Dopingbekämpfung : Pannen im Kontrollsystem

Die Nationale Anti-Doping-Agentur überfordert, Olympiasieger unter Verdacht: Nach den von der ARD aufgedeckten Schwachstellen und Pannen im Doping-Kontrollsystem fordert Thomas Bach eine umfassende Untersuchung.

Berlin - "Wir haben bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) einen Bericht über diese Einzelfälle angefordert", erklärte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). "Erst dann können wir konkret bewerten, ob und in welchem Umfang sich Athleten tatsächlich den Trainingskontrollen entzogen haben."

Nach Zeitungsberichten soll unter anderen Diskus-Olympiasieger Lars Riedel fünf Mal bei Kontrollen nicht angetroffen worden sein. Der fast 40-jährige Sachse bestreitet dies und nimmt nur einen konkreten Fall auf seine Kappe. "Wenn Lars Riedel fünf Mal nicht aufgetaucht ist und dabei jeweils klar überführt wird, dass er den verpassten Test zu verantworten hat, dann ist er für zwei Jahre zu sperren", erklärte Helmut Digel, der Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, im "Deutschlandfunk".

"Sollte aber die Nada die Regeln nicht beachtet haben, der Leichtathlet also nicht über den Vorwurf informiert worden sein, kann man von keinem Fehlverhalten von Lars Riedel sprechen", fügte Digel hinzu. Der Tübinger Sportsoziologe sprach zudem von einem konkreten praktischen Problem: "Die Nada ist völlig überfordert und personell unzureichend ausgestattet, das Kontrollsystem angemessen zu steuern."

Bach: Keine vorschnellen Urteile

Geklärt werden sollte laut Bach, ob es bei der Nada oder bei den Sportfachverbänden administrative Schwachstellen gegeben habe. "Vorschnelle Urteile und Schuldzuweisungen wird es von mir jetzt nicht geben", sagte Bach und reagierte damit auf Recherchen des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb), die in der ARD-Reportage "Mission: Sauberer Sport" am Mittwochabend ausgestrahlt werden. Danach sollen im vergangenen Jahr etwa 400 von insgesamt 4500 Athleten von Dopingkontrolleuren nicht am gemeldeten Aufenthaltsort angetroffen worden sein.

Unter den 400 Athleten, die nicht bei Kontrollen angetroffen wurden, sollen sich nach ARD-Recherchen insgesamt sieben deutsche Olympiasieger, 32 Welt- und 28 Europameister befinden. "Das heißt aber natürlich nicht, dass diese Athleten schuldhaft diese Kontrollen versäumt haben. Da sind durchaus auch Schlamperei von Kontrolleuren oder andere Gründe denkbar", erklärte der ARD-Doping-Experte und Mitautor des Fernsehbeitrags, Hans-Joachim Seppelt.

Bach unterstrich zugleich, es werde Aufgabe der Nada sein, alle Versäumnisse dieser Art zu beseitigen. Ein erster Schritt sei bereits erfolgt: In Kürze werde ein einheitlicher Testpool eingerichtet, nach dem alle deutschen Leistungssportler für unangekündigte Trainingskontrollen rund um die Uhr erreichbar sein sollen.

Danckert: Klaus Kinkel soll Unregelmäßigkeiten untersuchen

Auch der Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Peter Danckert, hat eine schnelle Aufklärung der Unregelmäßigkeiten gefordert. "Das ist ein sehr ernstes Problem, das von einer neutralen Instanz untersucht werden muss", erklärte der SPD-Bundestagsabgeordnete. Danckert regte an, dass der ehemalige Bundesaußenminister und langjährige FDP-Parlamentarier Klaus Kinkel für den Vorsitz einer Untersuchungsgruppe gewonnen werden sollte. Eine interne Aufklärung durch die Nada oder durch den organisierten Sport allein sei wegen der Massierung der verpassten Tests auf keinen Fall ausreichend, erklärte Danckert.

"Für verpasste Tests dieser Art müssen zwingend Sanktionen folgen, wenn sich die Athleten bewusst den Kontrollen entzogen haben", forderte Danckert und unterstrich: Es sei nach den Regularien eine Bringschuld der Athleten, für Dopingkontrollen uneingeschränkt zur Verfügung zu stehen. "Die Sportpolitiker des Bundes haben das Recht, die Namen der Sportler zu erfahren, die sich in den letzten Monaten den Dopingkontrollen entzogen haben", sagte er. (Von Holger Schück und Frank Thomas, dpa)

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