Sport : Drama in fünf Sätzen

Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft steht nach dem Sieg über Belgien im Finale der Volleyball-EM.

Lars Becker
Endlich. Die deutsche Nationalspielerin Christiane Fürst feiert den Finaleinzug und die Chance auf die erste EM-Goldmedaille seit 26 Jahren.Foto: dpa
Endlich. Die deutsche Nationalspielerin Christiane Fürst feiert den Finaleinzug und die Chance auf die erste EM-Goldmedaille seit...Foto: dpa

Berlin - Selbst der bald mächtigste Mann im Weltsport war gekommen, um die deutschen Volleyballerinnen im Halbfinale der Europameisterschaft zu erleben. Es war sein erster Besuch bei einer Sportveranstaltung seit seiner Wahl. Und Thomas Bach mag sich bei dem Drama, das sich am gestrigen Freitagabend in der Berliner Max-Schmeling-Halle abspielte, an die Stunde vor der Verkündung seiner Wahl zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) erinnert haben. Nur dauerte diese Geschichte über zweieinhalb Stunden, aber sie hatte den Glücksmoment und den Finaleinzug auf Seiten der Deutschen.

Nach 0:2-Satzrückstand triumphierte der Gastgeber in einem hochspannenden Spiel noch mit 3:2 (18:25, 20:25, 25:21, 25:21, 15:11) gegen Belgien. Der Traum von der ersten EM-Goldmedaille seit 26 Jahren und dem ersten Triumph eines gesamtdeutschen Teams lebt damit weiter. Gegner im mit 8500 Zuschauern bereits ausverkauften Finale am heutigen Sonnabend (20 Uhr, live bei Sport 1) ist Rekord-Europameister Russland, der in dem anderen Halbfinale Titelverteidger Serbien mit einem 3:0 entthront hatte. Das ist durchaus ein gutes Omen. Bei den bisher zwei deutschen EM-Goldmedaillen 1983 und 1987 gewann die DDR im Finale jeweils 3:2 gegen Russlands Vorgängerstaat Sowjetunion.

Thomas Bach hatte alles natürlich schon vorher gewusst: „Ich gehe davon aus, dass die deutsche Nationalmannschaft gewinnen wird. Das Team ist ein eingeschworener Haufen und die Atmosphäre hier in der Max-Schmeling-Halle ist schon vor dem ersten Aufschlag beeindruckend. Die Zuschauer werden der siebte Mann in der Partie sein und ihre Mannschaft motivieren.“ Tatsächlich war das auch so, denn die 7137 Zuschauer trieben die deutsche Mannschaft zu einer kämpferisch schier unglaublichen Leistung. Nach dem von Heike Beier verwandelten Matchball löste sich die Spannung in großem Jubel. Die deutschen Spielerinnen begruben in einer Menschentraube Bundestrainer Giovanni Guidetti unter sich. Gold hatte er vor der EM als Ziel ausgegeben, nun ist Gold nur noch einen Sieg entfernt. „Ich hab keine Worte. Ich weiß gar nicht, ob ich lachen oder weinen soll“, sagte Spielführerin Margareta Kozuch: „Der Glaube und harte Arbeit haben uns geholfen. Wir wollten einfach nicht zulassen, dass Belgien unser Finale spielt.“ Schon fünf Duelle zwischen beiden Teams hatte es zuvor in diesem Jahr gegeben, immer spannend. Beim letzten Aufeinandertreffen hatte die deutsche Mannschaft im Finale der Europaliga knapp mit 3:2 gewonnen, doch dieses Halbfinale der Europameisterschaft übertraf dieses Spiel noch einmal.

Fokussiert, vielleicht zu fokussiert startete die deutsche Mannschaft in dieses wichtigste Spiel seit Jahren. Die Belgierinnen traten dagegen im ersten EM-Halbfinale ihrer Geschichte ganz locker auf. Fast jeder von der erfahrenen Zuspielerin Frauke Dirickx eingefädelte Angriff war ein Punkt, während die in der Annahme wackelnden Gastgeberinnen ihre Chancen einfach nicht nutzten. Ihnen fehlte auch das Glück: Viermal bemühte das deutsche Team bei der EM-Finalrunde in den ersten beiden Sätzen bei knappen Referee-Entscheidungen den Videobeweis, kein einziges mal wurde für sie entschieden.

Chefcoach Guidetti redete auf seine Frauen ein, gestikulierte in den Auszeiten, doch die Verkrampfung wollte sich einfach nicht lösen. Erst als es beim Stand von 0:2 fast schon zu spät war, besannen sich die deutschen Volleyballerinnen auf die Stärken, die sie bis ins Finale gebracht hatten. Saskia Hippe und Lisa Thomsen brachten von der Auswechselbank neue Impulse – und die Belgierinnen begannen zu wackeln. Der 1:2-Anschluss wurde von den Zuschauern frenetisch bejubelt, doch die Verkrampfung löste sich erst beim 9:14-Rückstand im vierten Satz so richtig. Volles Risiko wurde jetzt gespielt, das Team kämpfte nun um jeden Ball. Libero Lenka Dürr wehrte in der Abwehr artistisch Bälle ab, Christiane Fürst baute am Netz eine fast unüberwindbare Mauer auf und Maren Brinker verwertete die Angriffe.

Selbst dem körperlich kleinen Thomas Bach fiel es nach diesem Spiel schwer, auf der Tribüne eine neutrale Miene aufzusetzen. Aber er hatte ja auch eine plausible Entschuldigung: „Bis einschließlich Montag bin ich ja noch Präsident des Deutschen Olympischen Sport-Bundes – und somit habe ich natürlich der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft und Trainer Giovanni Guidetti die Daumen gedrückt.“

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