Sport : „Drauf, drauf, drauf“

Reintjes fühlt sich als Sündenbock der Basketball-Bundesliga

Benedikt Voigt

Berlin. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Wolfgang Kram nicht an jenem folgenreichen Freitag wegen einer Beerdigung früher gegangen wäre. Oder wenn Marco Baldi nicht zu seiner kranken Tochter ins Krankenhaus gemusst hätte. Oder wenn wenigstens Wolfgang Wiedlich Zeit gefunden hätte, die Klausurtagung der Basketball-Bundesliga (BBL) zu besuchen. Doch diese drei einflussreichen Persönlichkeiten aus der Liga fehlten, und so traf am Ende einer langen, emotionalen Diskussion Otto Reintjes die Entscheidung, dem Mitteldeutschen BC mit sofortiger Wirkung die Lizenz zu entziehen. Es war, wie sich längst erwiesen hat, ein großer Fehler.

Otto Reintjes spricht nicht mehr über jenen unglückseligen Freitag, den 26. März. „Ich habe alles gesagt, was zu sagen ist“, äußert der Mann, dessen Funktion die Basketball-Bundesliga „Commissioner“ genannt hat. Womöglich ist er das nicht mehr lange. „Die Demontage meiner Person ist in vollem Gange“, sagt der 54-Jährige. Die Berichterstattung mancher Zeitungen empfindet er als tendenziös. Aufgeschreckt hat Reintjes auch die Aussage eines ungenannten Vereinschefs, der in der „Frankfurter Allgemeinen“ sagt: „Es gibt mit fast allen Sponsoren Streit, auch mit dem Fernsehen. Otto Reintjes ist beratungsresistent, er verhält sich fast wie ein Sonnengott.“ Zudem soll sein Verhältnis zu Liga-Präsident Wolfgang Kram nicht erst seit jenem Freitag gestört sein.

Jetzt scheint es sich zu rächen, dass sich Reintjes in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeit als das Gesicht der Basketball-Bundesliga profiliert hat. Weil ihm nun auch die Probleme der Liga persönlich angelastet werden. Und die sind momentan groß. Seit dem spontanen Lizenzentzug hat die Liga ein Imageproblem. „Das Erscheinungsbild der BBL ist schlecht, da brauchen wir gar nicht herumzureden“, sagt Alba Berlins Vizepräsident Marco Baldi. Der Mitteldeutsche BC, der einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt hat, hat eine einstweilige Verfügung eingereicht und darf die Saison zu Ende spielen. Die Liga hält zwar die Entscheidung des Lizenzentzuges aufrecht, hat ihn aber nun auf den 30. April datiert. „Das ist jetzt ein schwebendes Verfahren“, sagt Reintjes.

Der Liga-Bevollmächtigte fühlt sich zu Unrecht als Sündenbock dargestellt. „Plötzlich soll ich für alles verantwortlich sein: für das Fehlen eines Hauptsponsors, für die Insolvenz in Hagen, für die Entscheidung, die Liga auf 16 Vereine aufzustocken“, sagt Reintjes, dessen Vertrag 2005 ohnehin ausläuft. „Es geht immer nur: drauf, drauf, drauf.“ Manche Berichte seien nicht richtig. „Wir haben in der Liga keinen finanziellen Engpass“, erklärt er, „wir haben Rücklagen, die bis weit in das nächste Jahr hineinreichen.“ Allerdings sei es auch richtig, dass die Liga gegenwärtig zukünftige Finanzierungsmodelle diskutiert, falls weitere Einnahmequellen, also etwa ein Liga-Hauptsponsor, ausfallen.

Marco Baldi möchte sich nicht öffentlich an der Personaldiskussion beteiligen. „Ich bin weder für einen Sündenbock“, sagt der BBL-Vizepräsident, „noch für einen Märtyrer.“ Der Berliner Basketball-Multifunktionär plädiert für eine nüchterne Aufarbeitung der Ereignisse, „losgelöst von Personen“.

Das dürfte in den nächsten Wochen passieren. Noch gibt es keinen Termin für das nächste Treffen der Arbeitsgemeinschaft der Bundesligavereine. „Das muss jetzt äußerst sorgfältig geplant werden“, sagt Baldi, „es laufen ja bereits einige Gespräche.“ Vor allem müsse diese Versammlung mit einem Ergebnis enden. Otto Reintjes weist die Zuständigkeit für die Einberufung jener Versammlung von sich. „Dafür ist das Präsidium zuständig.“ Womöglich wird dann auch bereits über die Verantwortlichkeit in der Affäre Mitteldeutscher BC diskutiert. Danach könnte es durchaus passieren, dass man Otto Reintjes nicht mehr so oft sieht.

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