Sport : Dr. Stevens und Mr. Huub

Herthas Trainer hat am liebsten alles unter Kontrolle, aber manchmal machen ihm seine Emotionen das Leben schwer

Stefan Hermanns

Berlin. Es gibt vieles, was Huub Stevens nicht besonders leiden kann; aber es gibt nichts, was er mehr hasst, als zu verlieren. „Ich will immer gewinnen“, hat er einmal gesagt, „sogar noch beim Kartenspiel.“ Insofern war der vergangene Samstag ein ziemlich unerfreulicher Tag für den Trainer von Hertha BSC. Man könnte sogar sagen: Der Tag war eine Katastrophe für Stevens. 3:6 hatte seine Mannschaft gegen Bayern München verloren, und Huub Stevens nehmen solche Ergebnisse mehr mit, als er selbst sich das vermutlich eingestehen will.

Am Morgen nach dem Spiel gegen die Bayern warteten einige Journalisten vor Herthas Geschäftsstelle auf den Trainer. Ob er nicht noch was sagen könne, wurde er gefragt, aber Stevens wollte sich nicht mehr äußern. Das Ganze wurde von einer Fernsehkamera gefilmt, und als Herthas Trainer dies bemerkte, schimpfte er los. „Mach die Kamera aus!“, forderte er und versuchte, seine Hand vor das Objektiv zu halten. Stevens fühlte sich im Recht. Er beruft sich darauf, dass es offizielle Termine für die Presse gibt, bei denen er Rede und Antwort steht. „Gestern war keine Pressekonferenz“, sagte er am Tag danach. Dass der Kameramann ihn trotzdem gefilmt hatte, „das ist doch Respektlosigkeit“.

In der Öffentlichkeit wird der Vorgang anders empfunden, und das ist im Endeffekt Stevens’ Problem – auf die Wirkung kommt es an, nicht darauf, ob er objektiv im Recht ist oder nicht. „Stevens rastete aus!“, schrieb die „Bild“-Zeitung auf ihrer Titelseite. Die Bilder setzen sich im Kopf des Betrachters fest, und nach und nach entsteht der Eindruck, dass Stevens sich in bestimmten Situationen nicht unter Kontrolle hat – auch wenn er stets eine gute Begründung für sein Verhalten vorbringen kann.

Am Samstag im Spiel gegen die Bayern gab es eine andere äußerst unglückliche Situation: Der Ball rollte über die Seitenlinie genau vor die Füße von Huub Stevens. Herthas Trainer hob den Ball auf, Thorben Marx kam ihm entgegengelaufen, um den Einwurf auszuführen, Stevens warf den Ball Richtung Marx – und traf ihn genau im Gesicht. „Ich habe ihm den Ball nicht ins Gesicht geworfen“, sagte Stevens. Was er meint, ist: Er hat es nicht mit Absicht getan. Als Stevens warf, guckte Marx gerade auf den Boden. Ein dummer Zufall.

Aber es gibt Fotos vom Moment danach. Thorben Marx hält seine Hände noch fangbereit vor der Brust und schaut ein wenig irritiert. Stevens hingegen blickt weder peinlich berührt drein, noch hat er entschuldigend seine Hände gehoben. Stevens hat einen Ausfallschritt gemacht, sein Oberkörper ist weit nach vorne gebeugt, der Mund steht weit offen. Er brüllt, und seine Augen sind zu Schlitzen zusammengekniffen. Stevens sieht aus wie ein antiker Krieger beim Angriff, nur dass er keinen Schild und keinen Speer in den Händen hält.

In solchen Augenblicken entsteht der Eindruck, als fühle sich der Trainer von den Darbietungen seiner Spieler persönlich beleidigt. Aber Stevens denkt nicht so. „Ich bin ein Teil der Mannschaft, die verloren hatte“, sagt er, und das meint er ernst. Er gehört nicht zu den Trainern, die ihre Wut und Enttäuschung gegen die vermeintlichen Versager ganz gezielt einsetzen. Die erst einmal ihrem Assistenten das Training überlassen und – wie ein enttäuschter Liebhaber – den Spielern ihre Aufmerksamkeit entziehen, auf dass sie sich richtig schuldig fühlen. Stevens ist am Morgen nach dem Spiel mit den Profis laufen gegangen. „Es war wichtig, wieder eng zusammen zu sein“, sagt er.

Mit zeitlichem Abstand redet Stevens fast nüchtern von dem, was passiert ist. Er denke immer positiv, sagt er. „Ich vergesse auch ganz schnell und hoffe aus meinen Fehlern zu lernen.“ Auf dem Platz erwartet Stevens von seinen Spielern Disziplin und Organisation. Wie kann es dann sein, dass er selbst sich von Emotionen leiten lässt?

Aber Fußball ist kein Geschäft von Buchhaltern: Es lebt von Gefühlen, auch von falschen. Stevens würde das am liebsten ignorieren. Er will alles planen können, entscheiden, wie er es für richtig hält. Manchmal macht sich Stevens das Leben selbst schwer, weil er die öffentlichen Reaktionen auf sein Handeln nicht bedenkt. Wenn er – wie im Spiel gegen die Bayern – fünf Minuten vor der Pause erst Luizao und gleich darauf Marko Rehmer auswechselt, ist das an das Publikum ein eindeutiges Signal. Es versteht diese Auswechslungen als Strafaktion, weil 99 von 100 Trainern genau das mit einer solchen Auswechslung bezwecken würden: die Spieler ungeschützt der Wut des Publikums auszusetzen, anstatt sie geräuschlos nach der Pause in der Kabine zu lassen. Huub Stevens sagt: „Das war keine Bestrafung. Ich wollte nur der Mannschaft helfen.“

Noch bevor die Halbzeit zu Ende war, schossen die Bayern das 5:1.

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