Sport : Doppelter Umstieg

Susi Erdmann und Gerda Weissensteiner waren Weltspitze im Rodeln, in Turin kämpfen sie um Gold im Bob

Hartmut Moheit

Berlin - Viel Zeit zum Quatschen hatten Susi Erdmann und Gerda Weissensteiner am Königssee nicht. „Wir sind uns zu Wochenbeginn begegnet, aber so kurz vor Olympia sieht jede von uns erst einmal ihre Aufgabe und ihr Ziel“, sagt Susi Erdmann aus Berchtesgaden. Nach zwei Weltcup-Läufen auf ihrer Hausbahn konnte sie gemeinsam mit Anschieberin Anne Dietrich über den ersten Saisonsieg jubeln. Für Gerda Weissensteiner und Jennifer Isacco aus Italien kam diesmal der sechste Platz heraus. Über eine halbe Sekunde hatte die Deutsche vor der Südtirolerin herausgefahren, was im Bobsport sehr viel ist. Für den olympischen Wettkampf, der am 21. Februar nach vier Läufen auf Weissensteiners Heimbahn in Cesana-San Sicario entschieden wird, bedeutet das nichts. Seit über 20 Jahren sind Susi Erdmann und Gerda Weissensteiner bereits Kontrahentinnen, und in dieser langen Zeit entschied häufig die Hundertstelsekunde.

„Wir respektieren uns, aber richtige Freundinnen wurden wir nicht. Dafür sind wir einfach zu verschieden“, sagt Weissensteiner, die „am 3. Jänner 1969 als drittes von acht Kindern vom Foar-Hof in Steinegg geboren wurde“. Als beide Frauen noch die Weltspitze im Rodeln darstellten, musste die 1,65 Meter große Italienerin „14 Kilogramm draufpacken, um auf das erlaubte Wettkampfgewicht zu kommen“. Probleme dieser Art kannte Erdmann mit ihren 1,87 und 80 Kilogramm Körpergewicht nicht.

Zwischen 1989, als Weissensteiner in Winterberg WM-Zweite mit Siebentausendstelsekunden Rückstand hinter Erdmann wurde, und 1998, als die kleine Italienerin den Gesamtweltcup gewann, machten die beiden Frauen oft die Titel unter sich aus – oder stritten um Silber und Bronze. Den größten Erfolg schaffte Weissensteiner bei Olympia 1994 auf der Kunsteispiste in Hunderfossen bei Lillehammer, als sie Gold vor Erdmann holte. „Sie war zu diesem Zeitpunkt die Dominierende“, sagt Erdmann, das habe ich auch anerkannt. Umgedreht akzeptierte sie fair, als ich bei WM oder EM vor ihr war.“ Trotz aller Erfolge hatten beide Sportlerinnen keinen glanzvollen Abschied aus der Rodelszene.

Wenn eine Mutter ihrer fast 30 Jahre alten Tochter unvermittelt bescheinigt, sie sei plötzlich ein anderer Mensch, dann muss etwas Besonderes passiert sein. Gerda Weissensteiner erinnert sich sehr gut an jenen Tag, als sie die Kraft aufbrachte, ihr Leben radikal zu verändern. „Das war 1998 beim Weltcup-Finale in Winterberg. Das Training habe ich noch mitgemacht, dann bin ich Knall auf Fall abgereist.“ Sie wollte nicht mehr, fühlte sich „total erschöpft“. Der Weltcup-Gesamtsieg interessierte sie kaum. „Ich hätte nie gedacht, dass ich je so tief fallen konnte“, sagt sie heute. Was eigentlich vorgefallen war, dazu hat sie sich damals nicht geäußert, und auch heute, nachdem das meiste verarbeitet ist, sagt sie nur: „Ich bin doch nicht beim ersten Problem abgehauen. Bezeichnend war doch damals, wie der italienische Verband versucht hat, mich danach in den Schmutz zu ziehen.“

Bei Susi Erdmann, die 1997 den dritten Weltmeistertitel errungen hatte, war es eher die aufkommende Erfolglosigkeit, die ihr Kritik einbrachte. Bei Olympia 1998 in Nagano wurde sie Vierte, diesen Platz belegte sie auch bei der WM im Folgejahr. „Beim Rodeln war für mich die Luft raus“, sagt sie. Zur Saison 1999/2000 stieg sie in den Zweierbob um, in der Saison danach traf sie in ihrem neuen Metier auch wieder auf Gerda Weissensteiner. „Susi ist für mich bis heute ein Leitbild“, sagt die Südtirolerin. „Sie führt ihr Leben und den Sport sehr professionell.“ Selbst die Fotos der Deutschen im Playboy haben ihr imponiert. „Sehr schön, aber für mich wäre das nichts. Ich bin doch eher der bodenständige Typ.“

Zum Ende ihrer sportlichen Karriere – Weissensteiner möchte sich nach dem sechsten Olympiastart verabschieden und Erdmann nach der WM 2007 auf ihrer Lieblingsbahn in St. Moritz – vereint sie noch einmal ein Ziel: eine Olympiamedaille. Am besten würden sie es finden, wenn das zeitgleich passieren würde.

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