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Drama um Natalie Charlos : Sportlerin kollabiert bei Schwimm-EM in Berlin

Die polnische Schwimmerin Natalie Charlos ist im Freiwasser-Wettbewerb der EM in Berlin kollabiert. Betreuer üben heftige Kritik an den Verantwortlichen. Dass es im Männerrennen zwei deutsche Medaillen gibt, gerät zur Nebensache.

Helfer ziehen die 21-jährige Polin aus dem Wasser.
Helfer ziehen die 21-jährige Polin aus dem Wasser.Foto: dpa

Gemeinsam lächelten Thomas Lurz und Rob Muffels nach Bronze und Silber vom Siegertreppchen - der „Schock“ des dramatischen Auftakts der Schwimm-EM hatte sich aber auch bei den beiden Freiwasser-Assen noch nicht ganz gelegt. Drei Stunden nachdem Muffels langjährige Vereinskollegin Natalie Charlos bewusstlos aus dem Wasser in Berlin-Grünau gerettet und an Land lange behandelt wurde, galten die Gedanken weiter der 21-Jährigen.
„Das ist erstmal hart für mich, mit Natalie bin ich früher in Elmshorn zusammen geschwommen, sie ist eine gute Freundin. Das ist erst mal ein Schock, das musste ich erst einmal verarbeiten“, beschrieb der 19-Jährige seine Gefühle nach Platz zwei über fünf Kilometer hinter dem Briten Daniel Fogg und vor Lurz.

Die wichtigste Nachricht des ersten Wettkampftages, den die Niederländerin Sharon van Rouwendaal mit dem ersten Titel der EM über zehn Kilometer eröffnete, war die vom Gesundheitszustand der jungen polnischen Schwimmkollegin. „Sie hat sich überanstrengt, mittlerweile ist sie aber wieder so weit stabil“, sagte DSV-Mannschaftsarzt Alexander Beck und unterstrich die dramatischen Sekunden des Zehn-Kilometer-Wettkampfs. „Wenn da keiner daneben ist und sie rausholt, ertrinkt sie.“ Auch Rekordweltmeister Thomas Lurz, der bei der Zwischenzeit vor Muffels und dem am Ende fünftplatzierten Würzburger Teamkollegen Sören Meißner geführt hatte, haderte nach dem Fünf-Kilometer-Rennen weiterhin mit der zögerlichen Rettung von Charlos. „Ich habe schonmal erlebt, wie jemand beim Freiwasserschwimmen gestorben ist, weil die Leute etwas unachtsam waren. Da muss man schnell agieren wenn so etwas passiert.

Rob Muffels und Thomas Lurz konnten sich über ihre Medaillen nicht freuen

Da kann man nicht erst gucken, sondern muss sofort ins Wasser springen“, erklärte der 34-Jährige. „Da hatten wir sehr viel Glück.“ Noch im Wasser kümmerten sich die deutschen Freiwasserschwimmerinnen Angela Maurer (Platz 13) und Svenja Zihsler (17.) um die bewusstlose Natalie Charlos. „Ich hoffe, dass Natalie sich wieder erholt. Sie hat wohl schon Schaum vor dem Mund gehabt, und das ist sehr kritisch. Als ich am Boot war, da war sie schon bewusstlos“, schilderte Maurer. Die WM-Dritte blickte immer wieder besorgt zur Schwimm-Kollegin, die 20 Meter entfernt behandelt wurde.

Wie bei Lurz kamen auch bei Maurer Gedanken an den gestorbenen Francis Crippen auf. Der Amerikaner war im Oktober 2010 bei einem Rennen in den Vereinigten Arabischen Emiraten gestorben. Als Folge wurde danach unter anderem die Zahl der Begleitboote erhöht, um mehr Sicherheit zu gewährleisten. Nach Crippens Tod sind die Freiwasser-Verantwortlichen besonders beim Sicherheitsthema sensibilisiert, umso unverständlicher war das Handeln nach dem Kollaps der Polin für den deutschen Bundestrainer.

Der deutsche Bundestrainer schrie am Streckenrand "wie am Spieß"

„So ein Dreck von der DLRG. Erst die Sonnenbrille abnehmen und dann erst ins Wasser“, kritisierte Stefan Lurz. Er habe „wie am Spieß“ geschrien, um auf die Situation hinzuweisen - wie auch andere Trainer und Beobachter.
„Wir müssen sie noch mal eindringlich einweisen und sensibilisieren“, erklärte der besorgte DSV-Leistungssportdirektor Lutz Buschkow in Richtung der Rettungskräfte. Laut den Regeln soll ein Athlet mit Handzeichen den Begleitbooten klarmachen, dass er Hilfe benötigt und das Rennen aufgibt. Das aber konnte die Polin nicht mehr. Geschwächt vom hohen Renntempo hatte sie die falsche Strecke genommen und konnte sich vor dem Ziel alleine nicht mehr über Wasser halten.

Bundestrainer und Leistungssportdirektor durften zum Abschluss des ersten von zwölf Wettkampftagen eine erfreuliche Auftakt-Bilanz verbuchen - und bis zur nächsten Chance dauerte es keine 24 Stunden. Am Donnerstag greift das Team um Thomas Lurz über zehn Kilometer erneut an, die Frauen kämpfen über fünf Kilometer um die EM-Ehren.

Einen faden Beigeschmack hinterließen zum Start vor spärlich besetzten Rängen die Siegerehrung des Damen-Rennens und die EM-Eröffnung. Bei diesen beiden offiziellen Programmpunkten stand Charlos' Krankenwagen nur wenige Meter entfernt. (dpa)

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