Doppel-Interview zum Stadtduell : "Ich hoffe, das ist erst mal das letzte Derby"

Die Mannschaftskapitäne von Hertha und Union, Andre Mijatovic und Torsten Mattuschka, über Feindbilder, falsche Fanschals und ein Zweitliga-Spiel vor 75.000 Zuschauern.

Herthas Andre Mijatovic, 31, (unten) und Torsten Mattuschka, 30, vom 1. FC Union führen ihre Teams heute ins Olympiastadion.
Herthas Andre Mijatovic, 31, (unten) und Torsten Mattuschka, 30, vom 1. FC Union führen ihre Teams heute ins Olympiastadion.Fotos: dpa

Die Wahrheit liegt bekanntlich auf dem Platz. Sie ist keine mathematisch berechenbare Größe, weshalb Tabellenbilder mit Vorsicht zu genießen sind. In der offiziellen Notation der Deutschen Fußball-Liga werden Hertha BSC und der 1. FC Union in dieser Saison in einer gemeinsamen Spielklasse geführt. In Berlin aber ist wenig zu spüren von Berliner Gemeinsamkeiten. Der 1. FC Union und Hertha BSC leben in Paralleluniversen, die nur zu höchst offiziösen Anlässen die Bildung von Schnittmengen zulassen. Zum Beispiel beim Berliner Derby, am Samstag um 13 Uhr im Olympiastadion. Fragen an Torsten Mattuschka und Andre Mijatovic, die Kapitäne der Berliner Zweitligisten aus Ost und West.

Herr Mattuschka, Herr Mijatovic, spielen Hertha BSC und der 1. FC Union wirklich in einer gemeinsamen Liga?

TORSTEN MATTUSCHKA: Hertha hat sicherlich keine Zweitligamannschaft. Spieler wie Lell oder Niemeyer haben zig Bundesligaspiele gemacht. Hertha und Union verfügen über eine ganz andere Struktur, das macht sich vor allem am Etat bemerkbar. Geld ist aber nicht alles. Hertha musste im Laufe der Saison die Erfahrung machen, dass man nicht so einfach durch die Zweite Liga marschieren kann. Für uns ist das Derby am Samstag vielleicht die einmalige Chance zu zeigen, dass wir nicht nur das kleine Union sind, sondern dass wir zumindest über 90 Minuten mit Hertha mithalten können. Wie das dann über eine gesamte Saison aussieht, ist wieder etwas anderes.

ANDRE MIJATOVIC: Ich werde jetzt keine Antwort geben, aus der man Überheblichkeit oder Hochnäsigkeit herauslesen könnte. Was die Tabelle betrifft, so sagt sie zweierlei aus: Erstens, dass wir in dieser Saison natürlich gemeinsam in der Zweiten Bundesliga spielen. Aber, zweitens: Wir spielen um den Aufstieg, und die kämpfen gegen den Abstieg.

Die Fans beider Mannschaften sind einander nicht gerade in inniger Freundschaft zugetan. Hertha gegen Union, das ist auch West gegen Ost, Reich gegen Arm. Wie sehr färbt das auf die Spieler ab?

MATTUSCHKA: Ich habe bisher für zwei Klubs im Profifußball gespielt, für Energie Cottbus und den 1. FC Union, und beiden Vereinen wird ja kein besonders freundschaftliches Verhältnis zu Hertha nachgesagt. Ich für mich persönlich kann nur sagen, dass ich nie mit einem Feindbild Hertha BSC sozialisiert worden bin. Ich habe überhaupt nichts gegen Hertha. Natürlich wissen wir, wie wichtig dieses Spiel für unsere Fans ist und deshalb werden wir in den 90 Minuten auch alles dafür geben, wieder eine Überraschung zu schaffen. Auf der anderen Seite ist es für beide Vereine nur ein Spiel auf dem Weg zum großen Saisonziel. Bei Hertha ist das der Aufstieg und bei uns der Klassenerhalt.

MIJATOVIC: Ich bin ja noch nicht so lange in Berlin, aber nach dem was ich bisher erlebt habe, sind Ost und West doch wohl nur noch Himmelsrichtungen. Da habe ich bei mir zu Hause ganz andere Sachen erlebt.

Zum Beispiel?

MIJATOVIC: Ich habe zwei Jahre für Dinamo Zagreb gespielt, die Derbys gegen Hajduk Split sind das Extremste, was man sich vorstellen kann. Das geht weit über den Sport hinaus. Das ist der reiche Norden gegen den armen Süden, und so wird es von den Fans auch gelebt, mit letzter Konsequenz. Wenn Sie da mit dem falschen Schal durch die falsche Straße laufen, na viel Vergnügen! Hertha gegen Union, das ist doch nur eine Auseinandersetzung auf dem Fußballplatz.

Verfolgt man als Spieler eigentlich, was der Stadtrivale macht?

MATTUSCHKA: Nicht wirklich. Ich schaue mir die Zweite Liga schon im Fernsehen an, aber nicht Hertha im Speziellen. Wir müssen zuerst auf uns schauen, alles andere ist nebensächlich. Wir wollen drinbleiben, und ob Hertha Erster, Zweiter oder Fünfter wird, ist uns egal.

MIJATOVIC: Fußball ist ein Fulltimejob, da haben Sie keine Zeit, sich nebenher um eine andere Mannschaft zu kümmern, selbst wenn Sie in derselben Stadt spielt. Ich habe Union ab und zu im Fernsehen gesehen, nach dem letzten Derby haben wir uns auf die Schulter geklopft und alles Gute gewünscht, aber das ist es auch schon.

Hertha und Union spielen in derselben Liga und in derselben Stadt, aber im Alltag ist davon nicht viel zu spüren. Hertha tut sich immer noch schwer im Osten, Union igelt sich in seinem Köpenicker Sprengel ein. Gibt es zwischen den Mannschaften persönliche Berührungspunkte, oder kapseln sich auch die Spieler voneinander ab?

MATTUSCHKA: Ich bin jetzt persönlich mit keinem Hertha- Spieler befreundet. Ich glaube, unser John Jairo Mosquera ist öfter mit Adrian Ramos unterwegs, die kommen ja auch beide aus Kolumbien. Solche Freundschaften sind auch überhaupt kein Problem. Wenn das Spiel beginnt, liegt jede Freundschaft für 90 Minuten auf Eis, weil jeder das Beste für sich und seine Mannschaft will. Wir Spieler respektieren uns, da gibt es keine spezielle Abneigung.

MIJATOVIC: Niemand kapselt sich ab, aber es ist nun mal so, dass keiner von uns mal mit einem Spieler von Union bei irgendeinem Klub gemeinsam unter Vertrag stand. Der Ede von Union war mal bei Hertha, aber ich glaube, den kennt aus unserer jetzigen Mannschaft auch keiner mehr. Da sehen Sie mal, was für ein schnelllebiges Geschäft der Fußball heute ist. Wenn sich trotzdem was findet, liegt das an persönlicher Sympathie, zum Beispiel bei den Südamerikanern untereinander. Glauben Sie, die machen einen Unterschied zwischen West- und Ost-Berlin? Ich persönlich habe einen guten Draht zu Dominic Peitz, er ist ein wirklich lustiger Bursche, ich hab ihn auch schon mal privat getroffen und ein bisschen mit ihm geschwatzt, ich glaube, er wohnt irgendwo bei mir um die Ecke.

So geschäftsmäßig die Spieler das auch sehen mögen – für die Fans beider Klubs ist das Derby das Spiel des Jahres.

MATTUSCHKA: Also, auch in unserer Mannschaft ist das Spiel für viele ein Karrierehighlight, da können Sie mich gerne mit einschließen. Für solche Spiele wird man Fußballer, da muss man niemanden vorher motivieren. Das Gefühl beim Einmarsch wird gigantisch.

MIJATOVIC: Dafür fehlt mir vielleicht ein wenig der persönliche Hintergrund. Ganz ehrlich: Das Spiel am letzten Sonntag in Bielefeld hat mich emotional mehr berührt. Ich habe lange in Bielefeld gespielt, da war es schon ein komisches Gefühl, als Gegner auf den Platz zu laufen. Aber natürlich weiß ich um die Bedeutung von Derbys. Zu meiner Zeit in Fürth haben wir leider nie gegen Nürnberg gespielt, und dass es für Bielefeld ein Ostwestfalenderby gegen Paderborn gibt, weiß man in Berlin wahrscheinlich gar nicht. Das erste Spiel gegen Union im September war natürlich ein grandioses Erlebnis, und am Samstag wird es sicherlich noch mal eine Steigerung geben.

Vor 75 000 Zuschauern spielt man nicht alle Tage.

MATTUSCHKA: Ich habe noch nie vor so einer Kulisse gespielt. Die Kulisse am Sonnabend wird mit einem gewöhnlichen Zweitligaspiel nichts gemein haben. Und es ist auch kein normales Auswärtsspiel, denn es werden sicher um die 20 000 Union-Fans im Stadion sein und uns unterstützen.

MIJATOVIC: Ich habe auch schon mit Bielefeld in der Bundesliga öfter vor großem Publikum gespielt, zum Beispiel in der Münchner Arena, aber das waren halt immer Auswärtsspiele. So ein Heimspiel vor 75 000 Zuschauern ist natürlich eine ganz andere Sache.

Hertha hat bisher in der Rückrunde alle drei Spiele gewonnen, Union hat zwei von dreien verloren, zuletzt das wichtige gegen den SC Paderborn. Genauso sah die Konstellation vor dem ersten Derby in der Alten Försterei aus.

MATTUSCHKA: Sie meinen, das ist ein gutes Omen für uns? Könnte sein. Wir haben beim 1:1 im Hinspiel gezeigt, dass wir mit viel Laufbereitschaft und Einsatzwillen auch gegen eine Spitzenmannschaft bestehen können. Da hatten wir Hertha am Rande einer Niederlage. Natürlich sind wir krasser Außenseiter, aber wir fahren nicht zum Verlieren ins Olympiastadion. Wir wollen Hertha das Leben so schwer wie möglich machen. Und wer weiß, wie es läuft, sollten wir in Führung gehen.

Aber es gibt schon günstigere Voraussetzungen, als nach einer Heimniederlage gegen einen Konkurrenten im Abstiegskampf nun beim Tabellenführer Hertha bestehen zu müssen.

MATTUSCHKA: Sicher, aber das ist nun mal passiert. Und wenn wir jetzt etwas gegen Hertha holen, wäre das auch Wiedergutmachung für diese Leistung.

MIJATOVIC: Wir schauen nur nach vorne. Wir wissen, was wir im ersten Spiel gegen Union falsch gemacht haben, da waren wir nach gutem Start viel zu passiv. Daraus haben wir gelernt, wir haben uns weiterentwickelt, so etwas wird uns nicht noch einmal passieren. Wir brauchen diese drei Punkte, und das werden wir auch zeigen. Ich habe nichts gegen Union, aber ich hoffe, dass es am Samstag erst einmal das letzte Derby ist.

Die Fragen stellten Sven Goldmann und Sebastian Stier.

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