Dr. Dollas Diagnose (140) : Laufen Unfälle im Rausch glimpflicher ab?

Laut dem Statistischen Bundesamt steigt in der Faschingszeit die Zahl der Unfälle infolge von Trunkenheit um 25 Prozent. Ähnlich hoch ist die Zahl nur noch an Neujahr und am Vatertag. Dennoch heißt es oft, dass Unfälle unter Alkoholeinfluss meist glimpflich verlaufen. Woran liegt das?

Dr. Thorsten Dolla
Don't drink and drive. Die "Saufboarder" haben bei der Siegerehrung nach dem Riesentorlauf in Sudelfeld jedenfalls ordentlich Durst.
Don't drink and drive. Die "Saufboarder" haben bei der Siegerehrung nach dem Riesentorlauf in Sudelfeld jedenfalls ordentlich...Foto: Imago

In der Faschingssaison explodiert die Zahl der Alkoholunfälle. Laut Statistischen Bundesamts steigt zwischen Weiberfastnacht und Fastnachtsdienstag die Zahl der Unfälle infolge von Trunkenheit um 25 Prozent. Ähnlich hoch ist die Zahl nur noch am Neujahrstag und am Vatertag. Der Alkoholkonsum bedingt eine weitere negative Tendenz in der Faschingszeit. Denn auch Gewaltdelikte sind in der „fünften Jahreszeit“ keine Seltenheit. Und trotzdem hört man immer wieder, dass Unfälle unter Alkoholeinfluss oft glimpflich verlaufen. Woran liegt das?

Häufig habe ich in der Rettungsstelle Unfälle nach erhöhtem Alkoholkonsum versorgt. Nur ein Beispiel ist der Sturz eines Patienten vom Barhocker bei 1,8 Promille. Dabei ist dieser mit dem Fuß typischerweise nach außen umgeknickt. Nach der klinischen Untersuchung des Patienten mit massiver Schwellung und Druckdolenz (Druckschmerz) um den Außenknöchel wurde eine Röntgenaufnahme durchgeführt: Dabei zeigte sich keine Fraktur. Glück gehabt, „nur“ eine Band-und Kapselverletzung.

Viele fragen sich, warum haben Verletzte im Rausch auch noch Glück? Die Antwort ist einfach. Dies ist nicht der Fall! Im Gegenteil.

Wer eine Party, ob zum Geburtstag, zu Silvester oder wie jetzt zur Faschingszeit unter erhöhtem Alkoholeinfluss erlebt, erhöht erheblich die Gefahr sich zu verletzen. Alkohol- und Drogenkonsum wirkt bei vielen Menschen enthemmend. Schon unter geringen Mengen von Alkohol werden Bewegungen unkoordinierter. Wenn bei Null Promille von einem normalem Verkehrsunfallrisiko ausgegangen werden kann, verdoppelt sich dieses Risiko bereits ab 0,3 Promille.

Dr. Thorsten Dolla.
Dr. Thorsten Dolla.Foto: promo

Wissenschaftliche Untersuchungen mit Mäusen zeigten auch, dass der Heilungsprozess bei gebrochenen Knochen deutlich beeinträchtigt ist. Es wurde nicht nur weniger Knochengewebe nachgebildet, sondern der neue Knochen war auch weniger belastbar.

Alkoholkonsum ist gesundheitsschädlich mit zunehmendem Konsum. Es schädigt also nicht nur die Leber, führt zur Leberzirrhose, zu Krebs oder zu Gehirnschäden, sondern führt auch zu häufigeren Verletzungen. Regelmäßiger Alkoholkonsum kann zudem süchtig machen.

Warum ein hoher Blutalkoholwert die Überlebensrate bei Unfallopfern erhöht, ist weiterhin unbekannt. Wissenschaftler aus Kanada fanden sogar heraus, dass leicht angetrunkene Autofahrer bei schweren Kopfverletzungen höhere Lebenschancen haben. Aber von diesem Moment sollte man sich nicht täuschen lassen. Besser als ein glücklich überlebter Unfall infolge von Alkoholkonsum ist immer noch gar kein Unfall.

Der Berliner Orthopäde Dr. Thorsten Dolla, 50, ist seit vielen Jahren in der Sportmedizin tätig. Er war Mannschaftsarzt bei Hertha BSC, beim 1. FC Union, den Berlin Capitals und dem Footballteam Berlin Thunder. Beim ISTAF war er bis 2009 leitender Arzt und ist heute Ringarzt beim Boxen. Für Tagesspiegel.de schreibt er regelmäßig über Sportverletzungen und ihre Folgen. Alle Folgen können Sie hier nachlesen. Wenn Sie selbst eine Frage zu einer Sportverletzung an Dr. Dolla haben, schicken Sie uns bitte eine Mail an sport@tagesspiegel.de.

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