Sport : Doris Fitschen: Ein Landei macht Karriere

Helen Ruwald

Was aus einem Landei so alles werden kann. In Osenhorst, einem 15-Seelen-Kaff in Niedersachsen, rannte Doris Fitschen als kleines Mädchen auf dem Bauernhof ihrer Eltern dem Ball hinterher. Später kickte sie beim FC Hesedorf. Weil die Mädchen einfach kein Tor schossen, setzte der Trainer eine Prämie von zwei Mark aus. Fitschen traf - und verdiente als Neunjährige mit dem Fußball ihr erstes Geld. Inzwischen ist die Frau vom 1. FFC Frankfurt, die sich selbst als Landei bezeichnet, Rekordnationalspielerin (136 Länderspiele), mehrfache Deutsche Meisterin, Europameisterin und Bronzemedaillengewinnerin der Olympischen Spiele von Sydney.

Als die deutschen Fußballerinnen 1989 erstmals Europameister wurden, belohnte der Deutsche Fußballbund (DFB) die Spielerinnen mit einem Porzellan-Service. Für Platz drei in Sydney gab es immerhin 15 000 Mark von der Sporthilfe - eine Ausnahme. "Fürs Kicken bekommt man hier nicht mehr Geld als fürs Zeitungsaustragen", hat Maren Meinert einmal gesagt, Fitschens Nationalmannschaftskollegin vom FFC Brauweiler. Sie finanzierte sich Fußball und Studium zeitweise als Zählerableserin der Stadtwerke Moers. Bisher. Seit gestern sind sie, Fitschen und Bettina Wiegmann (Brauweiler) Profis. Fußballprofis in den USA. Dort kicken rund acht Millionen Frauen, zehnmal so viele wie in Deutschland. Zum WM-Finale 1999 kamen rund 100 000 Zuschauer nach Pasadena.

Am Sonntag schoss Abwehrchefin Fitschen beim 6:0 in Wolfsburg im DFB-Pokal-Viertelfinale ihr letztes Tor für Frankfurt. Gestern flog sie zu ihrem neuen Team ins Trainingslager nach San Diego. Sie wird in der neu gegründeten Profiliga "Wusa" für Philadelphia Charge auflaufen, Meinert und Wiegmann für die Boston Breakers. Die drei wurden gedraftet, der 32-jährigen Fitschen wäre Kalifornien lieber gewesen. "Ich war vor fünf Jahren mal in Philadelphia. Das Wetter war schlecht, die Plätze auch." Es wird eine Reise ins Ungewisse. Die Liga ist neu, die Klubs, das Drumherum. Eine Wohnung hat Fitschen noch nicht, aber "wir haben zwei Kotrainer und zwei Konditionstrainer", sagt sie lachend. Als das Angebot kam, hat sie "sofort zugesagt". Rund achttausend Dollar Ablöse hat sie gekostet, für das zunächst einjährige Engagement erhält sie an die 150 000 Mark.

Fitschen, die Spielführerin der Nationalmannschaft, ist die bekannteste deutsche Fußballerin. Sie hat einen Vertrag mit "Adidas", und Siegfried Dietrich, der Manager des 1. FFC Frankfurt, ist auch ihr persönlicher Manager. Fitschen hat Pele kennengelernt, mit den Herren Klinsmann, Sammer und Brehme die Fußball-Lehrer-Lizenz gemacht und könnte einen Männer-Bundesligisten trainieren. Im Internet präsentiert sie sich auf ihrer eigenen Homepage. Dennoch ist der Wechsel in die USA für sie eine aufregende Sache. "Viele Partien werden live im Fernsehen übertragen, zu jedem Spiel kommen mindestens fünftausend Zuschauer", sagt sie. In der Bundesliga sind es kaum mehr als zweihundert. Fitschen hat ihr BWL-Examen gemacht, Meinert, die ihren Mann in Deutschland zurücklässt, sammelt in Amerika Material für ihre Magisterarbeit über die Wusa. Und Kommunikationselektronikerin Wiegmann ist von der Telekom für ein Jahr freigestellt worden.

Einen Vorgeschmack auf das künftige große Interesse bekam das Trio vor einer Woche. Frankfurt machte durch das 5:1 im Spitzenspiel gegen Brauweiler die Meisterschaft so gut wie perfekt, doch das Augenmerk galt nur den drei Wahl-Amerikanerinnen. Mehrere Kamerateams beobachteten jeden Schritt, und Fernsehreporter Rolf Töpperwien führte mit kernigen Sprüchen durch den Vormittag. Wie einst Lothar Matthäus werden Fitschen und Co. zu wichtigen Länderspielen eingeflogen. Bei der EM Ende Juni in Deutschland können sie die ersten Storys erzählen über den Frauenfußball-Wahnsinn in den USA. Über kreischende kleine Mädchen auf der Tribüne. Über Spielzeugläden, in denen es die populärste amerikanische Spielerin, Mia Hamm, als Barbie gibt. "Ich bin gespannt, ob man erkannt wird, wenn man durch die Stadt geht", hat Fitschen gesagt. Bald wird sie es wissen.

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