Sport : Dramen ohne Ende

Englands Team scheitert vor allem an sich selbst

Robert Ide[Gelsenkirchen]

Wie viele Dramen verträgt eine Mannschaft? David Beckham, Englands Kapitän, humpelt mit Knieschmerzen vom Feld, tränenüberströmt nimmt er auf der Bank Platz. Ein weinender Gott, ausgewechselt. Wayne Rooney, Englands Stürmer, tritt dem Portugiesen Ricardo Carvalho zwischen die Beine, wütend verlässt er das Feld, kickt einen Wasserbehälter Richtung Tribüne. Ein dummer Held, der seine eigenen Nerven zerreißt. Dann das Elfmeterschießen mit Frank Lampard und Steven Gerrard. Zwei Hoffnungsträger im Wartestand, aus elf Metern an sich selbst gescheitert. Aufs Finale hatte England gehofft, „das Aus im Viertelfinale wird dieser Mannschaft nicht gerecht“, wispert Trainer Sven-Göran Eriksson nach dem 1:3 in der Elfmeter-Lotterie. Es ist Erikssons letzter Einsatz für England, nun übernimmt Assistent Steve McClaren. Doch das Drama um den demontierten Trainer ist längst eine Randgeschichte.

Am nächsten Tag löst sich die Mannschaft auf. David Beckham gibt in einer stockenden Erklärung die Kapitänsbinde zurück. „Ich wäre lieber als Weltmeister zurückgetreten und nicht mit diesem bitteren Ende“, sagt Beckham. Längst warten Frank Lampard, Steven Gerrard und John Terry darauf, auch faktisch die Macht zu übernehmen. Dabei spielten die drei ähnlich monolithisch wie der Kapitän. Tragischer ist, dass Beckhams fußballerisches Andenken vor den Augen der Welt zerbröselt ist. In der Vorrunde trug der 31-Jährige die Kapitänsbinde spazieren. Das Achtelfinale gegen Ekuador entschied er mit einem Freistoßtor. Aus Angst vor dem Verlust seiner Reputation verausgabte er sich, bis er sich auf dem Rasen übergeben musste. Doch gegen Portugal erkannte das Publikum, dass der Star von Real Madrid außer Form für fußballerische Großtaten ist. Seine Herausnahme vermochte sein Team mit Lauf- und Kampfstärke zu kompensieren.

Doch den zweiten Schock vertrug die englische Mannschaft nicht mehr. Wayne Rooney, der Straßenfußballer aus Liverpool, von 40 000 fantastischen englischen Fans bei jeder Ballberührung gefeiert, trat um sich und traf Ricardo Carvalho. Warum hat er das getan? Für Rooney, der das Stadion nach der Roten Karte mit gesenktem Kopf und wortlos verließ, dürfte diese Frage auf absehbare Zeit zum Lebensthema werden. „Roo’s to blame“, titelte die „Sun“ am Sonntag. Dabei war der 20-Jährige nach seinem geheilten Mittelfußbruch von Spiel zu Spiel unberechenbarer über den Rasen geeilt. Doch Trainer Eriksson ließ ihn nur als alleinige Spitze spielen. Lediglich vier Stürmer hatte Eriksson mitgenommen – eine Fehlkalkulation. Rooney und Michael Owen waren angeschlagen gekommen, Owen musste nach einem Kreuzbandriss abreisen. Übrig blieb der Zwei-Meter-Mann Peter Crouch, der auch nach seiner Einwechslung gegen Portugal wie ein Storch übers Feld stakste – groß genug, um weite Flanken zu erreichen, aber nicht wendig genug, um mit ihnen etwas anzufangen. Als letzte Alternative saß Theo Walcott auf der Bank. Der 17 Jahre junge Arsenal-Angreifer kann ein Länderspiel vorweisen.

Ihr Elfmeter-Trauma werden die Engländer wohl nie ablegen (siehe Seite 2). Dass die Mannschaft aber bei ihrem besten Auftritt während dieser WM nicht in der regulären Spielzeit zum Sieg kam, war nicht nur tragischen Umständen geschuldet. Wayne Rooney hatte keine Unterstützung im Angriff, David Beckham zu wenig Hilfe im Mittelfeld. Beide Stars brachen unter der Last zusammen, die Hoffnungen einer fußballvernarrten Nation tragen zu müssen. Diese muss jetzt viele Dramen verarbeiten. Gut möglich, dass nach Beckhams halbem Rücktritt nun Rooney diese Last schultern muss.

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