Sport : Dortmund und der Mythos

Armin Lehmann

Dortmund - Mitte der ersten Halbzeit donnerte das obligatorische „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid“ durch das Dortmunder Stadion, danach folgten ohrenbetäubend laute „Deutschland“-Gesänge, und man hatte das Gefühl, nur das Publikum verhindere zu diesem Zeitpunkt einen Rückstand für die deutsche Mannschaft. Fünf Eckbälle gegen sich und erstaunlich verunsichert wirkten die Deutschen in jenen Minuten, aber ausgerechnet in diese Phase hinein bekamen sie ihre bis dahin beste Chance serviert. Bei der Dezibelstärke war es kein Wunder, dass Andrea Pirlo zuvor einen Fehlpass gespielt hatte. „Jetzt geht’s los“, brüllte das Stadion. Doch am Ende konnte den Deutschen auch das nicht helfen.

Dortmund – die Stimmung, heißt es, ist ein Mythos. 13 Siege in 14 Länderspielen – vor der gestrigen Partie – waren dafür Beweis genug, aber ein noch besserer Beweis war die Gänsehaut, die diese orkanartig laute Kulisse hervorrief. Trotz der 30 Grad Celsius, die noch um 21 Uhr gemessen wurden. Auf der gesamten Nordtribüne hatten die deutschen Fans mit Tausenden einzelnen Tüchern, bemalt in Schwarz-Rot-Gold, die deutsche Fahne zusammengepuzzelt und dazu ein Plakat aufgehängt, auf dem stand: „Unsere Welle trägt euch ins Finale“. Eine letztlich vergebliche Hoffnung. Schon im zweiten Gruppenspiel gegen Polen war das Publikum mit dafür verantwortlich gewesen, dass die deutsche Elf bis zur letzten Sekunde an den Sieg geglaubt hatte und mit Neuvilles spätem Tor zum 1:0 belohnt worden war. Diesmal reichte es nicht.

Die Kulisse war wieder da, bunt bemalt, geistreich geschminkt und lustig verkleidet. Und weil das für die italienischen Fans genauso galt, konnte die Stimmung schon vor dem Anpfiff gar nicht besser sein. Selbst die Polizei sprach überwältigt „von einer Superstimmung in der Stadt“, wo sich rund 250 000 Fans vor den Leinwänden eingefunden hatten.

Was für die Stadt galt, galt umso mehr für das Stadion. Zu Beginn wurde den Italienern von den Deutschen allerdings nichts gegönnt: kein Lied, kein Anfeuerungsruf der Italiener, der nicht sofort erstickt worden wäre in gellenden Pfiffen. Gepfiffen wurde bei der Ankunft der Italiener, beim Warmmachen, beim Vorlesen der Aufstellung. Selbst als die ersten Töne der italienischen Hymne erklangen, pfiffen noch einige Fans. Erst nach und nach siegte die Fairness.

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