Drama im Finale : Hamilton wird jüngster Formel-1-Weltmeister

Er machte es spannend bis zur letzten Kurve. In einem regnerischen Finalrennen reicht Lewis Hamilton der fünfte Platz beim Großen Preis von Brasilien, um Weltmeister zu werden.

Karin Sturm[São Paulo],Christian Hönicke
Hamilton
So sieht ein Sieger aus: Lewis Hamilton. -Foto: dpa

Felipe Massa hatte die Linie überquert, Lewis Hamilton ebenfalls, und für ein paar Sekunden brach in der sonst so durchorganisierten Welt der Formel 1 Chaos aus. Jubel brandete auf in der Ferrari-Box, in der McLaren-Garage fielen sich die Menschen taumelnd in die Arme – aber wer war denn jetzt Weltmeister 2008? Nach ein paar Sekunden konnte man es an Luiz Antonio Massas Gesicht ablesen. Der Vater des Ferrari-Piloten hatte die Nachricht erhalten, und seine Freude wich blankem Entsetzen: In der letzten Kurve der Formel-1-Saison hatte sich der McLaren-Mercedes-Fahrer Lewis Hamilton doch noch auf den fünften Platz vorgeschoben und sich damit den Weltmeistertitel gesichert – als jüngster Pilot aller Zeiten. „Das war das intensivste Rennen meines Lebens“, sagte ein um Worte ringender Hamilton. „Ich war kurz davor, verrückt zu werden.“ Nachdem er vor einem Jahr an gleicher Stelle den Titel noch um einen Punkt verpasst hatte, rettete der Brite nun einen Zähler Vorsprung auf Felipe Massa ins Ziel. Der Brasilianer gewann zwar sein Heimrennen und durfte sich bis zehn Sekunden vor Saisonschluss auch als Champion fühlen. Doch als sich das Tohuwabohu sortiert hatte, stieg Massa mit Tränen in den Augen auf das Siegerpodest des Großen Preises von Brasilien und hämmerte immer wieder mit der Faust auf sein Herz. „Das ist ein sehr emotionaler Tag“, sagte er später, während er mühsam um Fassung rang. „Es hat alles hundertprozentig gepasst, ich war sogar kurz Weltmeister – und dann fährt Lewis noch an Timo Glock vorbei.“

In der Tat hatten zwei Deutsche an den dramatischsten drei Runden der jüngeren Formel-1-Geschichte einen nicht unwesentlichen Anteil: Sebastian Vettel und Timo Glock. Bis acht Runden vor Schluss schien Lewis Hamilton als komfortabler Vierter ziemlich ungefährdet auf dem Weg zum Titel zu sein, doch dann öffnete sich die Wolkendecke über dem Kurs von Interlagos und ließ das Chaos niederprasseln. Alle Piloten fuhren an die Box, um Regenreifen aufzuziehen – fast alle. Timo Glock, bis dahin Zehnter, blieb mit seinem Toyota auf der Strecke. „Ich habe gepokert und bin auf Trockenreifen draußen geblieben“, sagte der Wersauer. Es zahlte sich aus, denn plötzlich fand sich Glock auf Rang vier wieder – vor Hamilton. Nun hätte Hamilton auch der fünfte Platz noch zum Titel gereicht. Doch er hatte die Rechnung ohne Sebastian Vettel gemacht. Der deutsche Shootingstar fuhr ein starkes letztes Rennen für sein Toro- Rosso-Team und rückte Hamilton immer dichter auf den Leib. Zwei Runden vor Schluss passierte es dann: „Lewis kam in einer Kurve ein bisschen weit raus und ich bin innen durchgeschlüpft“, berichtete Vettel, der gar nicht mitbekommen hatte, dass er gerade die Titelvergabe beeinflusst hatte: „Ich wusste gar nicht, auf welcher Position ich lag, ich hatte bei dem Regen genug zu tun.“ Die brasilianischen Fans auf den Tribünen waren besser informiert und tobten, während Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug in diesem Moment „das Wort, das mit SCH anfängt und mit E aufhört“, durch den Kopf schoss.

Hamilton war drauf und dran, schon wieder den Titel auf den letzten Metern zu verlieren. Doch dann kam Timo Glock. Der Toyota-Pilot bog so langsam in die allerletzte Kurve ein, dass weder Vettel noch Hamilton Mühe hatten, ihn zu passieren. So langsam gar, dass sich bald Verschwörungstheorien ausbreiteten. Hatte Glock Hamilton den Titel aus mysteriösen Gründen zugeschanzt? Glock verschluckte sich fast, als er damit konfrontiert wurde. „Um Gottes Willen, nein“, rief er mit einem entsetzten Lachen. „Das ist jetzt vielleicht für den brasilianischen Fan etwas schwierig, aber habe ich das definitiv nicht mit Absicht gemacht. In der letzten Runde war es so nass, dass mein Auto praktisch unfahrbar war. Ich hatte keine Chance – wenn mich Lewis nicht in der letzten Kurve gekriegt hätte, dann hätte er mich auf der Geraden noch geholt.“

So durfte sich Hamilton im Ziel von seinem strahlenden jüngeren Bruder Nicolas umarmen lassen. Dann stürmte er in die McLaren-Mercedes-Box, wo sich unbeschreibliche Freudenszenen abspielten und Hamiltons Familie und seine Freundin Nicole Scherzinger sich minutenlang in den Armen hielten. Wirklich realisiert hatte der neue Weltmeister da noch nicht, was gerade eben passiert war: „Es ist noch nicht angekommen. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, das ist einfach nur ein Traum.“ Felipe Massas Traum, der erste brasilianische Weltmeister seit Ayrton Senna 1991 zu werden, hatte dagegen nur ein paar dramatische Minuten gehalten. Doch der 27-Jährige erwachte als fairer Sportsmann. „Ich gratuliere Lewis, er verdient den Titel“, sagte Massa. „Aber ich verlasse die Strecke erhobenen Hauptes. Und mit einer Gewissheit: Das Rennen endet erst mit der Zielflagge.“

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