.

Er wurde ja nicht für sein Geständnis gefeiert, sondern wohl eher für die Art – für die Tränen für seinen Sohn. Beim Thema Helden schauen Sie sich Jan Ullrich an: Da hat man doch über die Jahre gemerkt, dass das alles gar nicht stimmen kann, was er sagt. Subjektiv denkt er eben, er hat niemanden belogen und betrogen, weil er ja offenbar getan hat, was alle getan haben und was alle wussten. In unseren Planungen steht eine Bundesförderung der Rad-WM in Stuttgart mit 150 000 Euro. Dieses Geld halten wir derzeit zurück.Denn wir werden keine Mittel für eine WM bereitstellen, die das Doping fördert. Wenn die Rad-WM noch verantwortbar sein will, muss sie sichtbar anders sein als andere Radsport-Ereignisse.

Aber wie soll der Radsport beweisen, dass er sauber ist?

Man könnte ja eine ganz andere Intensität von Kontrollen machen. Warum soll die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada nicht die Verantwortung für Dopingkontrollen bei einer WM übernehmen? Das fände ich besser, als wenn das die Fachverbände übernehmen.

Darf jemand wie Zabel bei der WM mitfahren, obwohl er Doping zugegeben hat?

Als Minister muss ich mich in der Beurteilung von Einzelfällen zurückhalten. Und natürlich soll es keine lebenslange Sperre für einen Dopingverstoß geben. Aber es ist doch so: Der Radsport muss ein Interesse haben, den Sumpf trockenzulegen.

Steht die WM auf der Kippe?

Die WM in Stuttgart ist in einer kritischen Situation. Es ist nicht auszuschließen, dass auch die lokalen Organisatoren alles überdenken. Stuttgart will sicher nicht seinen Ruf als Sportstadt riskieren, indem es die letzte spektakuläre Veranstaltung einer im Dopingsumpf untergehenden Sportart ausrichtet. Ich phantasiere jetzt mal: Vielleicht kommt man ja sogar zu der Erkenntnis, dass man für einen Neuanfang eine spektakuläre Absage braucht. Über den Berg ist die Rad-WM noch lange nicht.

Tun Ihnen die Sportler ein bisschen leid? Sie sollen Blutprofile abgeben, 24 Stunden für Kontrollen erreichbar sein. Geht das nicht ins Intimleben eines Sportlers?

Das finde ich nicht so furchtbar. Entschuldigen Sie, Leistungssportler müssen einem nicht leidtun. Sie haben das Glück, ihr Hobby zum Beruf gemacht zu haben und damit Geld zu verdienen. Da sind Kontrollen, ob sie das Geld ungedopt verdienen, notwendig. Ich habe auch kein Recht am eigenen Bild, weil ich Person der Zeitgeschichte bin. Das muss ich ertragen. Es muss ja niemand Leistungssportler werden. Die tun mir eher leid, weil sie unter Generalverdacht stehen.

Aber geht es im Radsport derzeit ohne Generalverdacht?

Nein. Es wird auch nicht schnell gelingen, den Generalverdacht abzubauen. In diese Lage hat sich der Sport selbst gebracht, niemand anders. Trotzdem will der Bund seine Sportförderung um gut 17 Millionen Euro erhöhen. Denn bei dieser Förderung geht es nicht um Profi-Radsportler oder um Miroslav Klose bei Bayern München. Wir fördern Schwimmer, Leichtathleten und Bogenschützen, wir bezahlen Bundestrainer. Und das bleibt wichtig. Denn eine freiheitliche Gesellschaft braucht die Motivation: Wir können mit den Besten mithalten.

Geht es Ihnen nicht vor allem um Medaillen bei Olympia in Peking?

Es geht mir um bessere Vorbereitungs- und Trainingsbedingungen. Wenn Sportler abgesichert sind, ist die Versuchung für sie geringer zu betrügen. Sonst denken die: Wenn ich jetzt nichts nehme, ist alles aus! Sportförderung ist kein Widerspruch zum Kampf gegen Doping, sondern ein Teil der Maßnahmen.

Aber müsste die Sportförderung nicht an neue Kriterien gekoppelt werden, etwa die Anzahl von Dopingkontrollen?

Die Anzahl der Kontrollen muss der Sport regeln. Ich kann nur darauf dringen, dass die Regeln der Anti-Doping-Agenturen eingehalten werden. Eine Anti-Doping-Klausel enthalten auch unsere Förderrichtlinien. Ob sich alle von uns geförderten Verbände daran gehalten haben, überprüfen wir derzeit mit einer Task Force. Die geht in Verbände und prüft die Bücher. Denn ich glaube nicht, dass Doping nur ein Problem des Radsports ist sowie das einer Randeinrichtung der Universität Freiburg.

Nach jahrelangen Debatten hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das den Besitz „nicht geringer Mengen“ an Doping unter Strafe stellt. Ist dies das Maximum?

Nicht das Maximum, das Optimum: Zwischen dem, was der Staat tun kann und dem, was der Sport tun sollte. Wir wollen schließlich den freien Sport nicht aus der Verantwortung nehmen. Bei einem Verdacht auf Doping-Netzwerke überwachen wir jetzt die Telekommunikation, so haben die Spanier den Dopingarzt Fuentes aufgedeckt. Zudem stehen jetzt die Fähigkeiten des BKA zur Strafverfolgung zur Verfügung.

Man kann sich auch die Bestrafung für dopende Sportler vorstellen, Herr Schäuble. Ihr Gesetz nennt sich zwar Anti-Doping-Gesetz, ist aber eigentlich nur ein modifiziertes Arzneimittelgesetz.

Bei einem reinen Anti-Doping-Gesetz würden Generationen von Juristen darüber streiten, ob der Bund überhaupt die Kompetenz dafür hat. Für ein verändertes Arzneimittelgesetz hat er sie.

Was ist eine nicht geringe Menge Doping?

Das wird mittels einer Rechtsverordnung, die zur Zeit von Gesundheitsministerium und Innenministerium mit Fachleuten erarbeitet wird, geregelt. Diese Verordnung soll möglichst parallel zum Gesetz im Herbst in Kraft treten.

Aber ein dopender Sportler wird nicht als Täter eingestuft. Die bayerische Staatsregierung glaubt, dass sich ein Doper Vermögensvorteile verschafft, die Grünen sagen, der wirtschaftliche Wettbewerb werde verfälscht. Reicht Ihnen das nicht?

Es gibt keine juristisch saubere Formulierung für Sportbetrug.

Ist es Ihr politisches Ziel, eine solche Formulierung zu finden?

Nein. Denn ein Sportler schädigt sich zunächst selbst. Wir verbieten auch das Rauchen nicht, stellen Übergewicht nicht unter Strafe. Die Strafbarkeit menschlichen Verhaltens muss im Recht dieAusnahme sein.

Aber es geht auch um den Betrug an anderen, nicht nur an sich selbst.

Wenn dieser Fall tatsächlich eintritt, handelt es sich um Betrug. Dann braucht man keinen Sondertatbestand. Aber das muss man kausal beweisen können. Denn im Zweifel kann man sich mit einem Gesetz zum Sportbetrug viele Freisprüche vor Gericht einhandeln. Dort muss ausnahmslos das Unschuldsprinzip gelten. Der Sport ist viel effizienter bei der Bestrafung. Wenn bestimmte Grenzwerte überschritten sind, muss nicht erst geprüft werden, ob der Sportler schuldig ist. Dieter Baumann behauptet, er habe nicht gedopt – gesperrt wurde trotzdem. So etwas kann das Strafrecht nicht, das kann nur der Sport.

Zurzeit sieht es aus, als würden Sie dem Druck der Sportverbände nachgeben. Wie würden Sie eigentlich Ihr Verhältnis zum Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, beschreiben?

Es ist von einer Grundsympathie geprägt. Er weiß, dass ich viel Freude am Sport habe. Und ich habe Respekt davor, dass er mal olympisches Gold gewonnen hat. Aber glauben Sie ja nicht, es gebe deshalb irgendwelche Kungeleien.

Der Sport ist eine Interessenvertretung und will nicht in die kriminelle Ecke gestellt werden.

Der Sport in seiner Gesamtheit steht vor einer großen Aufgabe. Die gewählten Repräsentanten des freien Sports haben sich mit großer Mehrheit zu dieser Linie im Kampf gegen Doping entschieden. Das akzeptiere ich. Und Thomas Bach kämpft beim DOSB, und soweit ich das einschätzen kann, auch im IOC für einen sauberen Sport.

Tut der Sport alles, was er tun kann?

Ich glaube nicht, dass wir in einer Situation sind, in der man solche Güteerklärungen abgeben kann.

Das Gespräch führten Robert Ide und Friedhard Teuffel.

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