Sport : Drängeln beim Fliegen

Beim Snowboardcross treten mehrere Fahrer gegeneinander an – da kann schon mal jemand auf der Strecke bleiben

Benedikt Voigt

In 20 Tagen beginnen die Olympischen Winterspiele in Turin. In unserer neuen Serie stellen wir die ungewöhnlichsten Sportarten vor, die sich dort präsentieren werden. Heute: Snowboardcross.

Wenn David Speiser sich für ein Rennen fertig macht, steigt er in eine dick gepolsterte Sturzhose, die er „Crash- Pants“ nennt. Er schlüpft in einen Rückenpanzer aus Kunststoff, an dem Schulter-, Arm- und Ellbogenprotektoren befestigt sind. Schließlich setzt er sich einen Halbschalenhelm auf. „Manche fahren mit Knieschutz“, sagt der 25-Jährige, „aber das ist mir zu viel.“

Snowboardcross nennt sich die Sportart, für die sich die Fahrer rüsten müssen wie für einen Einsatz in einem militärischen Krisengebiet. Das Internationale Olympische Komitee hat diese spektakuläre Snowboard-Disziplin erstmals für die Spiele in Turin in das Programm aufgenommen. Zuvor gab es nur in der Halfpipe und im Parallelriesenslalom Medaillen für Snowboarder zu gewinnen. Diesmal dürfen sie sich auch mit bis zu 90 Stundenkilometern in einen Parcours mit Sprüngen, Steilkurven und Bodenwellen stürzen und gegen drei andere Snowboarder um die beste Linie kämpfen. Das jedoch macht den Snowboardcross so gefährlich: Vier Fahrer rasen gleichzeitig über die Strecke – und nur die schnellsten beiden erreichen die nächste Runde.

„Wenn es blöd läuft, kann man zu viert in den Zaun krachen“, sagt Speiser. Gefährlich wird es auch, wenn vier Fahrer gleichzeitig über einen Sprung fahren müssen, der nur Platz für drei bietet. „Dann kann es einen massiven Abflug geben“, sagt der Oberstdorfer Snowboardprofi, der sich für Turin qualifiziert hat. In der vergangenen Saison flog ihm bei einem weiten Sprung ein Konkurrent von rechts in seine Bahn. „Ich habe ihn mit meinem Brett am Helm touchiert“, sagt Speiser, „das hat mich schockiert.“ Beide stürzten, die übrigen zwei Fahrer auch. Alle konnten das Rennen zu Ende fahren.

Der Snowboardcross besteht aus zwei Phasen: Qualifikation und Finalrunde. In der Qualifikation kämpfen mehr als 50 Fahrer allein gegen die Uhr. Die schnellsten 32 qualifizieren sich fürs Achtelfinale. „Das wird immer schwieriger“, sagt Speiser, „zuletzt lagen die besten 30 nur eine Sekunde auseinander.“ Im ersten Lauf des Achtelfinales treten dann der 1., der 32., der 16. und der 17. der Qualifikation gegeneinander an. Der Schnellste hat das Recht, seine Startposition zu wählen – das kann entscheidend sein. Wer als Erster durch die erste Kurve saust, gewinnt normalerweise das Rennen. „Bei zwei Dritteln aller Rennen kommen die beiden weiter, die am Anfang vorne sind“, sagt Speiser. Wer am Start hinten liegt, muss auf einen Fehler der vor ihm liegenden Fahrer hoffen. Oder auf eine bessere Linie.

Vielleicht helfen die Spiele von Turin, Snowboardcross bekannter zu machen. Allerdings gilt diese Disziplin sogar in der eigenen Szene als Randphänomen. „Wo gibt es das normalerweise, dass ein Snowboarder den anderen von der Strecke drängt?“, sagt der Snowboard-Freestyler Xaver Hoffmann. Andere Dinge sind prestigeträchtiger in der Snowboardszene: außergewöhnliche Videodrehs, spektakuläre Freestyle-Sprünge oder Wettbewerbe auf einem Slope-Style-Parcours, einer Strecke mit zahlreichen Hindernissen. Speiser kennt die Vorbehalte gegen seine Disziplin, sogar unter den Snowboardern. Eine olympische Medaille aber würde ihn trösten.

Favoriten für Olympia: Männer: Xavier Delerue (Frankreich), Drew Neilson (Kanada), Jasey Jay Anderson (Kanada), Marco Huser (Schweiz), Nate Holland (USA).

Favoritinnen: Dominique Maltais (Kanada), Maelle Ricker (Kanada), Karine Ruby (Frankreich), Olivia Nobs (Schweiz), Mellie Francon (Schweiz), Doresia Krings (Österreich).

Deutsche Starter: David Speiser, Michael Layer, Alexander Kupprion, Katharina Himmler.

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