Sport : Dopingfall Baumann: Schon 1992 gab es einen Warnschuss (Kommentar)

Ernst Podeswa

Ein Leserbrief gibt wieder, was man auch über den Dopingfall Baumann denken kann. "Baumann ist unschuldig. Warum sollte er sich zu einer Zeit dopen, in der keine Wettkämpfe anstehen?", schrieb uns ein Leser.

Glauben ist die eine, Tatsachen die andere Seite. "Baumann wollte bei den Cross-Europameisterschaften in Portugal starten", bestätigte Bundestrainer Lothar Hirsch auf Anfrage. Die verbotene Substanz Nandrolon, sagt Dr. Lehnigk, Mediziner am Olympiastützpunkt Berlin, "wird in harten Trainingsphasen verwendet, weil die Muskeln sich rascher erholen und der Athlet so höhere Belastungen im Training verkraften kann". Baumann hätte also nachvollziehbare Gründe gehabt, schon im Oktober/November zu nicht gestatteten Mitteln zu greifen.

Möglicherweise würde man auch die Affäre Baumann nach den beiden positiven Proben im Herbst vergangenen Jahres anders sehen, wenn der Deutsche Leichtathletik-Verband einen Vorfall aus dem Jahr 1992 anders behandelt hätte. Da sollen bei drei prominententen Athleten des Großvereins Bayer Leverkusen Dopingtests positiv ausgefallen sein: bei Dieter Baumann, Paul Meier und Heike Henkel. Baumann und Henkel waren in Barcelona Olympiasieger geworden, Meier wurde Sechster. Man habe diese unliebsame Geschichte unter den Tisch gekehrt, schrieb damals die "Junge Welt" (Berlin). Der 1995 verstorbene Professor Manfred Donike, einst Radsportprofi und damals Chef des Antidopinglabors in Köln, ließ dem Trio lediglich eine Warnung zukommen. "Ja, es hat einen Warnschuss in Richtung Leverkusen gegeben", bestätigt ein früheres DLV-Präsidiumsmitglied. Baumann musste immerhin auf den WM-Start 1993 in Stuttgart "wegen Verletzung" verzichten, lief aber wenige Tage danach Spitzenzeiten in Köln und Berlin.

Das Präsidiumsmitglied möchte auch deshalb ungenannt bleiben, weil die drei Betroffenen seinerzeit eine Unterlassungsverfügung erwirkt hatten. Mit der Androhung, wer sie des Dopings bezichtige, müsse mit Bußgeld im sechstelligen Bereich rechnen. Peter Udelhoven, bis 1997 Chefredakteur der medizinischen Fachzeitschrift "Theraphiewoche", hatte die drei Verdächtigen öffentlich gemacht und wurde wie der damalige Olympiastützpunktleiter Ulrich Eicke massiv unter Druck gesetzt. "Man hat aber nie ein Gerichtsverfahren gewagt. Das können Sie interpretieren, wie Sie wollen", sagte Udelhoven gestern.

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