Drachenfliegen in der DDR : Die Grenzen des Himmels

Kein Sport passte so wenig zum DDR-System wie das Drachenfliegen. Doch trotz des Verbots gab es eine ostdeutsche Szene von rund 100 Drachen- und Gleitschirmfliegern. Eine Spurensuche.

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Am Berg Raná war das Fliegen erlaubt. Allerdings nur den Fliegern aus Tschechien. Die Sportler aus der DDR (hier eine Aufnahme von 1981) sprangen ohne Erlaubnis ihres Staates.Alle Bilder anzeigen
Foto: Hans-Christian Baruske
03.11.2014 15:01Am Berg Raná war das Fliegen erlaubt. Allerdings nur den Fliegern aus Tschechien. Die Sportler aus der DDR (hier eine Aufnahme von...

Es ist früh morgens, 9. November 1986, Berlin-Mitte. Auf dem Dach eines Hochhauses mit 25 Stockwerken in der Leipziger Straße haben zwei junge Männer die Nacht verbracht. Unbemerkt von den Bewohnern. Sie warten. Sie rauchen Kette. Volkmar Kienöl und sein Freund Klaus Kuschmierz kauern neben zwei selbst konstruierten Flugdrachen. Ihr Landeplatz ist nur 200 Meter entfernt. Aber er liegt in einer anderen Welt: Sie wollen mit ihren Drachen direkt vor dem Axel-Springer-Hochhaus zu Boden segeln. Nach stundenlangem Zögern nimmt Kuschmierz seinen Drachen. Läuft an, erreicht die Dachkante – und bleibt mit einem Fuß hängen. Er stürzt, der Drachen trudelt. Er hat Glück, er kann ihn noch stabilisieren und hat Pech: Kuschmierz landet im Hof der Theodor-Winter-Oberschule, direkt neben dem Hochhaus. Kienöl eilt zu seinem Freund, die beiden Mauersegler fliehen, werden aber vier Tage später in Tschechien festgenommen. Die verpatzte Flucht endet für die Freunde in der DDR im Gefängnis. Wochenlang werden sie von der Stasi verhört.

Eine Dachkante, aber vor allem ein simpler technischer Fehler stand der Flucht in den Westen im Wege. Der Winkel für den Flug und die äußeren Bedingungen hätten gepasst, nur das mit dem Anlauf hätte Kuschmierz nicht machen dürfen. „Das war ein Klippensprung“, sagt Claus Gerhard, erfahrener Drachenflieger. Und da erfolge der Start direkt an der Kante, ohne Anlauf. Aber Kienöl und Kuschmierz hätten das eben nicht gewusst. Woher auch? Drachen- und Gleitschirmfliegen war in der DDR nicht erlaubt. Fliegen! Wo doch niemand fliehen sollte? Es gab keinen Sport, der so wenig zum System passte. „Weil er sich so wenig kontrollieren ließ“, sagt Volkmar Kienöl.

Hauptmotivation der Oberen, diesen Sport zu verbieten, war natürlich die Angst vor fluchtwilligen Bürgern. Trotzdem etablierte sich in der DDR in den siebziger Jahren eine kleine Szene an Drachenfliegern, Claus Gerhard hat die Geschichte vieler dieser Menschen in seinem Buch „Der begrenzte Himmel“ beschrieben. Rund 100 Drachen- und Gleitschirmflieger gab es in der DDR, in Berührung mit der Sportart seien aber wohl ein paar hundert DDR-Bürger gekommen, glaubt Gerhard. Die wenigsten von ihnen betrachteten ihren Sport als Vorbereitung für eine Flucht. Das machte es ihnen aber nicht einfacher. Denn wer mit dem Flugsport in Berührung kam, konnte sich intensiver Überwachung sicher sein.

Dabei fing alles ganz harmlos an. Es war 1973, als der US-Amerikaner Mike Harker mit seinem Flugdrachen von der Zugspitze herabsegelte und im selben Jahr Roger Moore als James Bond in „Live and let die“ mit dem Drachen durch die Lüfte glitt. Der Westen hatte einen neuen Trendsport – für die, die mutig genug waren und es sich leisten konnten.

Segelfliegen in der DDR
Am Berg Raná war das Fliegen erlaubt. Allerdings nur den Fliegern aus Tschechien. Die Sportler aus der DDR (hier eine Aufnahme von 1981) sprangen ohne Erlaubnis ihres Staates.Alle Bilder anzeigen
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03.11.2014 15:01Am Berg Raná war das Fliegen erlaubt. Allerdings nur den Fliegern aus Tschechien. Die Sportler aus der DDR (hier eine Aufnahme von...

Ausläufer der Welle kamen auch im Osten Europas an. In Tschechien, Ungarn und Polen versuchten sich die ersten Drachenflieger. In der DDR waren es zunächst nur wenige. Peter Eckstein aus Ballenstedt, einer Kleinstadt am Harz, ist 1973 einer von ihnen. Der Segelfluglehrer, Anfang 30, ist begeistert von Harker und fährt mit zwei Freunden zur Drachenflugmeisterschaft nach Zakopane. „Wir haben die Drachen alle ausgemessen, sind nach Hause gefahren und haben uns selbst welche gebaut“, erzählt Eckstein. „Das war abenteuerlich: Wir haben Tischtücher aus Plaste verwendet.“

Eckstein übte mit seinem selbst gebastelten Drachen fortan im Harz. Fluchtgedanken hatte er nicht. Obwohl ihn die „Interflug“ als Hubschrauberpilot entlassen und die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) als Segelfluglehrer gesperrt hatte – offiziell ohne Grund, inoffiziell wegen zu wenig Begeisterung für das politische System. Eckstein stürzt sich nach dem Flugverbot in sein neues Hobby, bis 1978 scheint sich niemand daran zu stören. Der gelernte Pilot wird immer geschickter mit dem selbst gebastelten Gleiter und tritt 1978 erstmals zu einem Wettkampf an, im Nachbarland Ungarn. Eckstein denkt sich nichts dabei.

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