Doppelinterview : Hoeneß vs. Schindelmeiser: Das Protokoll

Der Tagesspiegel hat sie an einen Tisch gebracht: Bayern-Manager Uli Hoeneß und sein Hoffenheimer Rivale Jan Schindelmeiser sprechen im Doppelinterview über Geld und Fußball. Hier das ungekürzte Protokoll des Gesprächs.

Herr Hoeneß, Herr Schindelmeiser, schön, dass Sie sich beide Zeit genommen haben für dieses Gespräch. Bisher hatte man den Eindruck, dass der FC Bayern und 1899 Hoffenheim mehr  übereinander reden denn mit einander, und der Ton war dabei nicht immer sehr freundlich.

Schindelmeiser: Vielleicht sollten wir das nächste Mal erst miteinander telefonieren, bevor wir uns beschimpfen.

Hoeneß: Ich habe das gar nicht so dramatisch empfunden. Unsere angeblichen Schwierigkeiten...

... Sie haben die Hoffenheimer als linke Schauspieltruppe bezeichnet und deren Trainer Ralf Rangnick als einen Besserwisser, dem die Höhenluft nicht bekommt....

Hoeneß: ...basierten auf ein, zwei Sätzen, die ich mal so dahin gesagt habe. Wir beim FC Bayern haben das Projekt Hoffenheim immer sehr positiv begleitet. Und was mich persönlich betrifft: Ich habe mit meinem Kollegen Karl-Heinz Rummenigge um ein Abendessen gewettet, dass Hoffenheim sich für die Champions League qualifiziert.

Wem gönnen Sie denn eher die Meisterschaft? Hoffenheim oder Hertha BSC, wo Ihr Bruder Dieter als Manager arbeitet?

Hoeneß: Sie meinen, wenn wir es nicht werden? Herr Schindelmeiser, nehmen Sie es mir nicht übel, aber in diesem unwahrscheinlichen Fall darf es ruhig Hertha werden. Mein Bruder hat in Berlin so hart gearbeitet und gekämpft wie ein Löwe, er hätte es verdient.

Schindelmeiser: Ich halte das ohnehin für eine eher hypothetische Frage. Lassen Sie es mich mal so sagen: Die Gefahr, dass Bayern auch in dieser Saison Meister werden, ist sehr groß.

Wie ernst nehmen Sie Hoffenheim inzwischen, Herr Hoeneß?

Hoeneß: Der Klub hat eine sehr gute Chance, sich als feste Größe im deutschen Fußball zu etablieren. Mittelfristig muss er sich aber von seinem Finanzier Dietmar Hopp abnabeln. Ich sehe das, was er macht, als Anschubfinanzierung.  Er will damit keinen Gewinn erwirtschaften und erwartet auch nicht, dass er sein Geld zurückbekommt, sondern sieht das als Investition in die Region, aus der er kommt. Das ist die angenehmste Form des Mäzenatentums, wird aber irgendwann mal beendet sein..

Schindelmeiser: Mit der Emanzipation von Herrn Hopp haben sie völlig recht, das ist auch unsere persönliche Ambition. Aber wenn Sie wie wir aus der Regionalliga kommen, können sie sich in der Bundesliga nicht mit dem Setup etablieren, das wir dort hatten. Es wird schon  ein paar Jahre dauern, bis wir Ausgaben und Einnahmen in eine stabile Balance gebracht haben.

Hoeneß: Jetzt sind Sie jedenfalls da, und das ist gut so für die Bundesliga. Es war ja alles ein bisschen eingeschliffen, mit dem FC Bayern an der Spitze, mal war unser großer Rivale der Hamburger SV, dann Borussia Dortmund oder Schalke 04, zuletzt Werder Bremen. Jetzt kommt ein völlig neuer Player in die Szene und bringt frischen Wind mit.

Vielen Fans gefällt das nicht ganz so gut, weil sie den neuen Player als Retortenklub empfinden, dem jede Tradition fehlt.

Schindelmeiser: Tradition ist kein Qualitätsmerkmal. Ich kann es nicht ernst nehmen, wenn sich Vertreter von Traditionsklubs hinstellen und behaupten: Wir gehören in die Bundesliga! Ja, am besten beanspruchen sie noch einen Platz unter den ersten fünf für sich. Nein, kraft seines Namens allein gehört keiner in die Liga. Wollen wir ein Sportsystem wie in den USA, einen closed shop? Ich denke nicht. In Europa hat sich über viele Jahrzehnte ein Relegationssystem etabliert, und das ist auch gut so.

Hoeneß: Also die Forderung, dass manche Klubs aus ihrer Tradition den Ansprüche ableiten, ist natürlich völliger Quatsch. Aber man darf nicht unterschätzen, dass die Leute in Zeiten der Globalisierung im Fußball ein Stück Heimat suchen, einen Familienersatz. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal des Sports, von dem wir alle sehr profitieren. Das Beispiel Hoffenheim zeigt, dass man als neue Kraft  schnell Boden gut machen kann. Aber: Erst wenn man die Leute mit Erfolgen ein paar Jahre bei der Stange hält, bekommt meinen einen Schatz an Fans, der auch in schlechten Zeiten mitzieht.

Schindelmeiser: Wir sehen uns in Hoffenheim am Anfang einer hoffentlich langfristigen Entwicklung. An einem Punkt, wo Tradition entsteht. Eine Tradition, die wir aktiv mitgestalten wollen. Was haben denn die Leute, die in den Traditionsvereinen die Geschäfte führen, mit der Tradition ihrer Klubs zu tun? Nichts.

Zum Beispiel Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, der das Projekt Hoffenheim zuletzt scharf kritisiert hat.

Schindelmeiser: Diesen Namen haben Sie genannt.

Herr Hoeneß, wenn Sie noch einmal 40 wären – würde Sie ein Projekt wie das in Hoffenheim auch reizen? Das berühmte weiße Blatt Papier, auf dem der Plan steht, wie man einen neuen Player auf die Bühne zu bringt?

Hoeneß:  Nein, wir haben hier eine ganze Menge geschafft, und wenn ich 40 ich wäre, würde ich weiter versuchen, den FC Bayern international wettbewerbsfähig zu halten. Es ist ein irrer Reiz, und der wird größer in den nächsten Jahren, denn die Wettbewerbssituation des deutschen Fußballs wird besser, auch und gerade in diesen Zeiten der globalen Finanzkrise. Ja, wir können es schaffen, dieses Ungleichgewicht zu den großen Klubs in Italien, Spanien oder England zu beseitigen.

Dann hören Sie ja im falschen Augenblick auf. Endes des Jahres wollen Sie sich auf den Posten des Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden zurückziehen.

Hoeneß: Ach, das ist alles eine Frage der Perspektive. Ich vergleiche meine künftige Situation beim FC Bayern gerne mit der von Ferdinand  Piëch bei VW. VW ist im Augenblick das spannendste  Unternehmen der Welt, da ist der Aufsichtsratsvorsitzende 74. Ich habe Herrn Piëch kürzlich beim Autosalon in Genf erlebt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er in diesem Unternehmen nichts zu sagen hat.  So wird es auch beim FC Bayern München sein.

So unterschiedlich wie die Geschichte Ihrer Klubs ist auch der Werdegang Ihrer jeweiligen Manager-Karrieren. Herr Hoeneß, Sie haben 1979 als Autodidakt beim FC Bayern angefangen. Wäre so etwas heute noch möglich?

Hoeneß: Ich bin ein Freund von learning by doing. Das Wichtigste ist, wenn man sich nicht einbildet, alles zu wissen. Gerade die Leute, die von den Unis kommen oder von den Personalberatungsfirmen, die wissen alles besser, aber die haben nie beweisen, dass sie es auch besser machen können. Fast alle, die heute in der Bundesliga erfolgreich arbeiten, haben als Autodidakten angefangen.  Klaus Allofs in Bremen hat ja auch keine  Ausbildung in der Wirtschaft oder ein Universitätsstudium absolviert. Oder Rudi Völler in Leverkusen.

Ihr Bruder Dieter hat vor seiner Managerkarriere für Computerunternehmen gearbeitet.

Hoeneß: Ja, aber nur ein, zwei Jahre, aber mehr im Marketing. Ich meine, man braucht so etwas nicht, wenn man im Fußball mit offenen Augen durch die Gegend läuft. Schauen Sie sich doch mal die Vorstände von den großen Dax-Firmen an. Die haben viele nicht studiert,  sondern zum Teil als Lehrlinge angefangen und sich hochgearbeitet. Im Fußball gibt es  inzwischen Spieler, die alle sieben Sinne beieinander haben und in der Lage sind, diesen Job zu machen. Natürlich gibt es auch Seiteneinsteiger wie Herrn Schindelmeiser, der das in Hoffenheim wunderbar macht, wie ich höre.

Schindelmeiser: Den anerkannten Ausbildungsberuf  Fußballmanager gibt es in der Bundesliga nicht. Entscheidend sind die Erfahrung und die frühe Bindung an den Fußball. Ich war zwar nicht Profi, habe aber lange bei Göttingen 05 und  Hessen Kassel gespielt. Fühle mich deshalb auf wirtschaftlichen und sportlichen Terrain zuhause. Die Menschen, die mich aus diesem Umfeld kennen, würden mich sicher nicht als Seiteneinsteiger bezeichnen.

Hoeneß: Bevor das jetzt wieder zu einem Missverständnis führt: Das war überhaupt nicht böse gemeint.

Schindelmeiser: Das habe ich auch nicht so empfunden.  Ich habe mir mit dem Fußball mein Studium finanziert und mich schon damals mehr für die Dinge hinter den Kulissen  interessiert. Das Studium ist eine gute Grundlage, ein Werkzeugkasten. Aber in der Praxis läuft vieles anders. Ich weiß noch, als ich bei Tennis Borussia war, da haben wir im Pokal bei Hertha 4:2 gewonnen, aber ein paar Wochen später wurde unser Trainer Hermann Gerland entlassen, und zwar nur, weil er seinen Vertrag nicht vorzeitig verlängern wollte. Dann kam als neuer Trainer Winfried Schäfer...

Hoeneß: ... der wahrscheinlich gern selbst Manager gewesen wäre.

Schindelmeiser: Vielleicht. Ob er dafür geeignet gewesen wäre, sei dahingestellt. Er wurde vom Aufsichtsrat und  dem damaligen Sponsor „Göttinger Gruppe“ installiert. Das waren Leute, die sich im Finanzgeschäft auskannten.  Und mitbestimmen wollten, auch sportlich. So etwas funktioniert in der Regel nicht.

Also ist die Kenntnis vom Fußball immer noch die wesentliche Arbeitsplatzbeschreibung eines Bundesligamanagers?

Hoeneß: Es ist eine große Hilfe, aber keine conditio sine qua non. Viel wichtiger sind Charakter, Selbstlosigkeit und die Fähigkeit, sich unterordnen zu können.

Schindelmeiser: Und Teamfähigkeit, Führungsqualität,Loyalität, auch in der Zusammenarbeit mit Spielern und dem Trainer. Trainer können nur so erfolgreich sein, wie das Umfeld sie stützt. Wenn Sie nachhaltig erfolgreich sein wollen,  dann brauchen sie eine hohe Personenkontinuität im Klub. Und  da gibt es keinen anderen  Klub, der  dies so verkörpert wie Bayern München. Uli Hoeneß ist seit fast 30 Jahren das Gesicht der Bayern. Eine unglaublich lange und erfolgreiche Zeit.

Der FC Bayern ist ein gewachsener Verein mit einer gewachsenen Anhängerschaft. Der TSG Hoffenheim wird nur die Zuneigung eines Eventpublikums nachgesagt. Wenn man irgendwann nicht oben mitspielt, schwinden dann nicht der Zuspruch und die Liebe der Zuschauer?

Schindelmeiser: Diese Frage ist mir zu einfach. Da muss man viel weiter zurückblicken. Wir haben vor zwei Jahren in der Regionalliga vor 4000 Zuschauern gespielt. Jetzt verkaufen wir vor der Saison 20 000 Dauerkarten.

Hoeneß: Wie viele Einwohner hat Hoffenheim?

Schindelmeiser: 3000.

Hoeneß: Na, sehen Sie!

Schindelmeiser: Den Dauerkartenverkauf mussten wir übrigens einstellen, sonst haben Sie ja immer die selben Menschen im Stadion. Die  Leute, die uns vor zwei Jahren eher belächelt haben, als es hieß, wir bauen ein Stadion für 30 000 Zuschauer – dieselben Leute kritisieren uns heute dafür, dass wir nicht eins für  50 000 gebaut haben. Nein, 30 000 ist genau richtig.

Weil es auf Dauer nicht mehr Fans gibt?

Schindelmeiser: Ich bitte Sie, schauen sie sich einmal um, wer da in den Kurven steht. Wir bekommen Rückmeldungen  aus Deutschland und weit darüber hinaus, wer z.B. unsere Trikots kauft. Unser Ausrüster musste die Trikots schon einfliegen lassen, weil es per Schiff zu langsam gewesen wäre. Diese Entwicklung ist unglaublich, und das hat vor allem mit unserer Idee vom Fußball zu tun. Wir versuchen, attraktiven Fußball mit hohem Tempo zu spielen und setzen dabei auf junge, entwicklungsfähige Spieler.

Hoeneß: Aber wenn Sie mal in der Champions League spielen und da erfolgreich sein wollen, dann müssen sie sich auch ein wenig von diesem Weg verabschieden, von diesem  Fußball nach der Devise: immer  schön nach vorne und alles liegen lassen. Da kriegt man dann schon mal fünf Stück in Liverpool oder Mailand. Wenn Sie sich oben etablieren wollen, geht es nicht nur mit jungen Leuten. Manchester oder Chelsea werden nicht nur mit 20-Jährigen spielen. Die haben die auch, den Nani, den Anderson, aber die sitzen da schön auf der Bank  und spielen gegen Blackburn und Fulham,  aber wenn es in der Champions League geht,  spielen die Erfahrenen.  Es ist schon richtig, dass acht 32-Jährige nicht das Tempo spielen könne wie acht 20-Jährige. Aber ein 32-Jähriger kann  manchmal einen Pass spielen, den ein 20-Jähriger viermal erlaufen muss.

Schindelmeiser: Bayern kann nicht unseren Weg gehen, und umgedreht können wir uns nicht  an den Bayern orientieren. Was ich beschreibe…

Hoeneß: … ist eine Momentaufnahme.

Schindelmeiser: Es ist unser persönlicher Fingerabdruck. Bayern muss im nationalen Wettbewerb immer  Erster werden und will auch international vorne mitspielen, da kann ich natürlich nicht nur mit 20-Jährigen spielen. Arsenal London wird in dieser Konstellation auch nicht die Champions League gewinnen. Das sind zwei  völlig unterschiedliche Fingerabdrücke. Wir bleiben dieser Philosophie treu.  Nur so konnten wir die Sympathie der Menschen gewinnen.. Aber auch uns ist klar: Je weiter wir nach oben kommen, desto schwieriger wird es sein, diesem Weg treu zu bleiben. Wir müssen jetzt schon damit beginnen, die Jungs zu holen, mit denen wir diesen Weg weiter gehen können. Weil wir damit rechnen müssen, dass einige unserer jetzigen Spieler in ein, zwei Jahren gar nicht mehr da sind. Weil sie längst bei anderen Klubs spielen könnten. Denn wenn unsere Spieler Angebote von Spitzenklubs erhalten, werden wir finanziell nicht konkurrieren können. Wir sind nicht in der Lage, das zahlen, was Bayern einem Spieler bietet. Wir müssten unseren Spielern dann sagen: Wenn es dir nur ums Geld geht, musst du wohl gehen. Wenn du aber daran interessiert bist, weiterhin Teil dieser Story zu sein, dann bleib hier.

Hoeneß: Es sei denn, der Herr Hopp macht seine Schatulle  weiterhin auf.

Schindelmeiser: Herr Hopp wird unseren Weg weiter begleiten. Aber dass er uns dadurch in einer Größenordnung alimentieren wird, die ihn  selbst in eine unkomfortable Situation bringt, ist so gut wie ausgeschlossen. Unterhalten Sie sich doch mal mit Spielerberatern, dann werden Sie erfahren, dass wir sehr viel weniger bezahlen als andere ambitionierte Klubs.

Das haben die Bayern schon mal angezweifelt.

Hoeneß: Nein, das stimmt nicht. Ich habe zu diesem Thema einen einzigen Satz gesagt: In Hoffenheim wird auch mehr gezahlt, als die Leute allgemein glauben. Gehen Sie bitte davon aus, dass das auf allgemeinem Grundwissen basierte. Damit wollte ich doch nur eines verhindern, dass nämlich hier wieder das Klassenkampfdenken anfängt, das hatten wir ja schon mal bei unserem Freund in Bremen...

... dem früheren Werder-Manager Willi Lemke...

Hoeneß: … dass es nämlich heißt: Da die reichen Bayern und da die sympathischen, netten Hoffenheimer, wo die Spieler noch für eine Erbsensuppe am Wochenende Fußball spielen. Das war Sinn der Sache, ich wollte darauf hinweisen, dass da ein knallharter Profiklub spielt, der nach den Gesetzen  des Geschäfts arbeitet.

Hätten Sie denn Ihr Supertalent Toni Kroos statt nach Leverkusen auch nach Hoffenheim verliehen?

Hoeneß: Auf keinen Fall. Wie gesagt, wir empfinden Hoffenheim als direkten Konkurrenten, und den stärken wir doch nicht mit unseren eigenen Spielern. Wir nehmen diesen  Verein ernst, weil er  sportlich und wirtschaftlich in der Lage ist, mit uns mitzuhalten. Wenn er will.

Schindelmeiser: Im Einzelfall ist das richtig, da können wir uns wirtschaftlich wehren und behaupten. In der Breite aber nicht. Denn das würde dazu führen, dass wir deutlich mehr Geld ausgeben, als wir mittelfristig einnehmen. Wir sind von der Basis her nicht in der Lage, mit Bayern München im Wettbewerb zu stehen. Unser Stadion fasst 30 000 Zuschauer, und Herr Hoeneß, Sie kennen doch die Modalitäten des Fernsehvertrages.  Sie wissen, wie lange sie in der Bundesliga auf hohem Niveau gute Ergebnisse erzielen müssen, um überhaupt erst an die Fleischtöpfe zu kommen. Wir stehen da an Position 18 oder 17.

Hoeneß: Das stimmt, aber bedenken Sie bitte, dass bei der Aushandlung dieses Vertrages nicht an einen Fall wie Ihren gedacht wurde. An einen Verein, der aus der dritten Liga in die Spitze der Bundesliga vorstößt.

Schindelmeiser: Wir kriegen in dieser Saison rund 13 Millionen Euro aus den nationalen TV-Rechten.


Hoeneß:  Wir um die 23 Millionen, für die Meisterschaft kommen noch mal vier Millionen drauf…

Schindelmeiser: ...  und dann kommen noch die Einnahmen aus dem internationalen Geschäft dazu. Das sind wirklich Galaxien, die zwischen uns beiden liegen. Wir haben einen Personaletat für diese Saison in einer Höhe von knapp 23 Millionen Euro. Herr Hoeneß kennt seinen Etat. Ich sage das ohne jeden Neid, ich habe allerhöchsten Respekt davor, dass man es in Deutschland schafft, einen Personaletat  von 150 Millionen Euro zu stemmen, und dabei gesund zu bleiben. Aber es führt eben dazu, dass es  für die Bayern in Deutschland keinen echten Wettbewerber gibt.

Nicht mal Hoffenheim?

Schindelmeiser: Wie denn? Ich würde den Fans ja gern die Illusion geben, aber es ist nun mal nicht möglich. Natürlich wird es immer mal eine Saison geben, in der den Bayern eine Mannschaft sportlich gefährlich werden kann. Aber nie auf Dauer.  Darüber kann man nun trefflich streiten, kommt darauf an, ob aus nationaler oder aus internationaler Sicht. Betrachte ich aber die Liga, müsste ich fordern, dass das Fernsehgeld gleichmäßig zwischen allen 18 Klubs vereilt wird.

Hoeneß: An dem Tag, an dem das international überall gleich ist, habe ich damit überhaupt kein Problem.

Schindelmeiser: Ich weiß, Real Madrid bekommt 100 Millionen im Jahr.

Hoeneß: Die Kritiker werfen uns doch  immer vor, der deutsche Fußball sei nicht wettbewerbsfähig. Nun, wenn ich international wettbewerbsfähig sein will – oder soll –, dann muss ich auch entsprechende Mittel zur Verfügung haben. Ansonsten  müssen sich die Deutschen damit zufrieden geben, dass Bayern München in der Champions League in guten Jahren die erste Runde übersteht und vielleicht das Achtelfinale, aber dann ist eben Schluss.   Das ist etwa so, wie  wenn Freiburg Deutscher Meister wird. Das kann eben auch mal passieren, wird aber nicht die Regel sein.

Schindelmeiser: So aber haben wir ein System, in dem Sie das meiste Geld haben, sich damit die besten Spieler leisten können, dadurch den sportlichen Erfolg haben, der Ihnen wieder das meiste Geld einbringt. Mit dem können Sie sich wieder die besten Spieler leisten und so weiter. Nein, an der Vormachtstellung des FC Bayern wird sich auf der Basis der aktuellen Konstellation nie etwas ändern.

Aber an den Nachteilen auf internationaler Ebene auch nicht. Muss ein Klub mit dem Anspruch des FC Bayern nicht irgendwann mal volles wirtschaftliches Risiko gehen, um sportlichen Erfolg zu haben?

Hoeneß: Gewiss nicht! Was wir gerade weltwirtschaftlich erleben, ist ja die Konsequenz dessen, das manche Leute versucht haben, volles Risiko zu gehen. Diese Leute haben die Welt an den Rand des Abgrunds gebracht. Unsere Fans wollen ganz bestimmt nicht,  dass wir morgen irgendeinen russischen Oligarchen reinnehmen, der sich mit ein paar hundert Millionen Euro  beteiligt und dafür die Vereinspolitik bestimmt. Es geht auch anders. Wir haben 2001 die Champions League gewonnen, 1999 waren wir im Finale und haben unglücklich verloren. Wer weiß, was in diesem Jahr alles passiert. Wir werden den sportlichen Erfolg weiter auf einer gesunden wirtschaftlichen Basis suchen. So macht das Spaß, und so akzeptieren das die Leute. Unsere Fans wollen sportlichen Erfolg, aber nicht um den Preis, dass sie vielleicht zittern müssen, dass wir die nächste Saison noch überleben.

Ist die Weltwirtschaftskrise das beste Argument gegen Leute wie den Hannoveraner Präsident Martin Kind, der die 50+1-Regel kippen will und die Klubs für Investoren öffnen?

Hoeneß: Ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass wir diese Regelung nicht aufweichen sollten. Wenn einer glaubt, da eine Chance zu sehen, soll  er die Möglichkeit haben. Es gibt ja Kritiker die sagen, in Hoffenheim ist es längst so. Wir sind uns ja wohl einig, dass Hoffenheim ohne Herrn Hopp nicht in der Bundesliga spielen würde.

Schindelmeiser: Wahrscheinlich nicht mal in der Regionalliga.

Hoeneß: Ist mir auch egal. Wenn der Herr Kind glaubt, er müsse in Hannover andere Möglichkeiten haben, um den Verein nach vorn zu bringen, dann soll man ihm diese Möglichkeiten geben. Jeder Verein muss das für sich selbst entscheiden. Wir kriegen von unseren Fans keine Möglichkeit, mehr als 50 Prozent an einen Investor zu verkaufen.

Schindelmeiser: Wir sind dem Thema gegenüber völlig offen. Man kann auch Investoren an den Klub binden, ohne das System grundsätzlich zu ändern. Das war bei uns möglich, das ist bei anderen Klubs möglich. Hannover 96 würde ohne die Investitionen von Herrn Kind und anderen wahrscheinlich nicht in der Bundesliga spielen. Es geht um eine ganz andere Frage. Ob man den Investoren die Möglichkeit gibt, direkten Einfluss auf die Vereinspolitik zu nehmen.

Hätte Herr Hopp das Recht auf sportliche Mitsprache?

Schindelmeiser: Das ist eine rhetorische Frage. Er ist Investor, Mäzen und Gesellschafter in Personalunion. Wir tauschen uns regelmäßig aus. Aber Herr Hopp ist in das operative Geschäft nicht involviert. Er will es gar nicht sein..

Hoeneß: Na, ich wäre ja gerne mal bei einem Gespräch dabei, wenn ihr diese Meinung habt und er jene, und welche Meinung dann zählt.

Schindelmeiser: Herr Hopp hat dem Trainer und mir maximale Entscheidungsfreiheiten in sportlichen Fragen eingeräumt. Diesen Vertrauensvorschuß empfinden wir als großes Privileg. Gleichzeitig übernehmen wir damit auch eine hohe Verantwortung, der wir gerecht werden wollen. Er hat uns nie in Verlegenheit gebracht mit persönlichen Vorschlägen, die den sportlichen Bereich betreffen. Seine Haltung ist angenehm defensiv. Eher die eines Mentors.

Hoeneß: Aber ihr habt natürlich schon Investitionen vorgenommen, die ihr ohne sein Okay nicht hättet machen können. Und da kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich nicht genau darüber informiert und am Ende ja oder nein gesagt hat.

Schindelmeiser: Als wir nach dem Aufstieg in der zweiten Liga u.a. Chinedu Obasi, Demba Ba, Carlos Eduardo, Vedadad Ibisevic geholt haben, für die wir nicht unerhebliche Transferentschädigungen zahlen mussten, war die Vorgehensweise selbstverständlich mit Dietmar Hopp abgestimmt. Wir bewegen uns im Rahmen eines Gesamtbudgets, das über ein Spieljahr hinausreicht. Seine Reaktion auf die damalige Vorgehensweise war: Wenn Ihr von der Vorgehensweise überzeugt seit, macht es.

Hoeneß: Und wenn dann einer  zwei Millionen Euro teurer geworden wäre?

Schindelmeiser: Da ist keiner teurer geworden, Herr Hoeneß. Im Gegenteil, die Spieler sind gemessen an den Vorstellungen der Clubs billiger geworden. Die Gespräche mit den abgebenden Vereinen waren in der Tat nicht ganz einfach. In der Konsequenz konnten wir einige Spieler auch erst ein paar Wochen nach Saisonbeginn verpflichten.

Hoeneß: Das ist aber höchst ungewöhnlich, dass Spieler im Verlauf von Verhandlungen billiger werden.

Schindelmeiser: Wir haben noch nie den Preis gezahlt der verlangt wird. Herr Hopp hat uns sein Geld anvertraut. Ich muss also noch akribischer, noch verbindlicher sein, als wenn ich mein eigenes Geld verwalte.

Hoeneß: Aber wenn ihr unbedingt einen Spieler hättet haben wollen und es hätten noch fünf Millionen gefehlt, da hätte er euch doch geholfen!

Schindelmeiser: Selbstverständlich. Aber die Frage hätte ich nie gestellt.

Und wenn Sie dabei mal eine Fehlentscheidung treffen, sagen Sie Herrn Hopp: Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe jetzt gerade Ihr Geld verbrannt. Herr Hoeneß müsste sich im selben Fall seinem Aufsichtsrat und dann den Vereinsmitgliedern gegenüber verantworten. Das ist schon eine andere Situation.

Schindelmeiser: Das kann ich so nicht stehen lassen. Wir sind jetzt im dritten Jahr, haben es aus der Regionalliga in die Bundesliga geschafft. Dabei Investitionen in Höhe von gut 20 Millionen Euro in neue Spieler getätigt. Dies sind langfristige Investitionen in sehr junge, hochtalentierte Spieler mit Wertsteigerungspotential. Sie können gern gegenrechnen, wie diese Spieler auf dem internationalen Transfermarkt bewertet werden. Es sind letztlich nur Buchwerte, aber es spiegelt die Entwicklung der Jungs wider. Durch den Aufstieg hat sich die Einnahmesituation von 1899 Hoffenheim ebenfalls deutlich verbessert.  Es stimmt natürlich nicht, dass wir von Herrn Hopp komplett alimentiert werden und zu ihm gehen, wenn wir gerade mal wieder Geld brauchen. Wir arbeiten mit einem verbindlichen Etat, den wir auch jetzt wieder bei der DFL einreichen mussten.

Hoeneß: Das stimmt, aber der Druck ist für uns schon höher. Wir haben keinen, der mal mit dem Hut rum gehen kann. Ich habe kürzlich von einer Sitzung bei Inter Mailand gehört. Da betrug das Minus 148 Millionen Euro. Da hat der Herr Moratti…

… der Öl-Tycoon und Inter-Präsident…

Hoeneß: … bei einem Abendessen den Aktionären gesagt: Sorry, das ist leider dumm gelaufen, wir sind zwar Meister geworden, aber es fehlt ein bisschen Geld.  Dann hat er einen Scheck über 95 Millionen Euro gezeichnet und die anderen Herrn gebeten, ihren Anteil zu leisten. Aber zurück zu Herrn Hopp und dem Geldverbrennen: Sein größtes Asset ist doch, dass er richtig gute Leute eingestellt hat. Das ganze Geld hätte ihm ja nichts genutzt, wenn er Leute hat, die es in der Tat nur verbrannt hätten.

Schindelmeiser: Der überwiegende Teil unserer Personalentscheidungen ist langfristig ausgelegt. Es sind Investitionen in die sportliche und wirtschaftliche Entwicklung der Spieler. Mit allen Chancen und Risiken. Und so lange  die Verträge nicht auslaufen, bleiben das auch Investitionen.

Hoeneß: Wobei das natürlich eine gefährliche Kiste ist. Ich betrachte Spieler nie als Anlagevermögen. Die Berater  sind ja klug genug, die wissen seit dem doofen Bosman-Urteil, dass irgendwann der Vertrag ausläuft, und dann beträgt der Buchwert eines Spielers null Euro. Was sind schon Marktwerte? Wenn Franck  Ribéry noch zwei Jahre bis zu seinem Vertragsende wartet, dann liegt sein Wert für uns bei null. Wenn er aber jetzt sagt, dass er unbedingt gehen will und es findet sich ein Verrückter, der 100 Millionen Euro bezahlt, dann ist er 100 Millionen wert. 

Schindelmeiser: Klar, ein Spieler hat immer nur den Wert, den ein anderer Club zu zahlen bereit ist. Dann bleibt der sportliche Wert der Investitionen. Den haben die Spieler größtenteils zurückgezahlt, denn dass wir in diesem kurzen Zeitraum die erste Bundesliga erreichen und dort auch noch so eine gute Rolle spielen – damit konnte nun wirklich keiner rechnen.

Hat Herr Hopp denn schon mal nein zu einem Investitionsvorhaben gesagt?

Schindelmeiser: Das ist bisher noch nicht vorgekommen. Aber wir haben ihm auch noch nie Fragen gesellt, die mit nein beantwortet werden mussten.  Unsere Vorstellungen sind klar und auch für ihn nachvollziehbar. Wir haben keine fertigen 27 oder 28 jährige Spieler mit entsprechenden Gehaltsvorstellungen geholt. Wir haben Jungs verpflichtet, die zum Teil gar keiner kannte, von denen wir aber der Überzeugung waren, dass sie ein riesiges Potenzial besitzen. Und bereit sein mussten, in Summe entsprechende Transferentschädigungen zu zahlen. Diese Spieler haben dazu beigetragen, die Marke Hoffenheim zu schärfen.

Gibt es dazu aktuelle Umfragen?

Schindelmeiser: Die fallen ausgesprochen positiv aus: Mit dem Thema Hoffenheim verbinden die Leute die Eigenschaften: sympathisch, innovativ, jung, erfolgreich, aber auch  bodenständig, regional verankert und bescheiden.

Hoeneß: Im Augenblick entwickelt sich  bei euch alles nach oben. Aber das wird irgendwann aufhören. Ich bin mal gespannt, wir ihr damit umgehen werdet. Der Alltag kommt, und der wird lang. Einmal Erfolg zu haben ist die eine Sache, aber den Erfolg dauerhaft zu behaupten, ist viel schwerer. Nehmen wir mal an, Sie werden in dieser Saison Erster oder Zweiter und im nächsten Jahr nur Fünfter oder Sechster…

Schindelmeiser: … dann, Herr Hoeneß, schicke ich Ihnen sofort eine Kiste Champagner!

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