Dopingfall im Tischtennis : "Die Spieler sollen nicht an der Bude essen"

Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes, spricht im Interview über den Dopingfall Owtscharow und Fleischmahlzeiten in China.

Thomas Weikert.
Thomas Weikert.Foto: ddp

Herr Weikert, haben Sie eigentlich schon eine Haarprobe abgegeben?

Nein, bisher noch nicht.

Sie gehörten genauso wie Dimitrij Owtscharow im August zur deutschen Delegation bei den China Open im Tischtennis, wo Owtscharow seiner Ansicht nach  kontaminiertes Fleisch gegessen hat, das zu seiner positiven Dopingprobe führte.

Ich denke daher auch über die Möglichkeit einer Haarprobe nach.

Die Haarprobe könnte herausfinden, ob Owtscharow einmal oder mehrmals Clenbuterol zu sich genommen hat und ob der Wirkstoff bei anderen Spielern und Delegationsmitgliedern gefunden wird.

Dimitrij hat schon eine Haarprobe abgegeben. Das Ergebnis erwarten wir in etwa zehn Tagen. Allen anderen haben wir vorsorglich gesagt, dass sie sich nicht die Haare schneiden lassen sollen. Und ich gehe davon aus, dass keiner ein Problem mit einer Haarprobe hat, wenn es zur Entlastung von Dimitrij dienen kann. An diesem Mittwoch soll nun erst einmal die B-Probe geöffnet werden.

Einerseits haben Sie als Verband ein Interesse daran, dass ein erfolgreicher Spieler nicht gesperrt wird, andererseits müssen Sie Neutralität in diesem Verfahren wahren. Wie gehen Sie mit diesem Spannungsverhältnis um?

Da muss man einen Spagat machen. Erst einmal lassen wir den Spieler nicht fallen. Er ist nicht vorverurteilt, es gibt einen Verdacht, dass ein Verstoß gegen Anti-Doping-Regeln vorliegt. Deshalb haben wir den Spieler nach den Bestimmungen der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada  vorläufig suspendieren müssen. Uns als Verband obliegt nun das Ergebnismanagement, das bedeutet: Wir müssen sowohl belastende als auch entlastende Indizien ermitteln. Für uns darf es am Ende keine Frage des Glaubens sein, sondern nur eine der Fakten.

Ist das der erste Dopingfall im deutschen Tischtennis?

Ja.

Was haben Sie denn gedacht, als Sie die Nachricht erfahren haben?

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ich dachte erst, das sei ein ganz schlechter Scherz.

International gab es auch vorher schon Dopingfälle im Tischtennis.

Als ich 2009 zum Vizepräsident der ITTF gewählt wurde, beschäftigte sich die erste Sitzung danach gleich mit einem Dopingfall. Es ging um einen Algerier, der Haschisch geraucht hatte. Weil er alles zugegeben hat, wurde er sechs Monate gesperrt. Dann gab es in den 90er-Jahren einen Tschechen, Ägypter gab es auch, und einen Belgier, ich glaube wegen Kokain. Im Groben war es das. Dimitrij ist der erste Topspieler, der etwas mit einem positiven A-Test zu tun hat. Ich bin auch überzeugt davon, dass Doping mit Clenbuterol im Tischtennis nichts oder nicht viel bringt.

Warum nicht?

Weil wir eine komplexe Sportart sind. Natürlich hängt viel von der Athletik und von der Schnellkraft ab, aber wir haben eben andere Komponenten, vor allem Psyche und Koordinationsfähigkeit spielen eine große Rolle. Ob man dann, wenn man betrügen wollte,  ein so „primitives“ Kraftmittel wie Clenbuterol einsetzt, wäre verwunderlich.

Aber auch durch Training versucht man doch einzelne Komponenten dieses komplexen Spiels zu stärken, warum also dann nicht mit Substanzen?

Denkbar ist alles. Aber meine persönliche Überzeugung ist, dass Doping generell in unserem Sport nicht verbreitet ist. Sicher, Clenbuterol fördert den Muskelaufbau und lässt deutlich die Kraft ansteigen. Aber selbst ein Doping-Fahnder wie Professor Werner Franke bezweifelt den Nutzen für unsere Sportart.

Seit Jahren ist zu sehen, dass Tischtennis immer athletisch wird und dadurch auch die körperlichen Anforderungen steigen. Das müsste Doping wahrscheinlicher machen.

Ungewollt im Mittelpunkt. Dimitrij Owtscharow ist der erste deutsche Tischtennisspieler mit positiver Dopingprobe. Der Mannschafts-Europameister hält kontaminiertes Fleisch bei einer Chinareise für die Ursache.
Ungewollt im Mittelpunkt. Dimitrij Owtscharow ist der erste deutsche Tischtennisspieler mit positiver Dopingprobe. Der...Foto: dapd

Weltklasse-Tischtennisspieler sind perfekte Athleten. Wir selbst sagen immer, sie müssen so schnell sein wie Sprinter und dabei so strategisch denken wie Schachspieler. Das Athletiktraining hat im DTTB, aber auch international einen immer höheren Stellenwert. Trotzdem sind wir, was die körperlichen Anforderungen betrifft, nicht mit Bodybuildern oder Sprintern zu vergleichen. Im Übrigen muss gelten: Wer wirklich dopt, muss rausfliegen.

Beim Behandeln der Schläger hört man jedoch immer wieder, dass die Regeltreue  nicht so hoch ausgeprägt ist. Da tricksen und täuschen einige.

Wie das insgesamt ist, kann ich nicht sagen. Weil wir die Schlägerkontrollen ordnungsgemäß durchführen, sehe ich da im Moment kein Problem. Wir testen mittlerweile mit wesentlich feineren Geräten. Außerdem sind die Sanktionen scharf: Wenn jemand vier Mal innerhalb von 48 Monaten durch die Schlägerkontrolle fällt, wird er ein Jahr gesperrt.

Zurück zum Körperdoping: Wenn tatsächlich kontaminiertes Fleisch in China die Ursache für Owtscharow positive Probe sein sollte, müsste doch eigentlich jeden Tag ein chinesischer Athlet auffliegen.

Wie oft dort getestet wird, weiß ich nicht. Es gab auch schon chinesische Athleten, die positiv auf Clenbuterol getestet worden sind, es gab auf jeden Fall eine Judoka und eine Badmintonspielerin. Da ging es auch um verseuchtes Essen. Wir fahren ja nun schon seit Jahren nach China, aber Dimitrij hat gesagt, dass er noch nie so kurz nach einer Reise getestet worden ist.

Vor den Olympischen Spielen in Peking gab es Warnungen, mit dem Fleischessen vorsichtig zu sein. Ist das auch bei den Tischtennisspielern zur Sprache gekommen?

Es gibt so eine Warnung. Speisen im Olympischen Dorf und an den Wettkampfstätten seien nicht kontaminiert, hieß es, aber Vorsicht sei geboten, beim Verzehr von Fleischprodukten außerhalb der olympischen Stätten. Wir müssen aber realistisch sein: Wie stelle ich denn im offiziellen Spieler-Hotel oder im Restaurant sicher, dass das Fleisch unbelastet ist? Da müsste ich schon Fleisch aus Europa einfliegen lassen. Das ist nicht nur kostenmäßig ein Problem. Wir spielen oft Vergleichskämpfe mit den Chinesen, absolvieren gemeinsame Lehrgänge und nehmen da ihre Gastfreundschaft an. Wir wollen ja auch ein gutes Verhältnis mit ihnen. Da könnten wir nur schwer zu ihnen sagen: Essen tun wir nicht mit euch.

War denn das Fleisch jemals Thema im Gespräch mit den Chinesen?

Vielleicht wird das in Zukunft ein Thema, aber dann ein Thema des internationalen Verbandes ITTF.  Unsere Spieler wissen aber schon, dass sie nicht an der nächstbesten Bude essen sollen.

Owtscharows Vermutung ist jedoch, dass es Fleisch aus dem Hotel gewesen sein muss. Wenn man sich noch nicht einmal in einem guten Hotel sicher sein kann?

Gute Frage, wenn ich Spitzensportler wäre, würde ich mir da viele Gedanken machen. Man kann es nicht kontrollieren. Deshalb wird das Problem immer bleiben. Wenn etwas passiert ist, muss sich der Athlet entlasten, denn das Kontrollsystem würde nicht mehr funktionieren, wenn ich das ändere. Dann muss der Athlet versuchen, entlastende Indizien zu benennen. Die Juristen nennen das plausible Alternativsachverhalte. Dann muss der Verband das Gegenteil beweisen.

Aber die nächste China-Reise kommt bestimmt. Was erwarten Sie da?

Wir haben das auch schon erörtert, aber wir müssen erst einmal dieses Verfahren abwarten. Können wir noch besser warnen? Wie sprechen wir die Chinesen darauf an? Damit werden wir uns beschäftigen. Aber es wird eben auch darum gehen, was der Gastgeber von uns erwartet.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

Thomas Weikert, 48, Rechtsanwalt und ehemaliger Bundesligaspieler ist seit 2005 Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) und seit 2009 Vize-Präsident des Internationalen Verbandes (ITTF).

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