Sport : Dortmund gegen den Rest der Welt

Die Borussia unterliegt 1:2 in München, verliert zwei Spieler und fühlt sich vom Schiedsrichter betrogen

Detlef Dresslein

„Von dem Koller weiß man ja, dass er leicht abhebt.“

„Trainer, das ist nicht in Ordnung.“

„Na ja, wenn er seinen Körper einsetzt, bleibt er stehen.“

„Nein, Trainer! Das ist nicht wahr!“

Es war ein denkwürdiges Spiel, das da am Samstag im Münchner Olympiastadion stattfand, so denkwürdig, dass der Meistertrainer der vergangenen Saison sich noch einmal zum kickenden Personal herabstufte, für einen Augenblick wenigstens. Matthias Sammer verfiel in größter Erregung wieder in die Rhetorik alter Zeiten und redete seinen Kollegen Ottmar Hitzfeld an wie früher, als der Fußballlehrer Hitzfeld noch die Kommandos bei Borussia Dortmund gegeben hatte und der Nationalspieler Sammer sein verlängerter Arm auf dem Platz war.

Nun betreut Sammer selbst die Borussia, doch nach der 1:2-Niederlage beim FC Bayern München, dem Klub seines alten Lehrmeisters, schimpfte er mit eben der Verve, die früher den Spieler Sammer ausgezeichnet hatte. Es war weniger die Niederlage, es waren die zu ihr führenden Umstände, die den Dortmunder Trainer so erregt hatten. Genauer: die Leistung des Schiedsrichters Michael Weiner, vor allem in jener 65. Minute, über die noch Stunden nach dem Abpfiff erregt diskutiert wurde. Willy Sagnol, der eher ungelenke Bayern-Verteidiger, hatte gerade Claudio Pizarros Tor zum 2:1 vorbereitet. „Abseits“, monierten die Dortmunder, und am lautesten erzählte das Torhüter Jens Lehmann, dass nämlich sein Kollege Lars Ricken hinter der Torauslinie gestanden habe und der Münchner Schütze Pizarro eben deswegen deutlich im Abseits gestanden habe. Schiedsrichter Weiner war weder mit den Argumenten noch mit Lehmanns Lautstärke einverstanden und zeigte dem Nationalspieler die Gelb-Rote Karte.

Zuvor hatte schon Thorsten Frings wegen wiederholten Foulspiels den Platz vorzeitig verlassen müssen, und da Sammer sein Wechselkontingent bereits ausgeschöpft hatte, standen die neun verbliebenen Dortmunder plötzlich ohne Torwart da. Stürmer Jan Koller ließ sich das leuchtend orange Leibchen von Lehmann geben.

Der lange Tscheche machte seine Sache gut, aber darüber mochte sein Trainer später gar nicht reden. „Wenn die Aggression im Verhältnis Schiedsrichter/Spieler vom Schiedsrichter ausgeht, dann muss ich sagen, so etwas habe ich noch nie gesehen“, schimpfte Sammer. „Ist doch klar, dass ein Torwart etwas aufgekratzt ist, wenn er kurz zuvor den Schädel eingetreten kriegt." In der 59. Minute war Giovane Elber mit dem Knie voran in Lehmann gerutscht, der Torwart musste minutenlang behandelt werden.

Der Platzverweis gegen den Dortmunder Torhüter war der Höhepunkt eines Spiels, das von Anfang an hochgradig brisant war. Die nervösen Bayern brauchten zwanzig Minuten, um geistig überhaupt auf dem Platz einzutreffen. Da stand es schon 0:1. Marcio Amoroso hatte vom Strafraum aus geschossen, Jan Koller hatte in Ausübung seines eigentlichen Berufs die Hacke dazwischengehalten und den Ball ins Tor umgelenkt.

Druck machten die Bayern erst nach dem ersten Platzverweis gegen Frings. Nach einer guten Stunde fiel der Ausgleich durch Roque Santa Cruz, kurz darauf traf Pizarro, und das Unheil begann. Neun Dortmunder gegen elf Münchner hatten zwar keine Chance mehr. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende der Bayern AG, hätte zwar „lieber gegen elf Mann gewonnen", doch ob das so funktioniert hätte, ist bei der aktuellen Verfassung der Bayern so sicher nicht. Am Ende brach immerhin Uli Hoeneß sein tagelanges Schweigen: „Wenn eine Krise damit endet, dass man mit fünf Punkten Vorsprung Spitzenreiter in der Bundesliga ist, dann kann ich mit solchen Krisen durchaus leben“, sagte der Münchner Manager. Zuvor hatte er noch versucht, den erbosten Lehmann zu trösten. Vergeblich. Der Dortmunder Torhüter reiste genauso frustriert nach Hause wie vor – beinahe auf den Tag genau – zwei Jahren. Am 4. November 2000 hatte die Borussia in München 2:6 verloren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben