Sport : Drahtseilakt in Donezk

Die Dortmunder bewahren in der Ukraine trotz dramatischer Entwicklungen die Nerven und holen ein 2:2.

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Er ließ den Ball nie aus den Augen. Der Dortmunder Mats Hummels (rechts, im Zweikampf mit Luiz Adriano) war auf beiden Seiten des Spielfelds an den Toren beteiligt. Foto: AFP
Er ließ den Ball nie aus den Augen. Der Dortmunder Mats Hummels (rechts, im Zweikampf mit Luiz Adriano) war auf beiden Seiten des...Foto: AFP

Mats Hummels wirkte ernst und gefasst, Dortmunds Manndecker, der mit seiner schwarz-gelben Wollmütze auch optisch punktete, war der gefragteste Mann in der Donbass-Arena. Zum einen, weil er beim aufregenden 2:2 (1:1) des Deutschen Meisters gegen den ukrainischen Titelträger Schachtjor Donezk vor 52 187 Besuchern der entscheidende Spieler auf dem Rasen war. Zum anderen, weil Hummels ein Mann der offenen Worte ist und es Dinge zu besprechen gab, die über das Fußballerische hinaus gingen.

Eine Stunde vor dem Hinspiel des Achtelfinals in der Champions League hatte eine schlimme Nachricht das in der gesamten Ukraine herbeigesehnte Highlight überschattet. Bei der Bruchlandung eines Flugzeugs auf dem Flughafen von Donezk, das aus Odessa kam und hauptsächlich mit Passagieren besetzt war, die das abendliche Fußballspiel sehen wollten, waren mindestens fünf Menschen getötet und zwölf verletzt worden. Die Botschaft trübte die Vorfreude nachhaltig und machte es schwer, dem geregelten Abendwerk nachzugehen. „Schlimmere Geschichten gibt es doch nicht, das ist eine enorm traurige Geschichte“, sagte Hummels angesichts des Unglücks.

Der Umgang mit der Tragödie erwies sich als Herausforderung, wie Trainer Jürgen Klopp nach dem Schlusspfiff zu berichten wusste. Er habe seiner Mannschaft kurz vor Spielbeginn die Information gegeben, es werde eine Schweigeminute geben. Nachfragen aus der Mannschaft gab es keine, „weil die Jungs da schon im Tunnel waren“. Einerseits begrüßt Klopp eine solche Reaktion, weil sie hilft, den Fokus nicht zu verlieren. Andererseits realisiert der 45-Jährige sehr genau, „wie pervers es ist, dass du solche Dinge in unserem Beruf ausblenden musst. Wir sind schließlich gestern selbst auf diesem Flughafen gelandet.“

Kapitän Sebastian Kehl präzisierte die Aussagen seines sportlichen Vorgesetzten. „Ganz ehrlich, das nimmst du fünf Minuten vor Spielbeginn nicht wirklich wahr“, berichtete der Routinier offen. „In diesem Moment bist du emotional einfach nicht so nah dran.“ Es ist ein schwieriger Drahtseilakt, seiner Bestimmung auf dem Platz nachzukommen, ohne dabei gefühlskalt oder gar skrupellos zu wirken. Die Dortmunder schafften diese anspruchsvolle Übung.

Als es bei der Nachbereitung des fußballerischen Kräftemessens in der grauen ukrainischen Kohlemetropole wieder um das Geschehen auf dem Rasen ging, rückte Hummels erneut in den Fokus. Schließlich war der 24-Jährige an den meisten entscheidenden Szenen beteiligt. Vorne, weil er in der ersten Halbzeit mit einem krachenden Kopfball die Latte des gegnerischen Tors erzittern ließ und kurz vor dem Schlusspfiff mit dem 2:2 die Serie von sieben ungeschlagenen Champions-League-Partien aufrecht erhielt. Und hinten, weil Hummels mit ungewohnt vielen Schnitzern dafür sorgte, dass Donezk nicht frühzeitig aller Chancen auf ein Weiterkommen beraubt wurde. Vor allem beim 1:2 durch Douglas Costa sah der Nationalspieler nicht glücklich aus.

Klopp sah über die Unpässlichkeiten seines Vorzeigeprofis mit väterlicher Güte hinweg. „So etwas kann passieren“, sagte der Meistertrainer: „Wichtig ist, dass sich Mats da rausgezogen hat und komplett ins Spiel zurückgekommen ist. Und weil es im Fußball manchmal auch so etwas wie Gerechtigkeit gibt, durfte er den Ausgleich köpfen.“ Auch Hummels selbst war erleichtert über sein spätes Tor. „Das war Achterbahn“, sagte er. „Mein Tor war unfassbar wichtig für mich persönlich und für die Mannschaft.“ Welch schöne Wendung, hätte es da nicht diese traurige Vorgeschichte gegeben. Doch die wird in zwei Wochen mit großer Wahrscheinlichkeit aus den Köpfen des Deutschen Meisters verschwunden sein. Und dann wird es wie gewohnt einzig und allein um das Resultat gehen.

Und da sehen sich die Dortmunder völlig zurecht in der Favoritenrolle. Die Basis für das Erreichen des Viertelfinals sei gelegt, betonte Klopp in der ungemütlichen Nacht von Donezk: „Auch wenn noch längst nichts entschieden ist, können wir mit diesem Ergebnis gut leben.“ Mats Hummels, der Mann des Abends, präzisierte: „Die Chancen stehen nun 55:45 für uns.“

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