Doppelpass : Sie haben Post - aus Österreich

Reinhard Krennhuber (Österreichs Fußballmagazin „Ballesterer“) und Marco Durisch (Schweizer Fußballmagazin „Zwölf“) stehen hier im Briefwechsel. Reinhard, der Österreicher, war bei der Niederlage der Schweizer dabei und staunte, dass die Türken so ungestört mit einer Siegespolonaise durch den Zug ziehen konnten.

Österreich
Briefwechsel. Hier schreiben unsere Autoren aus Österreich und der Schweiz.Grafik: Tsp

Hallo Marco,

schade, dass es die Schweiz so früh aus dem Turnier gespült hat. Ich scheine eurer Nati kein Glück zu bringen. Dennoch hat es mich sehr gefreut, das Spiel gegen die Türkei live in Basel miterleben zu dürfen. Die Stimmung im St.-Jakob-Park war top und Inler, Behrami und Co. haben den Türken einen großen Kampf geboten. Vor allem vor der Pause, bei eigentlich irregulären Platzverhältnissen, was aber scheinbar niemanden gestört hat. EM-Spiele kann man halt nicht so einfach verschieben und am nächsten Tag weiterspielen.
Erstaunt war ich auch, wie gefasst die Schweizer Fans die Niederlage weggesteckt haben. Kein großes Raunzen im Stadion, und auch im Zug zurück nach Zürich nicht ein böses Wort, als einige enthusiasmierte türkische Fans zur Siegespolonaise durch die Abteile angesetzt haben. Ob das auch in Österreich so relaxed ablaufen würde? Ich bin da eher skeptisch.

Nichts begriffen hat hingegen der „Blick“. Unter dem hochkreativen Titel „Koa Gaudi“ („Kein Spaß“) berichtet das Zürcher Boulevardblatt vom geringen Andrang in den österreichischen Fanzonen. Gleichzeitig werden ähnliche Symptome in der Schweiz verschwiegen und in (bezahlten?) Jubelartikeln Gratisstehplätze in den Public-Viewing-Arenen der UBS-Bank angepriesen. Einmal abgesehen davon, dass es mir durchaus recht ist, wenn diese Kommerzzonen leer bleiben und die Fans ihr Bier in unserer gemütlichen EM-Lounge im Wiener WUK trinken: Die EM sollte eigentlich dazu beitragen, dieses schwindlige Konkurrenzdenken zu überwinden. Manche werden es aber vermutlich nie lernen.

Wie die Stimmung in Österreich ist am Tag des möglichen EM-Outs, kann ich nur schwer sagen. Ich bin erst seit wenigen Stunden wieder im Land und schreib Dir aus dem „Europameister“, einem antiquierten Gemeinschaftssonderzug von ÖBB und SBB, der mich rechtzeitig zum Spiel gegen Polen nach Wien bringt. Ich gehe jetzt einfach einmal davon aus, dass das ein gutes Omen ist. Denn auch wenn wir in der Vorrunde ausscheiden, sollte es gegen Deutschland am Montag zumindest noch theoretisch um etwas gehen. Für ein belangloses Freundschaftsspiel gegen unsere heiß geliebten Nachbarn haben wir die EM schließlich nicht ausgerichtet.

Bis bald,
Reinhard

Marco Durisch (Schweizer Fußballmagazin „Zwölf“) und Reinhard Krennhuber (Österreichs Fußballmagazin „Ballesterer“) stehen hier im Briefwechsel.

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